12.06.2006 - 11:11 Uhr

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Königskinder

Text: moi_judita

Es war, als habe sich der Nebel aus der kalten Novembernacht reingeschlichen. Weiße Schwaden hingen in der Luft, versperrten die Sicht ans andere Ende des Raumes und ließen die Leute wie Gespenster wirken. Licht flackerte, die Luft war stickig und das Kondenswasser lief die schwarzen Wände hinunter. Im Gegensatz zu draußen war es hier heiß, tropisch heiß. Die dicken Winterjacken türmten sich entlang der Wände auf Mauerabsätzen, deren architektonischer Sinn ein Rätsel blieb. Fast erwartete sie, auch die Fledermäuse zu sehen, die sie vorhin beobachtet hatte. Zwischen den dunklen alten Fabrikhallen waren sie dahin geflattert, wie Wesen aus einer anderen Zeit oder einer Fantasiewelt. Wahrscheinlich wäre es viel zu heiß hier drin, dachte sie. Obwohl, gibt es nicht auch in den Tropen Fledermäuse? „Ey, Tom, gibt es in den Tropen Fledermäuse?“ schrie sie über den Lärm hinweg. Tom strich sich mit der Hand eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. „Was weiß denn ich? Du bist betrunken Lina!“ Wenn es ihnen nicht zu heiß wäre, dann auf jeden Fall zu laut, dachte sie. Und dann: Oh Mann, ich bin echt betrunken. Es war eine ganz normale Freitagnacht. Sie tanzte. Neben Tom und ihre Arme berührten sich unablässig dabei. Die Musik wurde agressiver und die Jungs fingen an zu pogen. Auch als sie an den Rand der Tanzfläche geflüchtet waren, wurden sie noch hin und hergeschubst. Ich brauche jemanden zum Festhalten, dachte sie. Und verfluchte ihn, weil er nicht mitgekommen war. Wozu sonst hatte sie ihn, wenn nicht zum Festhalten? Ihre Kehle brannte. Sie sammelte Geld von den anderen ein, um die nächste Runde zu holen. Es schien Stunden zu dauern, bis sie sich zur Theke vorgekämpft hatte. Als sie die kleine Insel aus rotem Licht endlich erreicht hatte, atmete sie tief ein. Aber ausatmen konnte sie nicht mehr. Sie starrte auf den Hinterkopf vor ihr. Schwarze Haare, seine Hand hob sich genau in dem Moment, um sich dadurch zu streichen. Sie erkannte das schwarze Schweißband mit den vielen kleinen Totenköpfen. Irgendwann dachte sie wieder daran auszuatmen und im gleichen Moment, die Flucht zu ergreifen. Aber die Leute hinter ihr drängten ebenfalls zu Theke. Und statt vorwärts zu kommen, wurde sie zurückgedrängt und stieß gegen ihn. Er drehte sich um. Erst verwirrt, dann erkennend und schon war da dieses Grübchen im rechten Mundwinkel. Sie musste den zwanghaften Impuls unterdrücken, ihren Zeigefinger in diese kleine Mulde aus Haut und Bartstoppeln zu legen. „Malte!“ Sagte Lina stattdessen und fühlte Hysterie in sich aufsteigen. Sie wollte zugleich lachen und Floskelfragen wie „Und? Alles klar bei dir?“ stellen und ihn umarmen und festhalten und immer noch den Finger auf das Grübchen legen, das noch immer nicht wieder in seinem Gesicht verschwunden war. Sie biss sich nur auf die Lippen und seine kamen ihren Ohren sehr nah, als er sie fragte: „Und? Alles klar bei dir?“ Sie nickte, aber das sah er nicht, weil er in dem Moment die zwei Bierflaschen gereicht bekam. Malte sagte trotzdem: „Ja, bei mir auch.