05.06.2006 - 19:01 Uhr

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Jobs ablehnen, wenn sie die Welt nicht verbessern

Text: johannes-boie

Kalle Lasn wird durch Werbung steinreich, dann beginnt er gegen sie zu kämpfen. Die Geschichte des Erfinders von Adbusters

Kalle Lasn ist einer, der sich auf Bildern gerne zornig abbilden lässt. Er fuchtelt mit einer zusammengerollten Zeitschrift herum und brüllt in die Kamera. Sein letztes Buch hat Kalle Lasn der Tabakfirma Philip Morris Inc. gewidmet: „Für meinen Todfeind, den ich, das schwöre ich, erlegen werde.“ Wer Kalle Lasn nicht kennt, ist deshalb beim ersten Zusammentreffen ein bisschen verwirrt. Hinter der Bühne auf der Designkonferenz „Typo Berlin“ Ende Mai entpuppt sich der erwartete Haudegen als kleiner, alter Mann mit weißem Haar und sanfter Stimme, der von seiner Kindheit erzählt. Aber dann dauert es doch nur zehn Minuten, bis der Märchenonkel zum ersten Mal „Fuck“ brüllt.
Auf der Bühne nimmt Lasn kein Blatt vor den Mund. Seine Eröffnungsrede irritiert nicht nur wegen des F-Worts. 195 Euro haben Designer und andere Kreative für ein Tagesticket bezahlt, die meisten haben sogar 595 Euro für die gesamte Messe hingelegt. Sie wollen sich hier fortbilden, wollen Kontakte knüpfen, wollen die neusten Trends von den Großen der Gestalter-Szene erfahren. Fight Club für Designer Und jetzt, gleich zu Beginn der Messe, steht Kalle Lasn auf der Bühne und fordert Ungehorsam. „Wie viele Designer sind hier?“, ruft er in den Vortragssaal. Nahezu alle Hände gehen nach oben. Später wird ein Veranstalter sagen, die „kreative Elite Westeuropas“ sei im Saal gewesen. „Ihr habt die Macht, die Welt zu verändern! Ihr seid die Coolsten“, ruft Lasn den Kreativen zu. Die grinsen nur, denn das denken sie sich schon. Der gebürtige Este senkt die Stimme: „Also tragt Ihr gesellschaftliche Verantwortung!“ Den „Coolsten“ klappen die Kinnladen runter. Aber sie haben richtig gehört. Und Lasn legt gleich noch mal nach. Er fordert: „Lehnt Jobs ab, wenn sie die Welt nicht verbessern!“ Sein Wunsch an die Designer: Die Einheitskultur bekämpfen, das „Diktat der Firmen und Medien“ verweigern. „Culture Jamming“ nennt Lasn das. Über die Technik, die Welt von heute zu verweigern, hat er ein Buch geschrieben. In seinem „Manifest der Antiwerbung“ räumt der Este nicht nur mit Werbung auf: Egal ob Schönheitsindustrie, Tabakfirmen, Fast-Food-Restaurants – die gesamte westliche Kultur sei längst nur noch ein Produkt ihrer Konzerne, schimpft Lasn. Den erstaunten Designern in Berlin gibt er daher einen großen Auftrag mit auf den Weg: „Verbessert die Welt!“ Wie die von Jobsorgen geplagten Kreativen ihre neue Mission in den Werbe- und Designagenturen verwirklichen sollen, sagt Lasn nicht. Dafür hat er ein paar konkrete Designvorschläge mitgebracht: Lasn entwirft Gläser mit messerscharfem Rand für Alkoholiker und Wolldecken, um sie über Fernseher zu stülpen. Wenn der alte Kreative seine Ideen präsentiert, wirkt er ein bisschen wie Tyler Durden, der durchgeknallte Revolutionär aus dem Film „Fight Club“. Durden pinkelt heimlich reichen Bonzen ins Essen und füttert nachts Tauben, die morgens auf Nobelkarossen kacken. „Der Film“, gesteht Lasn nach seiner Rede im persönlichen Gespräch, „hat mir gut gefallen.“ Warum fliegt er aus Kanada nach Berlin und versaut ein paar hundert Designern den Tag? Im Interview erklärt Lasn, wie wichtig seine Biographie für seine Arbeit ist: In Estland geboren, musste er während des Zweiten Weltkrieges mit seinen Eltern flüchten. Es verschlägt ihn nach Australien, wo es sein Job ist, Atomexplosionen am Computer zu simulieren. Er beschließt, nach Europa zurückzugehen, verliebt sich aber bei einem Zwischenstopp während der Rückreise in Japan. Lasn gründet ein Marktforschungsinstitut in Tokio und wird sehr schnell sehr reich. Seine Kunden sind die größten Werbeagenturen der Welt. Schließlich heiratet er eine Japanerin, mit der er nach Kanada auswandert. Er wechselt den Job und gewinnt als Dokumentarfilmer internationale Auszeichnungen. Während seiner Arbeit hinter der Kamera entdeckt er zum ersten Mal in seinem Leben das, was ihn fortan treiben sollte: Lasn nennt es einen „mindfuck“, einen „Gehirnfick“. Wenn er davon erzählt, senkt er die Stimme und fixiert sein Gegenüber mit wütenden Blicken. Das Thema bringt ihn heute noch zur Weißglut. „In Nordamerika holzte eine Firma Wälder ab und schaltete gleichzeitig im Fernsehen einen Spot, in dem sie sich als Umweltschützer profilierten.