25.08.2006 - 13:18 Uhr

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New Historism

Text: derien

In der Schule habe ich Geschichte gemocht. Mein damaliger Lehrer war kein ausgebildeter Lehrer. Er war Doktor der Geschichte und hatte aufgrund finanzieller Engpässe den Weg in die Schule gefunden. Der gutherzige Mensch steckte voller Wissen. Der Mann war die Geschichte selbst. Bei seinen Ausführungen und Erläuterungen konnte man viel lernen. Die Art und Weise uns Schüler zu unterrichten, war eine, die nicht im Lehrplan vorgesehen war. Er erzählte uns schauderhaftige Geschehnisse, die ein jünger Schüler wohl nicht zu Gehör hätte bekommen sollen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er uns ein mal von Leichen aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei einem Transport in Hamburg vom Lastwagen fielen, erzählte. Gleich darauf soll sich verzweifelt eine Masse von Menschen auf die herabgefallenen Leichen gestürzt haben, weil sie seit Tagen nichts anderes mehr zu essen gefunden hatten. Es war nur eine seiner Geschichten aus dem Krieg, aber sie ließ mich schaudern.Er ist einer der Wenigen gewesen, die mich das Fürchten vor dem Kriege lehrten. Einer seiner Leitsätze, die er uns verinnerlichte, war, die Geschichte zu hinterfragen. Heute stehe ich seinetwegen der Geschichtsschreibung skeptisch gegenüber. Ich habe einen Ekel vor ihr. Mein Opa starb im Zweiten Weltkrieg. Er starb im 1940 im westeuropäischen Feldzug. Wenn man die Geschichtsbücher wälzt, liest man Namen wie den von Generaloberst von Rundstedt oder den des Generals Erich von Manstein, der den Operationsplan Sichelschnitt für den Westfeldzug führte. Mein Opa taucht in keinem dieser Bücher auf. Die Namen vieler anderer Verstorbener findet man genauso wenig. Irgend wann wird man in den Geschichtsbüchern lesen, dass George W. Bush versuchte den Irak zu demokratisieren. Wie bei meinen Opa wird der Name vieler GI´s, die im Irakkrieg ihr Leben ließen, in den Büchern nicht auftauchen. Es ist immer so. In den Büchern steht, dass es der Große Alexander war, der mit seinem Heer 331 v. Chr. den persischen König Dareios III. besiegte, dass es der punische Feldherr Hannibal und seine Truppe war, die im zweiten punischen Krieg sechsunvierzigtausend Römer töteten, zweiundzwanigtausend gefangen nahmen und somit den Römer eine schwere Niederlage zuführten. Es war die Schlacht um die Bergfestung Alesia, die 52 v. Chr. zur Unterwerfung Galliens durch wen, genau, durch Julius Caesar führte. Das zieht sich bis heute fort. Es waren nur die großen Individuen. Die großen Männer. Die großen Persönlichkeiten. Die werden in den Büchern verewigt. Der kleine Mann fällt immer unter die Beifügungen: mit seinem Heer, mit seinen Truppen. Mein Großvater war ein großer Mann. Für meine Großmutter war er groß, nicht, weil er tötete und schlachtete, sondern, weil er für meine Großmutter der einzige Grund war, weiterzuleben. Er hatte Größe und die hätte er nicht durch Krieg beweisen müssen. Aber was hatte man damals für eine Wahl? Und welche Wahl hat man heute? Krieg ist ein lukratives Geschäft! Viele Nationen, darunter auch die deutsche, verdienen am Export oder am Know How von Waffensystemen. Es ist eine zynische Angelegenheit. Zwar führt die deutsche Nation seit ein paar Generationen keinen Krieg mehr, aber sie liefert dennoch, dank deutscher Ingenieurkunst und Erfindertum, moderne Waffen oder militärische Entwicklungen an Nationen auf der ganzen Welt. Dank unseres Beitrags sterben Menschen auf dem ganzen Globus! Oft sind Zivilisten darunter. Familien, Väter, Mütter, Kinder, die aufgrund Entscheidungen millionenschwerer Vorstandsvorsitzender ihr Leben lassen. Deutschland selbst lieferte beispielsweise Unterwasserboote, gepanzerte Truppentransporter vom Typ "Dingo" oder verkaufte die Technik deutscher Ingenieurkunst, wie Motor, Getriebe und Kanonen für Kampfpanzer, Maschinenpistolen vom Typ M5 oder das Sturmgwehr vom Typ G3. Die Liste ist lang. Es ist ein Milliardengeschäft, bei dem kein Platz für Idealismus ist. Das Geschäft sichert Wohlstand und Arbeitsplätze, wenn nicht unsere aufgeklärte Nation liefert, dann wird es eine andere machen. Das fließende Geld scheint mehr Wert wie das fließende Blut zu haben und so ist es für die Geschichtsbücher auch nicht prinzipiell wichtig, woher die Waffe oder die Bombe kam, durch die mein Großvater sein Leben lassen musste. Er starb jung, ohne später nennenswert erwähnt zu werden. Manchmal wünschte ich, er wäre noch lange bei uns geblieben. Die Familie hätte ihn gebraucht. Erich von Manstein, der 1949 von einem britischen Militärgericht zu 18 Jahre Haft verurteilt wurde, ist schon 1953 wieder freigelassen worden. Er wurde fünfundachtzig Jahre alt.


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