“, als wäre er einfach davon ausgegangen, dass schon alles klar war, aber das konnte er ja nicht wissen und das war es ja auch nicht. Er ließ sie vorbei, damit auch sie bestellen konnte. Sie spürte seine Wärme und den Schweiß an seinem Arm, den Druck jedes einzelnen der Finger, die sich kurz auf ihre Schulter legten. Sie dachte daran, wie er das zum ersten Mal getan hatte. Auf einem Konzert vor zwei Jahren. Die zweite Bierflasche in seiner Hand hatte damals ihr gehört, obwohl sie nicht gefragt hatte. Und er hatte nicht gefragt, ob sie mit ihm ging und sie war mitgegangen. Arm in Arm durch eine sonntagabendliche Stadt, die unterbrochen wurde durch die dreihundert Menschen, die sich ihren Weg nach Hause bahnten. Sie beide Arm in Arm und in den Köpfen das gleiche Lied, die ganze Nacht. Und dreizehneinhalb Monate lang, immer auf Dauerrotation, bis es einfach aufgehört hatte. Als sie die fünf Flaschen in Empfang nahm und zahlte, sagte Malte: „Bist wohl mit deinen ganzen Leuten hier, was?“ Sie nickte und das Grübchen verschwand in seinem Gesicht. Die Leute waren früher auch mal seine gewesen. Lina fragte nicht, mit wem Malte denn hier sei. Zwei Flaschen Bier konnten nur eins bedeuten und sie wünschte sich so sehr, auch sie hätte nur zwei Flaschen in der Hand und verfluchte ihn wieder, weil er nicht da war. Ein bisschen ratlos standen sie jetzt da, während sie die Ellbogen der Leute immer mal wieder in ihre Rippen bohrten. Schließlich sagte sie, dass das Bier warm werden würde und man sich ja bestimmt später noch mal sieht und kämpfte sich den Weg zurück durch die Menge. Ihr Herz klopfte, es raste, als würde es weglaufen wollen. Und sie wollte ja am liebsten selbst weglaufen. Zu ihm, der sie allein gelassen hatte, nur weil seine Ex ihren Geburtstag feierte. Plötzlich stand Tom wieder vor ihr und riss ihr das Bier aus der Hand, das er gierig runterstürzte. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und grinste, aber als er Linas starren Blick sah, runzelte er die Stirn. „Was denn los? Alles okay?“ Sie winkte ab, reichte die anderen Flaschen weiter. Weil sie nicht weglaufen konnte, sprang sie mitten rein. Schnappte sich Toms Hand und zerrte ihn auf die Tanzfläche. Zuviel Hitze und Nähe überall. Sie riss die Arme hoch bei ihrem Lieblingslied, aber nicht aus Freude, eher wie eine Ertrinkende. Tom lachte und zog sie zu sich, wie immer bei diesem Song. Dieses kleine Ritual unter besten Freunden. Endlich jemand der sie festhielt. Und im gleichen Moment sah sie Malte und auch er ließ sich festhalten. Ein Arm hatte sich um seine Taille geschlungen, in der Hand die zweite Bierflasche. Und zwei Münder, die sich berührten. Und es war zu spät, als sie begriff, dass es ihr Mund war und Toms. Hauptsache jemand, der sie festhielt. Es fühlte sich an wie ein Musikvideo. Die Wände waren weiß und auf ihren Wangen schwarze Mascaraspuren. In ihrem Kopf ein Gewitter aus grellen Lichtern und Lautstärke. In ihrem Mund der Geschmack eines anderen fremden Menschen. Nur dass der Mensch Tom war und nicht fremd und dieser Mensch sie jetzt sehr verletzt ansah, als sie aufstand und versuchte ihren Socken unter dem Bett hervorzuholen. „Und jetzt?“ Sie ertrug diese Stimme nicht. Diese Stimme, die ihr mit ihrem Unterton schon seit Jahren sagte, sie solle nicht mit ihm spielen. Diese Stimme, die ihr immer Geborgenheit gegeben hatte. Diese Stimme, die immer die ihres besten Freundes gewesen war. „Wir sind hier nicht in einem verdammten Bon Jovi-Video!“ fauchte sie. Sein Zusammenzucken sah sie nur aus den Augenwinkeln. „Bon Jovi? Wieso Bon Jovi? Lina…“ „Ich habe Bon Jovi nie gehört!