“ Lasn dreht einen Werbespot, in dem er über die wahren Machenschaften der Firma aufklärt. Als sich die Fernsehsender weigern, den Spot zu senden, stachelt ihn der Misserfolg nur an. Er gründet sein Magazin Adbusters, in dem er die Welt der Werbung bissig kommentiert. Fortan nutzt er sein kreatives Können und sein Geld, um die Branche, die ihn reich gemacht hat, zu kritisieren. Seine Jagd nach den „mindfucks“ geht in Berlin weiter: „Der Platz vor eurem Parlament ist mit Adidas-Logos gepflastert“, schimpft er. Was er damit fragt: Geht die Gewalt in Deutschland vom Volk oder von Adidas aus? Lasn kämpft elegant: mit den Waffen der Werbung gegen die Werbung. Es macht ihm Spaß, jungen Designern ihre Einheitssuppe aus Corporate Identity und Kreativwettbewerben zu verpfeffern. „Stop kissing Corporate Ass“, brüllt er ihnen entgegen, hört auf, den Konzernen den Hintern zu küssen. Weil er selbst ein exzellenter Designer ist, sieht seine Präsentation dabei auch noch besser aus als alles, was seine Zuhörer in je produzieren werden. Lasn liebt gutes Design und schicke Werbung. Sogar dann, wenn sie von seinen ärgsten Feinden kommt. „Ich muss zugeben: Neulich haben wir in unserem Büro einen Nike-Spot gesehen. Der war so gut, dass wir uns alle kaputt gelacht haben.“ Auch sein zweites Talent, nämlich das, aus seiner Arbeit eine Menge Geld zu machen, hat den alten Esten nicht verlassen. In Nordamerika kann er sich die besten Anwälte leisten, um Fernsehsender zu verklagen, die seine Spots nicht zeigen wollen. Dass die Schuhe, die er mittlerweile produzieren lässt, anstelle von Logos einen einfarbigen Punkt als „Anti-Logo“ tragen, ist nicht nur ein politisches Statement. Es ist auch eine geniale Geschäftsidee. Lasns Adbusters-Magazin liegt längst in jedem Meetingraum seiner Erzfeinde: Die finanzstarken Werbeagenturen scheren zehn Dollar pro Ausgabe wenig. Der Este hat das bewundernswerte Talent, seine hehren Ziele so zu vermarkten, dass das Kommerzielle seiner Idee akzeptiert wird. Tyler Durden, die Filmfigur, hat in seiner Verzweiflung Clubs gegründet, in denen sich Männer gegenseitig verprügeln. Kalle Lasn hat ein Netzwerk aufgebaut, das Geld scheffelt. Neben Schuhen und Magazinen verkauft er auf seiner Website auch Unterrichtsmaterialien, Designbücher, DVDs und Schlüsselanhänger. Auf das Geschäft mit dem Gegengeschäft angesprochen, reagiert er hinter den Kulissen der Berliner Messe locker – und wiegelt ab: „Ich kann davon leben. Besonders reich werde ich nicht dabei.“ Revolution ohne Revolutionär Lasn surft geschickt auf verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen. Dabei hat er immer genau so viel Wind in den Segeln, dass er schnell vorwärts kommt, aber niemals zu kippen droht. Er kritisiert die Globalisierung, ohne sie grundsätzlich zu verurteilen. Er spricht vor Leuten, die sich die hohen Eintrittspreise leisten können, und fordert hinterher öffentlich, die Preise für die Messe zu senken: „Ich habe ja gerade mal 1000 Euro für meine Rede bekommen.“ Lasn gratuliert den linksradikalen Präsidenten Chavez und Morales zu ihren Wahlerfolgen in Lateinamerika, und warnt im gleichen Satz vor dem Kommunismus. Er fordert eine Revolution, aber er will kein Revolutionär sein. Dabei würde der Begriff ihn gut beschreiben. Über sein Netzwerk sagt er: „Wir sind eine der wichtigsten sozialen Strömungen der nächsten zwanzig Jahre. Wir werden den Informationsfluss ändern, das Mächteverhältnis der Institutionen und auch die TV-Sender. Die Prioritäten der Lebensmittel-, Bekleidungs-, Auto-, Sport-, Musik- und Kulturindustrie werden wir ändern. Die Menschen werden die Massenmedien anders wahrnehmen, die ganze Meinungsbildung in unserer Gesellschaft wird sich ändern.“ Ganz zum Schluss hat Kalle Lasn in Berlin übrigens auch noch was zum eigentlichen Thema der Messe gesagt. „Wie das Design von morgen aussehen sollte? Härter! Rauer! Gröber! Mit mehr Biss.“ Die Designer im Zuschauerraum haben nur ganz ruhig genickt.


