29.06.2006 - 19:10 Uhr

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Schlechte Sänger sind sexy

Text: jan-stremmel

Meine Theorie: Jungs müssen nicht singen können, um sexy zu sein. Hauptsache sie singen.

Wenn Popstars sexy sind, dann liegt das nicht daran, dass sie die Töne perfekt treffen. Zum Beispiel Robbie Williams. Ein guter Sänger, klar, aber auch und vor allem ein schöner Mann. Wenn er die Bühne betritt, wabert schon ein Sprühnebel aus Östrogenen durch die Konzerthalle, bevor er das Mikrofon auch nur in der Hand hat. Denn bei Männern wie Robbie Williams ist es eigentlich nur Nebensache, dass sie gut singen können. Entfernte man Robbie die Stimmbänder, er bliebe ein Mann mit großen Augen, kräftigen Oberarmen und putzigen Lachgrübchen. Egal ob er Parkwächter, Heizungsinstallateur oder Barkeeper wäre: Die Mädchen fänden ihn immer toll, jede Wette. Wir Jungs müssen nicht toll singen können, um Mädchen zu beeindrucken. Eine eiserne Jugendzentrums-Regel besagt ja, dass beim Konzert der Schülerband die erste Reihe immer mit weiblichen Fans gefüllt ist, strahlend, mitsingend und bekleidet mit selbstgemalten Band-T-Shirts – Selbst wenn der Sänger gerade erst in den Stimmbruch gekommen ist. Klar, man kann dieses Phänomen der weiblichen Begeisterungsphase in der Pubertät zuschreiben. Dagegen spricht aber, wie viele Bands mit wenig Gesangstalent richtig erfolgreich sind: Johnny Rotten von den Sex Pistols, Sportfreund Peter oder Eminem – sie alle sind berühmt, auf ihre Art sexy und doch: Gesangliche Dumpfbacken.
Ich glaube, dass es sich bei uns Menschen genau umgekehrt verhält wie bei den Kanarienvögeln: Da paart sich das Weibchen am liebsten mit dem besten Sänger. Klar ist es leicht, mit einer perfekt einstudierten Eric Clapton-Coverversion von „Tears in Heaven“, soulige Seufzer inklusive, einen Lagerfeuer-Aufriss zu landen. Oder beim Karaoke-Abend mit einem überlegenen Lächeln die grölenden Jungs beiseite zu schieben und das Lied zu schmettern, mit dem man sich schon zwei Mal bei Star-Search beworben hat. Aber viel verlockender ist es doch, sich unbeholfen an die Gitarre zu setzen, zweimal zu hüsteln und dann stockend einen heute Nachmittag komponierten drei-Akkorde-Song für die Liebste zu singen. Denn während abgeklärte Sänger oft nur selbstverliebt ihr Talent zur Schau stellen, sind mit laienhaftem Singen immer echte Emotionen verbunden. Und was, bitte, ist sexier als ein Junge, der den Mut hat, sich zu seinen Gefühlen zu bekennen, selbst wenn er sich damit zum Gespött macht? Das ist natürlich blöd für talentierte Sängerjungs. Sie wünschen sich heimlich, dass Mädchen wie Kanarienvögel wären – dann müssten sie sich über Hormonstau und einsame Nächte keine Gedanken mehr machen. So aber kann ihnen der völlig unbegabte, aber betrunken-mutige Kommilitone auf der Grillparty ganz schnell die Show und die damit verbundenen Mädchenherzen stehlen. Wir Amateursänger wissen jedenfalls, dass wir kein astreines Vibrato beherrschen müssen, um unseren genetischen Fortbestand zu sichern. Aber wir wissen auch, dass nach einem Lied wieder Schluss sein muss mit Singen. Denn bevor jemand eine Flasche nach uns wirft, widmen wir uns lieber dem frisch eroberten Mädchenherz und lassen den Sängerjungen den Soundtrack dazu spielen. Illu: Marcus Holzmayr


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