09.08.2006 - 19:29 Uhr

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Zwischen Leben und Sex: Trost. Los.

Text: regenstuermerin

Es kommen Mails, SMS, Anrufe von denen, die ich davon wissen ließ, nicht viele, dass meine Oma und mit ihr meine halbe Familie gestorben ist. Viel Trost. Der mich kaum erreicht.

Ich erfahre davon: an der Bar, die Beatz von Basement Jaxx live im Ohr, im Killerdress und mit einem fetten Grinsen im Gesicht.
Eine der Freitag-Nächte, die gefehlt haben. So lange, so gut.
Bis zur Nachricht...

Als ich sie das letzte Mal sah, hat sie geschlafen, fiebrig zwar, aber ruhig und... ihre 91-jährige Haut war die eines jungen Mädchens: glatt und weich und rosig. Musste lächeln als ich sie so liegen sah. War schön, sie zu berühren, ihr noch was ins Ohr zu flüstern, ihre Hand zu halten. Ohne Worte. Aber mit viel Gefühl.
Danach ließ ich sie weiterschlafen, ging meine Sparflamme treffen, weil niemand sonst erreichbar war, alle im Sommerurlaub oder im Magisterstress oder einfach nicht erreichbar. Die Sparflamme also, mit der schon lange nichts mehr läuft. Aber ein netter Kerl ist er trotzdem, mit dem man gut in der Goldfisch-Bar sitzen und viel zu gute und viel zu starke Drinks trinken kann.

Bin unruhig, will nicht nach Hause, kann nicht ruhig sein, trinke nicht viel, bin aber definitiv in der Stimmung für mehr Drinks, will nicht schlafen, kann nicht ruhig sein, frage ihn, ob er noch Bock auf Party hat. Er meint klar. Also geht’s los. Kurz nach Hause, umziehen, Killerdress eben, High Heels, weil kein Drum n Bass. Sehr feminin heute, die Frau... so weiblich, wie ich mich fragil fühle.
15 Minuten später Sparflamme abholen, der länger braucht als ich.
Und beeindruckt ist.
Und meint: er darf nicht so viel trinken heute, weil sonst... *zwinkerzwinker*
Oh bitte!
Dass er sich da mal keine Sorgen machen braucht... weil ich egal in welchem Zustand weiß, wo ich wohne und immer nach Hause komme und nie in fremden Betten abstürze, außer ich will es... und das ist so unwahrscheinlich wie Schnee in diesem Berliner Sommer.
Okay.
Er grinst.
Roter Teppich vor dem Club dergestalt: die Schlange fett, kein Warten, werde vom Türsteher vorbei gewinkt, „Ja, er gehört zu mir...“, freier Eintritt + 1.
Manchmal... manchmal da fühlt sich so ein Scheiß einfach gut an.

Monsieur Ex st auch da, bin glücklich, begrüßen uns herzlich und zärtlich: die Wangenküsse. Seit dem großen Fehlen sind manche Dinge einfach wieder gut geworden. Mit manchen Dingen lernt man trotz aller Umstände leben, wenn man sie schon mal komplett vermissen musste. Alles ist besser als... nichts.
„Oh, rasiert?“, lache ich. Irgendwann letztens meinte ich noch, dass er sich ein bisschen gehen ließe, sprich: er hat schon mal mehr auf seine Hände, seine Rasur, seine Klamotten, seine Figur, seinen Duft geachtet...
„Ja, grad vorhin noch schnell...“ Muss lächeln. Er auch. Süß so was.
Stelle die beiden Jungs einander vor, verschweige aber in den nächsten Gesprächen jedem von ihnen, wie ich zum jeweils anderen stehe.
Manche Dinge müssen manche Leute nicht voneinander wissen.

Es gibt Freidrinks, viel zu coole Beatz, viele coole Leute, viel Lächeln...
SMS von Harle, ob ich im Club bin.
Antworte ja und ob er kommen will?
Antwort-SMS kommt... denke ich, lese aber:
„Sie ist gerade friedlich eingeschlafen...“
Sitze auf der Terrasse als die SMS kommt, mitten im Gespräch mit einer Halbbekannten aus der Bass-Szene, verliere den Faden, mein Gegenüber fragt, was los sei, antworte einfach, dass meine Oma gestorben ist, bekomme eine Zigarette und Worte des Trostes, der mich kaum erreicht.
Aber die Zigarette tut gut.
Und das Schweigen danach.
Es sind nicht Worte, die fehlen. Nur manchmal eine Hand, die hält... eben jetzt. Hände, denen ich vertraue... so bescheuert es klingt. Aber berühren und halten lassen --- sind für mich verdammt ähnliche Dinge.
Beides braucht Vertrauen oder etwas, von dem ich nicht weiß, wie es heißt. Denn wäre es nur Vertrauen, dann ließe ich mich von jedem meiner Freunde halten, ohne die Sekunden zu zählen, bis ich wieder „frei“ bin und atmen kann.
Hmm.

