12.06.2006 - 11:16 Uhr

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Rock 'n Roll Leben

Text: moi_judita

Wäre das Licht schwarz-weiß und das ganze ein französischer Film, dann wäre statt der Angst vielleicht Glück in ihrem Bauch zu Hause. Aber die Sonne scheint januarfahl ins Zimmer und so haben die weißen Laken der Matratze auf dem Boden etwas schmuddeliges. Das Paar das eingedreht dort drinnen schläft, sieht auf den ersten Blick nach Liebe aus, aber auf den zweiten nur nach erschöpften Sex. Und sie schläft auch gar nicht, sie schläft nie, wenn er neben ihr liegt. Stattdessen folgen ihre Blicke den Spuren der Nacht durchs Zimmer. Angefangen an der Tür, neben der seine Gitarre und der Verstärker stehen. Dann eine Spur von Klamotten, bei den Schuhen angefangen bis zu Boxershorts, Slip und BH rechts neben der Matratze, die mitten im Raum liegt. Auf ihrer linken Seite gebrauchte Kondome und ein Aschenbecher mit ausgedrückten Joints. Sie beide sind nur weitere Spuren der Geschehnisse der Nacht. Überflüssige lebende Beweise, die nicht mehr aussagen, als die Dinge die sie umgeben. Weil das Klischee dem Betrachter entgegen springt und keine Zweifel offen lässt. Sie wünscht sich diesen Gedanken weit weg. Warum überhaupt denken und nicht einfach nur fühlen? Vielleicht weil es nichts mehr zu fühlen gibt? Es ist vier Uhr nachmittags und bald wieder dunkel. Gleich wird er aufwachen und sie bitten zu gehen. Wie jedes Mal. Und wie jedes Mal wird sie ihre Klamotten anziehen und die Tür hinter sich ins Schloss ziehen, ohne ihm einen Abschiedskuss zu geben. Aber jetzt küsst sie ihn, in den Nacken. Denn das merkt er eh nicht, er schläft immer sehr fest. Mit dem Finger verfolgt sie die feine Linie, die sich zwischen seinen Schulterblättern bildet, wenn er so auf der Seite liegt. Und sie lässt ihre Gedanken dieser Linie folgen. Angefangen an diesem Abend vor sechs Wochen, angefangen als Klischee. Als Flucht nach vorn. Weil sie ihn nicht haben konnte, war sie ihm gefolgt und in einem Pappkarton aus fremden Häusern hinter Bindfädenregen gelandet. Allein in einer neuen Stadt und an ihrem achtzehnten Geburtstag. Verzweiflung hatte sie schon immer mutig gemacht. Geplatzte Träume hatten sie schon immer das Extrem wechseln lassen. Deshalb jetzt der bröckelige Boden eines winterverlassenen Biergartens. Pfützen in denen sich eine Lichterkette als Parodie an den Sommer spiegelte. Unbekannte Räume gefüllt mit unbekannten Gesichtern. Kickertische in der Ecke und Graffitis an den Wänden, die ihre kaputte Struktur verdeckten. Eine Mischung aus Jugendtreff und Rock ’n Roll. Wenig überraschend und sofort vertraut. Und vor allem kein Ort für Gedanken an lichtdurchflutete Sonntagnachmittage im Bett, Geburtstagsschokokuchen und liebevoll aufgenommene Mixtapes. An kompromisslose Glücksgefühle und Geborgenheit. Ein Konzert einer fremden Lokalband. Betäubend, nicht nur in den Ohren, im ganzen Inneren. Mit dem Schlussakkord ein Aufwachen wie nach einer Alptraumnacht. Befreiend und dennoch nicht besser, weil die Realität nicht anders war. Denn plötzlich war da sein Gesicht. Nicht fremd wie all die anderen, sondern so vertraut, wie ihr eigenes Spiegelbild. Nur nicht so zerbrechlich, aber zerbrochen wollte sie es sehen. Dann war da irgendwie auf einmal Matze. Der Sänger. Mit einer Zahnlücke, so groß, dass sie sich fragte, ob er seine rote Gauloise wohl beim Rauchen einfach hineinstecken könnte. Der Gedanke brachte sie zum Grinsen und dieses Grinsen brachte ihn zum Reden. „Du bist neu hier.“ Sie war verwundert wie ruhig seine Stimme klang, die gerade noch so geschrieen hatte. Und sie war verwundert, dass er sofort ihr fremdes Gesicht in einer Menge entdeckt hatte, die für sie nur aus fremden Gesichtern bestand. Er erkannte ihre Überraschung. „Ja, weißte, ich steh hier normalerweise hinter der Theke und nicht auf der Bühne, da kennt man die Leute, die normalerweise so hier sind.“ „Ich dachte hier kennt niemand niemanden.“ „Hier kennt jeder jeden. Es ist eben auch nur eine Stadt mit Leuten drin. Die Stadt ist größer, die Leute sind viele, aber die Möglichkeiten sind gering wie überall und die Gewohnheiten genauso festgefahren.“ Er zuckte mit den Schultern. „Fast ein bisschen desillusionierend.“ sagte sie, für die die Stadt noch aufregend war. „Großstadtleben ist eine einzige Illusion. Auf den ersten Blick sieht sie ganz kribbelig aus, macht Ameisen im Bauch und tut den Augen weh. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man aber das regelmäßige Karomuster.“ „Kleinkariert.“ „Ja, alles ist kleinkariert… Und ich rede kleinkarierte philosophische Scheiße.