Richtig gegen Rechts
Text: meredith-haaf
Rechte Gewalt ist im politischen Alltag angekommen. Am Wochenende wurde in Berlin ein junger Wahlkampfhelfer der SPD von Skinheads krankenhausreif geprügelt. Politiker beklagen, dass ihre Veranstaltungen von Rechtsextremen sabotiert oder sogar verhindert werden.
Wie verhält man sich in einem ausländerfeindlichen, gewaltbereiten Klima? Birgit Jagusch arbeitet im Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. als Beraterin: Sie bringt Bürgern bei, richtig mit Rechtsextremismus umzugehen.
Frau Jagusch, ich würde Ihnen gerne drei Situationen schildern und Sie sagen mir, wie ich darauf optimal reagiere.
Die eine richtige Reaktion gibt es aber nicht, das muss jedem klar sein, der mit Rechtsextremismus konfrontiert wird. Es kommt immer auf die Begleitumstände an, ob man die beteiligten Personen kennt oder nicht und in welcher Rolle man selbst steckt.
Angenommen mein Mitschüler behauptet im Geschichtsunterricht, die Juden hätten den Holocaust erfunden. Wie geht man damit um?
Ganz wichtig ist es in dieser Situation, nicht mit moralischer Empörung anzukommen. Statt emotional zu werden, sollte man sich lieber melden und den Lehrer für das eigene Anliegen – nämlich diese These zu widerlegen – gewinnen. Das ist in diesem Fall, wo es ganz einfach um Fakten geht, nicht so schwer. Dann ganz einfach jeden einzelnen Punkt vortragen. Sollte der Schüler Teil einer Gruppe sein, empfiehlt es sich auch, ihn daraus zu isolieren und alleine mit ihm zu diskutieren.
Wie reagiere ich als Dunkelhäutige am besten, wenn ich auf der Straße von einer Gruppe Neonazis blöd angemacht werde?
Als aller erstes Verbündete suchen. Am besten man spricht Passanten an und bittet sie um Hilfe. Wenn das funktioniert, lösen sich solche Situationen oft ganz schnell auf, weil die Täter Angst bekommen. Manchmal ist es aber auch frustrierenderweise so, dass einem niemand beistehen will. In so einem Fall muss man versuchen, so selbstbewusst und ruhig zu bleiben, wie möglich. Auf keinen Fall zurück schimpfen oder aggressiv werden. Aber auch nicht einschüchtern lassen – denn dann fühlen sich die Aggressoren nur noch stärker und die Gewaltschwelle sinkt. Für alle Zeugen so einer Situation gilt: Das wichtigste ist, Solidarität mit dem Opfer zu zeigen, ihm das Gefühl geben, dass es nicht allein ist.
Ich stehe alleine an einer Bushaltestelle. Neben mir grölt eine Gruppe Springerstiefelträger antisemitische Parolen. Ich empfinde ihre Äußerungen als unerträglich, auch wenn sie mich in Ruhe lassen. Muss ich nicht trotzdem etwas sagen, auch auf die Gefahr hin, zusammen geschlagen zu werden?
Meiner Ansicht nach ist Zivilcourage niemals überflüssig, auch wenn in so einer Situation keine konkrete Gefahr für Personen gegeben ist. Ganz wichtig ist hier aber, Chancen und Risiken abzuwägen. Wenn es dunkel ist und niemand anderes an der Haltestelle steht, ist das Risiko, Schaden zu erleiden sehr hoch. Man kann aber warten, bis der Bus kommt und dann den Fahrer darauf aufmerksam machen, dass hier gepöbelt wird. Antisemitische Parolen sind nach §130 StGB ein Straftatbestand – der Fahrer kann die Täter also auffordern, den Wagen zu verlassen und die Polizei rufen. Oder man nimmt mit einem Multimediahandy alles auf und geht damit zur Polizei.
Wie bringen Sie Leute den Umgang mit Rechtsextremismus bei?
IDA bietet bundesweit Trainings und Schulungen für Pädagogen oder Sozialarbeiter. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze: Durch Argumentationstraining lernt man, sich in eben solchen Situationen wie gerade beschrieben, richtig zu verhalten. Mit einem eher kognitiven Ansatz versuchen wir zu ergründen, welche Strukturen und Rahmenbedingungen Diskriminierung ermöglichen oder begünstigen.
Ende 2006 laufen einige Bundesprojekte zur Antirassismusarbeit aus, es war auch schon häufiger von Mittelkürzungen die Rede. Kommt eine Katastrophe auf die Rechtsextremismusprävention zu?
Ganz so dramatisch ist es nicht. Tatsächlich waren Programme wie ENTIMON und CIVITAS von vorneherein als Sonderprogramme gedacht, es ist also ganz normal, dass die jeweiligen Organisationen jetzt neue Finanzierungsanträge stellen müssen. Meines Wissens versucht die Bundesregierung aber, ein neues Programm einzuführen. Das Problem ist in meinen Augen vielmehr, dass das immer zeitlich begrenzte Modellprojekte sind. Die Mittel für Antirassismusarbeit müssten einfach verstetigt werden, also ein Geldtopf geschaffen, der immer zur Verfügung steht. Gerade die Opferberatungsstellen zittern gerade um ihre Existenz. Und die sind so wichtig, dass sie institutionell gefördert werden sollten. Gerade die Länder müssten da viel aktiver werden.
Apropos Länder: Was halten Sie denn von dem Vorschlag der Mecklenburg-Vorpommern-SPD, doch noch mal einen NPD-Verbotsantrag zu stellen? Das entspricht doch der Maxime: Mit Nazis diskutiert man gar nicht erst.
Diese Verbotsdiskussion ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits finde ich es auch unerträglich, dass diese Partei mit meinen Steuergeldern finanziert wird. Andererseits hat schon das letzte Verbotsverfahren der NPD nicht wirklich geschadet. Ein Problem ist ja auch, dass eine Partei wenigstens einigermaßen transparent ist. Dagegen sind die gefährlichen Kameradschaften, in denen viele Rechtsextreme organisiert extrem schwer zu erfassen.
Aber gerade die Kameradschaften scheinen ja derzeit massenhaft in die NPD einzutreten.
Das kann man so nicht sagen. Der Anteil der Neonazis ist in der NPD schon gestiegen. Aber die rechte Szene ist massiv gespalten. Das eine Lager empfindet es als Verrat an den eigenen Werten, sich in das etablierte System einzugliedern. Sie sagen: Wir sind der nationale Widerstand, wir sind das, was die APO in den 60er Jahren war. Die andere Seite sieht die Partei als ideale Möglichkeit, das parlamentarische System von innen zu beeinflussen.
Neben der Gewalt.
Im Gegenteil – die Kameradschaften distanzieren sich eher von gewalttätigen Methoden. Die wollen mit Schlägern offiziell nichts zu tun.
Das heißt, wer einen Ausländer verprügelt, tut das auf eigene Verantwortung.
Genau. Die Kameradschaften versuchen eher, über soziales Engagement ihre Klientel zu gewinnen. Die räumen den Wald auf oder veranstalten Jugendcamps und füllen so das Vakuum, das andere zivilgesellschaftliche Akteure gerade verlassen haben. Gerade die ländlichen Gegenden sind dafür anfällig. Wenn die Mehrheit der Leute diese Orte verlässt, bleiben diejenigen übrig, die eh schon marginalisiert sind. Die freuen sich dann über ein Freizeitangebot.
Bilder: dpa, ddp