22.06.2006 - 21:35 Uhr

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tiefe Trauer ist still

Text: haruki

Ich hörte einmal, dass all die Kaufhäuser und die Artikel in den Regalen, all die Träume die wir uns nicht leisten können, nur da sind um davon abzuhalten an den Tot zu denken. Ich muss daran denken während ich mit billigem Rotwein und einer Gurke in der Schlange stehe. Erdbeere fing an zu weinen als er auflegte. Ich kniete mich neben ihn und fragte was sei. „Tobi ist HIV positiv!“ Sagte er und wischte sich die Tränen weg. In diesen Moment dachte ich und konnte nicht mehr atmen. Tobi war sein letzter Freund, vor Jahren, vor mir. „Erdbeere, wie konnte das sein? Ich meine wie kam es heraus?“ „Er hat versucht sich das Leben zu nehmen und kam ins Krankenhaus, dort, sie habe ihn getestet. Ich habe Angst.“ Tobi ist 19. 19 verdammte Jahre. Mit 14 versuchte er das erste Mal sich umzubringen, es gab zuviele die ihm sagten, dass Schwulsein nicht das ist wofür es sich zu leben lohnt. „Aber, ich meine, dass geht uns nichts an, oder?“ Fragte ich Erdbeere. „Doch, sie wissen nicht wann er sich angesteckt hat, vielleicht, ich meine die Chance ist da.“ „Euer Sex war save oder, Erdbeere, oder?“ „Ja, ja ich denke schon, aber vielleicht ich meine. Wir müssen uns Testen lassen.“ Das war der Zeitpunkt an wir nicht mehr sprachen. Keine Fragen nach den Gefühlen, nur Angst. Wie es ist, beide nahmen es an. Er weinte viel, meine kleine Erdbeere und ich dachte, da ist es und du hast es immer gewusst. Jetzt wirst du jung sterben. Wie sage ich es meiner Mutter, meinen Freunden, wie. Allein, das ist das Wort. Noch nie war ich so allein und so traurig. Tiefe Trauer ist still. Nicht wie die Wut über einen ungerechtfertigten Tot, oder das schmerzhafte Fehlen von jemandem. Es war mein Tot, denn ich mir selbst nicht bereit war zu vergeben. Es ist schön und still dieses Gefühl, denn es ist bescheiden. Nichts mehr zu ändern und so vergab ich allen, ausser mir selbst. Es war tief in der Nacht, das Klingel des Telefons noch in den Ohren, am Boden, es gab nichts mehr was wir tun konnten. Am nächsten Morgen machten wir einen Termin in einer Praxis aus. Ich konnte keine Woche warten. Bevor wir gingen würgte ich Wasser und Magensäure in das Waschbecken. Dann auf dem Weg. Wieder Stille. Die selbe tiefe Trauer, mehr ein Geruch als ein Gefühl, mehr Luft als Schmerzen im Magen. Alles was war, war die Frage, was kommt und wie langsam werde ich sterben. Mein Blut schlängelte sich den dünnen Schlauch entlang, Gift dachte ich. Gift. Und dann raus, schwitzige Hände und bitte bitte lass es nicht so sein. Zurück vorbei an all den Werbungen, den Warnungen, ‚passt auf jede Gurke‘. Nicht sprechen, alles wäre gelogen, nicht wahr Erdbeere, nicht auf seine Stirn schauen auf der nichts stand was ich hätte lesen können. Zwei Tage nur. Zwei Tage. Und e mails an Dota, krud und unverständlich, so verwirrt und in jeder Zeile, Angst. Und beten im Badezimmer, bitte, bitte nicht. Schön, dass war es was mir einfiel. Schön. Und wenn es Aids ist, wenn, dann werde ich mit Erdbeere alt und ich werde ihn immer lieben, immer auch, auch wenn er mich getötet hat. Tobi ist ein hübscher Junge, man kann sagen ich war ein wenig verliebt in ihn, weil er immer glücklich aussah. Ich hätte nie gedacht das ich so fühlen kann wie in diesen Tagen und den schlimmen Nächten, bis ich durch die Vorhänge die Sonne aufgehen sah. Was wird? Dann der Morgen, dieser Morgen und der Termin beim Arzt. Unsere Sprache war immer noch verlogen und still, bis wir gingen. Bis wir zu lange im Wartezimmer saßen und ich das Buch las, dass ich in den drei Nächten gelesen hatte. Der Arzt ein Lächeln, ein „Kommen sie beruhigt mit!“ Und atmen, das erste Mal seit Tagen. Erdbeere ging arbeiten und ich saß allein auf dem Bett. Ass einen Apfel. Rauchte fünf Zigaretten und dachte über die Stille nach, die ich noch nicht abschütteln konnte. So fühlte es sich an, so genau so, es fühlte sich an wie los lassen. Fliegen. So ist es. Und ich weiß, dass ich Erdbeere habe gehen lassen. Das wir nie wieder so reden werden wie wir es gewohnt sind. Weil wir darüber schweigen und es eben kein Happy End ist. Denn Tobi wird sterben. Der hübsche Tobi mit seinen verdammten 19 Jahren. Ich denke mir, dass ich Erdbeere besser lieben kann als ich es tue. Wenn der Winter vorbei ist. Wenn ich nicht mehr fliege, wenn ich nicht mehr so tief fliege und nicht mehr daran denke los zu lassen. Denn eines ist es noch, eines ist noch wahr, aber klingt dumm, hier in der Supermarkt Schlange. Nichts hat sich verändert und doch. Und doch, ich habe los gelassen und da ist kein Boden mehr. Ich setze meine Sonnenbrille auf. Es sähe zu seltsam aus, das hier. Mit Gurke und Wein und Tränen.


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Mag ich Mag ich nicht

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22.06.2006 - 21:39 Uhr
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wahrscheinlich hast du diese "normalen" kommentare satt, aber ich bin wie fast jedesmal sowieso "nur" sprachlos..

Sperlomat
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Mag ich Mag ich nicht

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22.06.2006 - 21:43 Uhr
Sperlomat

Unheimlich dicht der Text, er nimmt mir ein wenig die Luft zu atmen.

falschrum
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Mag ich Mag ich nicht

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22.06.2006 - 21:43 Uhr
falschrum

der text beschreibt tiefe gefühle und verdammt, er ist gut und macht mich nachdenklich. aber es hat mich etwas gestört, ich weiß nicht was. er ist konfus, sehr konfus. vielleicht gehört das aber auch zum thema. zu den gedanken und all dem.

sonnengelb
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Mag ich Mag ich nicht

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22.06.2006 - 21:45 Uhr
sonnengelb

Ergreifend und schön

bambix
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22.06.2006 - 21:59 Uhr
bambix

*

ClaerchenBaerchen
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22.06.2006 - 22:07 Uhr
ClaerchenBaerchen

*

annalabella
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Mag ich Mag ich nicht

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22.06.2006 - 22:43 Uhr
annalabella

toll!

Savoy
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22.06.2006 - 22:56 Uhr
Savoy

Chapeau. Gefällt mir von Aufbau und Stil noch besser als die coming-out Texte, die ja auch ganz gut sind.

miss_moneypenny
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Mag ich Mag ich nicht

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23.06.2006 - 00:11 Uhr
miss_moneypenny

.

luh
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Mag ich Mag ich nicht

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23.06.2006 - 02:39 Uhr
luh

finde ich einen der besten texte den du hier geschrieben hast
doppelstern

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