12.06.2006 - 11:22 Uhr

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Kamikazeherzen

Text: moi_judita

„Zeit sich zu verlieben.“ sagte Mia. Sie drehte sich auf den Bauch und schaute ihn herausfordernd über den Rand ihrer Sonnenbrille an. Philipp hörte auf die Punkte auf ihrem Rock zu zählen - er war gerade bei 281 angekommen - und stützte sich auf die Ellbogen. Es war ein warmer Tag, aber noch nicht warm genug für Anfang Mai. Da waren noch graue Wolken am Himmel, aus denen es jederzeit anfangen konnte zu regnen. Die Unsicherheit des Winters lag noch in der Luft. Nicht viele Mädchen trauten sich schon Röcke und Flip Flops zu tragen und die Jungs ließen ihre T-Shirts beim Fußballspielen an. Die Wiese, die zum steinernen Becken des Aachener Weihers hinunterführte, war nicht so voll wie sonst um diese Jahreszeit. Aus der Luft betrachtet waren Mia und Philipp trotzdem nur zwei kleine braune Punkte inmitten von vielen kleinen Punkten, auffällig nur weil sie auf einer knallroten Decke lagen. Knallrot war Mias Lieblingsfarbe und manchmal dachte Philipp, dass es eins der wenigen Dinge war, die er wirklich von Mia wusste. Ihre Lieblingsfarbe war knallrot, sie trug gerne Sonnenbrillen und zum Frühstück aß sie am liebsten Mohnbrötchen mit Nutella. Und jetzt wollte sie sich verlieben. „Ich mein, es ist Frühling und ich war noch nie so richtig verliebt. Schmetterlinge im Bauch, dämliches Dauergrinsen, epochale Lobgesänge. Der ganze Unsinn. Verstehst du?“ Er verstand, dass Mia luftdurchlässig war. Anders als bei anderen Menschen, schienen Gefühle bei ihr nicht hängen zu bleiben, sie durchwehten sie, brachten sie vielleicht für einen Moment durcheinander, aber sie blieben nicht in ihr. Als würden sie verscheucht, ganz schnell, sobald sie sich ein bisschen zu Hause in ihr fühlten. Und jetzt wollte sie sich auch eigentlich nicht richtig verlieben. Sie wollte für einen kurzen Moment das Gefühl spüren, auf das es irgendwie anzukommen schien in dieser Welt. Sie wollte das, was andere ständig hatten. Er konnte das verstehen. Verliebt hatte er sich schon oft. Einmal zu oft. Und bei diesem letzten Mal hatte er seine Gefühle vakuumverpackt in sich eingeschlossen. Weil sie sie nicht haben wollte, auch wenn er nie gefragt hatte. Er war vorsichtig geworden, seit er Mia kannte. Philipp hatte schnell begriffen, dass das Mädchen, das da zu ihm ins Auto gestiegen war, gefährlich war. Sie hatte dunkelbraune, fast schwarze Haare und riesige blaue Augen. Es dämmerte schon, deshalb hatte sie sich ihre Sonnenbrille ins Haar gesteckt. Sie fragte nicht, wer er sei. Sie riss einfach die Wagentür auf, schmiss ihre riesige knallrote Umhängetasche auf die Rückband und setzte sich auf den Beifahrersitz. Gerade so, als wäre es ihr völlig egal, ob sie da die richtige Mitfahrgelegenheit von Oberhausen nach Köln erwischte. Es war ihr völlig egal. Aber Philipp fragte, ob sie denn Mia sei, weil er ein leichtes Aufblitzen von Angst spürte, irgendwo unten in der Magengegend. Vielleicht war es auch nur die erste Verliebtheit. Vielleicht unterschieden sich diese beiden Gefühle aber auch nicht. Es war ein Gewitterabend. Einer jener schwülen Sommerabende die die Schornsteine des Ruhrgebiets vor der schwarz-gelben Wolkenwand wie eine schlechte Theaterkulisse aussehen ließen. Mia drehte das Radio an, kaum dass sie die Autobahnauffahrt erreicht hatten. Fast wunderte er sich, dass sie nicht mitsang. Sie war eines von den Mädchen die bei allen Lieder mitsangen, egal ob gute oder schlechte oder ob sie selbst eine gute oder schlechte Stimme hatten. Sie sang nicht und sagte nichts. Stattdessen fing sie an seine Kassetten zu durchstöbern. „Du bist einer, der kleinen Indiemädchen schöne Mixtapes mit selbstgebastelten Covern macht, oder?“ fragte sie. Und hätte sie nicht gelächelt, es hätte verächtlich geklungen. Er nickte und dachte an das letzte kleine Indiemädchen, das am Ende ihrer Geschichte, das Band aus den Tapes gezogen und zerschnitten hatte. Er fuhr schneller. „Weißt du, ich heiß eigentlich gar nicht Mia.“ sagte Mia. „Ich heiße eigentlich Marianne und hab als Kind eine Brille mit dicken Gläsern getragen. Aber das weiß keiner.“ „Warum weiß ich es dann jetzt?“ fragte Philipp. „Weil du ein Kamikazefahrer bist.