“ lachte er und zeigte seine Zahnlücke. Im Hintergrund plötzlich ein Lied, das sie an frischgemähtes Gras und Nächte am See erinnerte. Und dieses Spiegelgesicht dahinten in der Ecke schaute zu ihr rüber und kratzte an ihrer Oberfläche. Wischte ihr den meterdicken Lidstrich von den Augen, zog ihr die zerfetzte Jeans und das enge Bandshirt aus, riss ihr die Spangen aus den tupierten Haaren und stellte sie bloß. Für diesen einen Moment war sie wieder die verliebte Siebzehnjährige mit Großstadtabenteuerträumen und Illusionen von händchenhaltender Liebe im Kopf. Matze drückte ihr ein Bier in die Hand und holte sie in diese achtzehnjährige Pseudowirklichkeit zurück. „Ich heiße Lena.“ sagte sie, ohne dass er gefragt hatte. Denn sie wollte, dass er sie kannte. So wie sie ihn kennen wollte. Und deshalb küsste Lena ihn auch. Deshalb und weil das Spiegelgesicht dahinten in der Ecke endlich einen Sprung bekam. Eine halbe Stunde später standen sie draußen im Regen und in ihren Ohren spürte sie immer noch die laute Musik, sie piepten. Das Geräusch gesellte sich zum Quietschen ihrer nassen Chucks. Das hörte er auch und lachte. Und etwas rieselte durch ihren Körper, den Tropfen sehr ähnlich, die sich in ihren Haaren verfangen hatten. Wenn sich ein Gefühl rock ’n roll anfühlen konnte, dann bestimmt dieses hier. Sie mit dem Sänger, Arm in Arm durch die samstagabendliche triste Großstadt, betrunken im Kopf, verzweifelt im Herzen und im Bauch alles scheißegal. Das dachte sie wirklich in diesem Moment und wie bescheuert kam ihr dieser Moment ein paar Wochen später vor. Lena hatte vergessen, wie Matze auf der Bühne gewesen war. So laut, aggressiv, Raum einnehmend. Das war doch sicher alles nur Show gewesen und der Matze, der sich verlegen durch die Haare fuhr und auf die Lippen biss, war der richtige Matze. Sie hatte schon oft mit ihm geschlafen, zu oft, als sie begriff dass es keinen richtigen Matze gab. Vielleicht hatte sie nicht direkt daran gedacht, aber trotzdem hatte sie erwartet, dass er sie morgens in den Arm nahm. Als hätte sie nie die anderen Geschichten gehört. Von One Night Stands und Fickdingern nach denen es kein Frühstück gibt. Kein Frühstück, keine Abschiedsküsse und erstrecht keine verbindlichen Verabredungen. Aber am Morgen danach glaubte sie noch daran und als sie ging, bekifft und verschwitzt, redete sie sich ein, das wäre schon gut so. Denn so war Rock ’n Roll nun mal und das Abenteuergroßstadtleben sowieso. Und ein Happy End gab es immer erst am Ende und nicht am Anfang. Aber sie vergaß schnell, wie es überhaupt angefangen hatte. Denn kleinkarierte philosophische Scheiße redeten sich jetzt nicht mehr. Sie redeten kaum noch. Dabei liebte sie Wörter doch so. Und eine Sehnsucht stellte sich ein. Sehnsucht nach Songzitatdialogen und Lieblingsbücherlesestunden. Aber statt Diskussionen gab es nur Körpersprache. Und die Großstadt musste sie ohne ihn entdecken. Allein ging sie durch fremde Straßen, stieg in die falschen U-Bahnen und lernte fremde Namen fremden Gesichtern zuzuordnen. Nach außen hin gab es keine Verbindung zwischen ihnen. Es gab sie beide als Begriff einfach nicht. Nur in diesem Zimmer, auf dieser Matratze, existierten sie als eine Kombination von Menschen. Und oft dachte sie, dass auch sie allein außerhalb dieses Zimmers einfach nicht mehr existierte. Weil abgesehen von diesen Momenten mit ihm alles so unscharf war. Unscharf bis zu einer weiteren Bindfädenregennacht. Bis zu derselben Musik in denselben Räumen. Bis sie wieder mit Matze an der Theke stand. Und der plötzlichen Erinnerung an ihren Anfang zuliebe, küsste sie Matze. Obwohl sie es nicht durfte, weil es sie beide eigentlich nicht gab. Und hinten in der Ecke dann ein zerbrochenes Spiegelgesicht. Zerbrochen vor allem, weil ihr eigenes nicht mehr dasselbe war. Und sechs Wochen lösten sich auf. Matze fuhr sich unsicher durch die Haare und folgte ihrem Blick nach hinten in die Ecke. Und als sie irgendwann gingen, nahm er ihre Hand und zum ersten Mal biss er sich auf die Lippen nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Es war der Moment in dem das Klischee zerbrach und Lena begriff. Die Linie endet oberhalb seines Hinterns. Ihr Finger bleibt reglos dort liegen. Noch ein Kuss in den Nacken. Matze merkt nichts. Vielleicht merkt er nie irgendetwas. Aber sicher ist sie sich nicht, weil sie ihn ja nie kennen gelernt hat. Also steht Lena auf, fängt beim Ende der Spur an, arbeitet sich durchs Zimmer, bis hin zu ihren quietschenden Chucks. Sie schaut noch einmal zurück. Prägt sich alles ganz genau ein. Diesen Fleck Großstadtabenteuer, der eigentlich auch nicht mehr ist als ein kleines Karo.


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