“ „Lina. Was zum Teufel ist eigentlich…“ „Und du brauchst auch gar nicht erst so ein Tomte-Ding daraus zu machen. Ich mag Tomte nicht.“ „Verdammt! Kannst du mir bitte mal sagen, was los ist?“ „Schreib bloß kein Lied darüber! Es ist zu unwichtig. Hast du verstanden?“ Sie verpasste seinem Gitarrenkoffer einen Tritt. „Lina, ich mag Tomte auch nicht. Aber ich mag dich. Das weißt du, das weißt du schon lange. Und du wolltest immer einen Jungen, der Lieder für dich schreibt. Warum darf ich das nicht sein? Warum?“ Braune Locken und große graue Augen. Das Bild verfolgte sie bis auf die Straße. Rannte hinter ihr her, als sie sich ihren Weg durch die kleinen Straßen suchte, stieg mit ihr in die Bahn ein, die sie nach Hause brachte. Aber zu Hause hielt sie es nicht aus. Da war ein anderes Bild. Über ihrem Schreibtisch hing es und auf diesem Bild war ein anderer Junge, der sie festhielt. So festhielt, wie er es letzte Nacht hätte tun sollen. Sie lief weiter. Durch die Stadt, die nur mühsam erwachte. Und sie wusste, dass sie den falschen Weg nahm. Aber als er da auf der Verkehrsinsel stand, zwanzig Meter von seinem Haus entfernt, war es ihr egal. So wie ihr eigentlich alles egal war, seit gestern. Alles spielte keine Rolle mehr. Sie lief auf dieses Betonschiff inmitten der kopfsteingepflasterten Straße zu. Das Schild mit dem U-Turn drauf ist lächerlich, dachte sie. Malte sah sie nur an. Er war noch nicht geduscht und der Bart malte dunkle Schatten in sein Gesicht. Aber nicht deshalb sah er müde aus. „Du hast deine Haare ja länger wachsen lassen.“ Sagte er und legte den Kopf schief. Weil du Idiot es immer so wolltest, du mochtest meinen alten Fransenschnitt doch nie. Und warum hast du das gestern nicht bemerkt? Es wäre so wichtig gewesen. „Sieht gut aus.“ Sie zuckte mit den Schultern. Er lachte verlegen. „Ähm, sag mal, was geht denn da mit Tom und dir? Ich mein, ich wusste gar nicht, dass ihr… Ich dachte, du wärst immer noch mit diesem Gitarrist, von… äh, wie hießen die noch mal?“ „Die Band gibt es nicht mehr. Haben sich aufgelöst.“ Alles hat sich aufgelöst. „Oh, na ja. Ich glaube wir spielen auch nicht mehr lange zusammen. Es haut einfach nicht mehr hin. Kinderscheiße.“ „Hm.“ „Ja, dann… Also, äh.“ Malte deutete auf die Brötchentüte. Die war noch schlimmer, als die zwei Flaschen Bier gestern. „Man sieht sich.“ Sagte Lina. Und fragte sich, woher die Coolness in ihrer Stimme kam. Vielleicht war sie innerlich schon so ausgekühlt. „Ja, bestimmt. Tschüss, Lina.“ „Tschüss, Malte.“ „Ach und Lina? Fledermäuse haben ihren Lebensraum sogar hauptsächlich in den Tropen! Tom meinte gestern, du hättest das unbedingt wissen wollen.“ Wann hatte Malte mit Tom geredet? Sie lag zu Hause auf ihrem Bett und starrte an die rote Decke mit den Sternen. Nachmittagslicht in einem Streifen gebündelt, zerschnitt den Fußboden, wie ein Lichtschwert. Und sie konnten zueinander nicht kommen, dachte Lina. Über ihrem Schreibtisch hing immer noch sein Bild. Und in ihren Haaren hing immer noch Toms Geruch. Und Malte hatte die Sterne an ihre Decke gemalt. Keiner von ihnen hatte ihr je ein Lied geschrieben. Jetzt taten sie es, aber sie wusste nichts davon. Und wenn sie es erfahren hätte, es wäre egal gewesen. Weil sie alle Königskinder waren.


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