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yes_please
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 02:43 Uhr
yes_please

haben wir mal wieder nen Held ausgepackt he?
Geilt euch doch bitte nicht an solchen Figuren auf.

ich begrüsse was er tut.

siegstyle
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 10:02 Uhr
siegstyle

die typo ist ja eher was für designer, als für werber. sorry. da treffen sich eboy-jungs und metadesigner und diskutieren 10 tage lang ob die untere rechte ecke des logos jetzt 10 prozent runder sein soll, oder eben nicht. design gehört zwar zur werbung ist aber nicht der entscheidende teil.

designer haben viel mehr zeit, als grafiker in einer werbeagentur. und natürlich kann kalle lasn sich auf die bühne stellen und den weltverbesserer geben. denn er kann ja scheinbar machen, was er will. andere haben da weniger glück. und mal hand aufs herz: in städten wie berlin oder münchen laufen doch nur designer rum.

wer da auf der messe war konnte es sich leisten. wer wirds gewesen sein? wahrscheinlich das establishment aus der designszene. geschäftsführer, cds und erfolgreiche freiberufler. denen noch einmal die welt erklären zu wollen ist wie aus jesus einen moslem zu machen. eher nicht möglich.

und mal ehrlich: da schreit einer laut "no-logo" und was macht er: einen weißen punkt als antilogo. man kann nicht nicht kommnunizieren. oder so.

raise_your_voice
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 10:10 Uhr
raise_your_voice

die adbusters sind von der sache her auf jeden fall super, aber wenn man anfängt, daraus geld zu machen, geht das doch an der sache vorbei...

ein aufruf: adbusting kann jeder. muss ja nicht hochprofessionell sein. wenn man sich die werbeplakate anguckt, da gibt es so viele möglichkeiten. also: raus da. und lasst euch nicht erwischen!

mamoffel
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 11:10 Uhr
mamoffel

toller text, hab ihn eben schon in der zeitung während des frühstücks gelesen. kannst du mir sagen, wo man die schuhe mit dem punkt kaufen kann? viele grüße und weiter so!

kallisto
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 11:17 Uhr
kallisto

interessanter typ.

kleine anmerkung: "to kiss someone's ass" wird aber nicht mit "jemandem den hintern küssen" übersetzt, sondern mit "jemandem am arsch lecken".
kleiner, aber feiner unterschied.

der_onkel
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 13:20 Uhr
der_onkel

das eigene handeln dahingehend auszurichten, die welt zu verbessern, ist ja keine neue botschaft, hat ja schon jesus gepredigt.

ansonsten interessante biographie.

MandyK
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 15:40 Uhr
MandyK

ich hab mich eben bei jetzt.de registriert, nur um hier drunter zu schreiben: geiler text!

Aykroyd
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 16:40 Uhr
Aykroyd

ich mag den typen.
aber große teile der sympathie kommen mit sicherheit auch durch den wahnsinnig gut geschriebenen Text hier, bis auf den übersetzungsfehler, den schon kallisto erkannt hat.

Ich wünsche diesem Esten Erfolg, vielleicht wird´s ja was.
Ob die Reaktion des Publikums da in Berlin allerdings immer so war, würd ich echt gern wissen.

ashra
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Mag ich Mag ich nicht

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06.06.2006 - 17:46 Uhr
ashra

Zufälliger Weise war ich auf der TYPO (bin kein Designer und musste auch nicht den Eintritt zahlen), habe aber leider diesen Vortrag verpasst. Aber immerhin kann ich soviel sagen: da war keinesfalls das Establishment der Branche, sondern vielmehr waren da junge Leute, die noch studieren oder eben Young Professionals. Kalle Lasn scheint ja wirklich eine interessante Person zu sein, aber eigentlich macht er doch mit seiner Anti-Werbung auch nur Werbung und ist damit erfolgreich und verdient Geld. Wie oben schon gesagt wurde: man kann nicht nicht kommunizieren (stammt übrigens von Paul Watzlawick) und man kann auch nicht nicht Werbung machen, wenn man sich mit dieser Branche beschäftigt. Der Punkt ist in meinen Augen, dass Agenturen und Produktanbietern das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Bevölkerung fehlt und moralische Skrupellosigkeit herrscht. Mit Parolen wie "Stop kissing corpoarte ass" ist übrigens auch keinem geholfen und bekanntlich können sich Erfolgreiche schon immer mehr leisten als der Ottonormalverbraucher.
Lasn's Kampf ist sicherlich mal was Neues aber generell sollte man die Leute doch eher zu mehr Verantwortungsbewusstsein und Mündigkeit erziehen und anstoßen. Und zwar nicht nur Designer.

estefano
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Mag ich Mag ich nicht

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08.06.2006 - 17:41 Uhr
estefano

genau, ashra!
bestens dargestellt in folgendem beitrag:
"...wir nehmen zur Kenntnis, das im Adbusters-Magazin ab und an eine nette Idee zu finden ist, und das war's auch schon. Wer glaubt, hier die politische Offenbarung finden zu können, muss entweder Designer sein, oder aber schlicht nicht alle Tassen im Schrank zu haben" -
volltext: http://kommunikationsguerilla.twoday.net...

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