Gehe wieder rein. Weiß, wen ich suche, weiß, wo ich ihn finde... das wissen wir fast immer.
Kurz will ich mir lächerlich vorkommen.
Mein Flüstern in sein Ohr, weil er sich auf mein Erscheinen und Lächeln hin zu mir lehnt, irgendwie hat er immer ein Ohr offen für mich, wenn er da an der Bar steht mit allen möglichen Leuten im Gespräch... zu stören scheine ich nur selten.
Ich bekomme keine Worte zurück, dafür die wohl ehrlichste Beileids-, nicht Mitleidsmine, die ich mir vorstellen kann. Danach ist er einfach da. Redet noch mit anderen, Gespräche, in die er mich sofort mit einklinken lässt, aber zwischen den Zeilen: seine Hand hält meine, wenn ich sie suche, drückt sie fester, wenn er sie schon hält und noch mein (Sehn)Suchen spürt.
Bis ich okay bin. Bis ich loslassen und tanzen kann.
„...tanz weiter! Sie hat gern getanzt!“
Ob ich gehen will, fragt mein Begleiter mit mitleidiger Mine, ich schüttle den Kopf, will tanzen, muss tanzen. Ihre letzten Worte an mich waren, dass sie mir wünscht, dass ich glücklich werde... und das hier: gehört dazu.
Manchmal darf man sein Leben nicht vergessen... manchmal: ist gerade jetzt.
Irgendwann, als es schon hell wird und ich wieder allein bin, Sparflamme ist auf dem Weg nach Hause, wieder Monsieur an meiner Seite, ohne Mitleid, nur mit Nähe und Wohlfühlgefühl in seinen Händen.
Tanzen. Tanzen viel und lächeln noch mehr.
Dass ich die schönste Frau auf dem Floor bin wird behauptet... dass ich die wahrscheinlich Betrunkenste bin, ist meine Antwort darauf, bevor ich mich wieder umdrehe zu Monsieur, der irgendwie immer noch immer wieder da ist.
Keine plumpen Anmachen. Nicht von ihm. Noch nie.
Vielleicht deshalb wieder bei ihm.
Dieses Gefühl von... Sicherheit.

Wenn ich stolpere, denn die Heels sehen gut aus, sind aber nicht für betrunkene Morgenstunden in Clubs gemacht, wenn ich also stolpere, nicht oft, nur ein- oder zweimal, dann ist er da, fängt mich, hält mich, seine Hand darf ich nehmen, wann immer mir danach ist... oder er nimmt sie, hält sie, und wenn er geht, dann sagt er:
„2 Minuten, bin gleich wieder da.“
Worauf ich ihn anschaue: mit dem Gefühl im Bauch, dass ich heute Nacht nicht weiß wohin, wenn er geht, und ich weiß, er kann einfach weg sein und ich weiß, wie es sich anfühlt.
So wie dieser Moment, in dem der Herzschrittmacher meine Oma zurückholte, wo sie schon eigentlich schon gestorben war, und wenn sie dann diese 15 Sekunden ansprechbar war, flüsterte sie:
„Furchtbar.“
Atemstockend.
Manchmal ist er genau so.
Er kommt, wenn man es am wenigstens erwartet, und geht, wenn man es am wenigsten will. Schlimmer als ich. Dass ich verstehe, warum ich ihm manchmal Angst mache.
Ob er weiß, dass er mir manchmal genau so viel Angst macht?
„Gleich wieder hier?“ Frage ich. Und bin so verdammt froh, dass auf meine Fragen Lächeln seine Antwort ist.
Wie immer.
Warum verdammt hab ich so viel Angst?
„2 Minuten. Da...“, zeigt auf seinen Drink und seine Zigaretten, „lass ich hier. Pass drauf auf. Bin gleich wieder da.“
Lächle, rauche, gebe kurz Tanzunterricht, als ein Typ mit mir tanzen will, aber ich tanze nicht mit anderen. Nur selten. Also zeige ich ihm, wie’s geht, danach tanzt er mit einer anderen Frau und grinst. Muss lachen.
Bis eine Hand sich von hinten wieder ran schleicht, meine Hand greift, meine Taille... und wir tanzen, einfach so. Kein lernen müssen. Mussten wir noch nie. Auch wenn sich sein Groove ein bisschen verändert hat, ist es immer noch: wie Augenschließen, wie Atmen.
Ganz einfach.

Was wir sonst noch machen in dieser Nacht ist egal. Alles ist hier. Alles ist jetzt. Alles ist echt. Bis wir ein Taxi nehmen, er mich nach Hause fährt... und ich mich im Abschied nicht allein fühle.
Es ist Leben.
So wie auf den Bildern meiner Oma als sie in meinem Alter war und so verflucht schön: immer in Bewegung, immer im Genießen, immer im Freien, immer... lebendig.

Und inzwischen bleiben die Worte von Freunden ein bisschen stiller. Weil sie wissen, ich rede nicht. Nicht darüber. Will ich nicht. Nicht über Tod und Sterben und Verlust.
Erwachsen zu sein bedeutet auch zu spüren, dass darüber reden zwar manchmal Luft macht, aber den Schmerz nicht mindert.
Lieber arbeite ich Nächte im Studio durch oder lasse über Drinks oder Essen Freunde reden über:
Herzscheiß.
Oder Magister.
Oder Urlaub.

Es sind nicht Worte, die fehlen, wenn sie ausbleiben.
Nur manchmal eine Hand, die hält...
So wie die Hand am Sterbebett.
Ohne Worte. Aber mit viel Gefühl.


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regenstuermerin

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BIST DU DIE ANTWORT... WILL ICH DIE FRAGE SEIN.
peh // bass p:rinzessin // berlin

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