“ sagte sie und warf einen Blick aufs Tacho, das 130 km/h anzeigte. Und du hast ein Kamikazeherz, dachte er und wäre am liebsten noch schneller gefahren um ihr zu entkommen. Aber es war zu spät. Sie saß neben ihm und steckte den Arm aus dem halboffenen Fenster und dem einzigen dem Philipp entkommen konnte, war der Gewitterfront. Nach einer Stunde waren sie in Köln gewesen und nach drei Jahren saß er mit Mia am Aachener Weiher und wusste von ihr immer noch nicht mehr, als ihre Lieblingsfarbe, ihre Liebe zu Sonnenbrillen und Mohnbrötchen mit Nutella. Und er kannte ihr Geheimnis, Mariannes Geheimnis. Und manchmal in unbeobachteten Momenten erkannte er die Unsicherheit in ihrer Geste, mit der sie sich den Pony ins Gesicht strich. Das war vielleicht ihr größtes Geheimnis, ihre Unsicherheit. Sein Geheimnis kannte sie nicht. Sie wusste viel über ihn. Dass, seitdem sie damals in Oberhausen zu ihm ins Auto gestiegen war, kein Monat vergangen war, in der er ihr nicht ein Mixtape geschenkt hatte. Dass er Philipp hieß, einfach nur Philipp. Dass er am Samstagmorgen immer Brötchen mit Sonnenblumenkernen aß. Dass sich sein Lippenpiercing drei Tage nach dem Stechen so entzündet hatte, dass er nicht mehr sprechen konnte. Und dass er davon träumte nach Neuseeland zu reisen. Sie wusste nicht, dass er seinen Namen hasste und viel lieber Rocko geheißen hätte, weil das nicht so gewöhnlich klang. Dass er die Mixtapes nicht machte, weil sie seine beste Freundin war, sondern sein kleines Indiemädchen, obwohl sie lieber Hardcore hörte. Dass er Brötchen mit Sonnenblumenkernen nur aß, weil sie gesünder waren und er Croissants viel lieber hatte. Dass er sich das Lippenpiercing wegen ihr hatte stechen lassen. Dass er morgen nach Neuseeland reisen würde. Für sehr lange Zeit. Vielleicht für immer. Aber wer weiß schon, was für immer ist. „Ich werde mich verlieben.“ sagte Mia. Da war es wieder, das Aufblitzen von Angst oder Verliebtheit oder beidem. Und dann dachte er an morgen. An 10.29 Uhr. An seinen Abflug. Und er lächelte. „Lach nicht so blöd. Ich kann das.“ „Natürlich kannst du das. Du hast ja auch ein Kamikazeherz.“ „Ich habe was?“ „Vergiss es.“ Sie schwieg. „Glaubst du ich kann das?“ fragte sie dann leise und strich sich den Pony ins Gesicht. „Ja.“ Und er dachte, dass sein Herz vielleicht auch ein kleines bisschen kamikaze war, weil er so etwas einfach so sagen konnte ohne dass die Verzweiflung von drei Jahren aus ihrer Vakuumverpackung schlüpfte. Ein paar Stunden später, als er die Punkte auf ihrem Rock durchgezählt hatte – es waren 491 – und es immer noch nicht regnete, rollten sie die Decke zusammen und schoben ihre Fahrräder gemeinsam bis zur Kreuzung. Er umarmte sie. Das hatte er noch nicht oft getan, fiel ihm auf. Mia mochte keine Umarmungen. Für einen Moment wollte er sie nicht mehr loslassen, aber dann tat er es ganz schnell. So schnell dass sie ihn verwirrt ansah und sich wieder den Pony in die Stirn strich. Er gab ihr das Mixtape für diesen Monat. Beklebt mit einem knallroten Kiwi auf schwarzem Grund. Sie sah es an, drehte es in der Hand. „Weißt du ich habe deine Mixtapes nie gehört. Ich konnte nicht. Da war zuviel… Ich weiß nicht.“ „Ich weiß.“ sagte er. „Es ist das Letzte.“ Sie klingelte einmal und lachte, bevor sie auf ihr Rad stieg und davon fuhr. Die Punkte auf ihrem Rock verwischten, je weiter sie sich von ihm entfernte und plötzlich war sie selbst nur noch ein kleiner Punkt.


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2 Kommentare

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SanSimonita
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Mag ich Mag ich nicht

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12.06.2006 - 11:46 Uhr
SanSimonita

ahh, so viele texte auf einmal! da muss ich mir erstma etwas zeit nehmen!

Leben_leben_lassen
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Mag ich Mag ich nicht

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13.06.2006 - 11:15 Uhr
Leben_leben_lassen

den hast du schon mal hier reingesetzt, oder?


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moi_judita unbekannt

moi_judita

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

gold.
Köln