07.06.2006 - 19:00 Uhr

0 7 Über Twitter weiterempfehlen

Wohnen in Madrid oder: Im Zimmer mit einem vollbärtigen Dänen

Text: philipp-braun

Ein Jahr im Ausland - für viele ist das der Höhepunkt des Studiums. Beliebtestes Ziel ist bei deutschen Teilnehmern des Erasmus-Programms immer noch Spanien, jeder fünfte schlägt seine Zelte im Land der Siestas und Fiestas auf. Aber stimmen die Klischees von Dauerparty und gemütlichem Leben unter südlicher Sonne? Philipp-Braun hat es nach Madrid verschlagen. Von dort schreibt er die Wahrheit über Erasmus. Folge zwei: Philipp, der deutsche Botschafter der guten Laune, findet einen Wohnsitz und träumt von deutschen Politikern.

Im vergangenen Herbst, nach der Bundestagswahl. Kleines, dunkles Wohnzimmer einer Wohnung in Madrid. Ich liege auf dem Boden. Angela Merkel betritt pfeifend das Wohnzimmer. In der Hand ein einfacher Sandkuchen und eine Wohnungsanzeige. Merkel (voll Tatendrang): Guten Morgen, Herr Braun! Sie sind doch ‚Botschafter der guten Laune`, oder? Ich (verschlafen): Ja, man nennt mich so, aber… Merkel: Eine kleine Aufmerksamkeit der Bundesregierung für Botschafter im Ausland. Und natürlich auch weil Sie, Herr Braun, bald Geburtstag haben und ich soeben Kanzlerin geworden bin. Ich (überrascht): Vielen herzlichen Dank, Frau Bundeskanzlerin. Und: gratuliere zur neuen Stelle! Was ist denn ihre Botschaft? Merkel: Äh.., also, an der wird grade noch von unseren Parteistrategen gebastelt. Botschaft, ..., ja! Wissen Sie was, Herr Braun? Sie brauchen dringend einen Botschaftssitz! Gerade als ich Merkels Kuchen anschneiden wollte, wachte ich aus meinem Traum auf. Kurz zuvor war ich in Madrid angekommen. Seit zwei Tagen schlief ich auf dem Boden, im Wohnzimmer einer Freundin. Angela Merkel hatte Recht: Ich brauchte schleunigst eine angemessene Bleibe. Ich begann meine Suche im Internet und telefonierte mit Italienern, Französinnen oder Finnen, die mir in gebrochenstem Spanisch ihre Wohnung beschreiben wollten, worauf ich beschloss, sie mir besser einfach anzusehen. Dann entdeckte ich die Wohnungsangebote an Bäumen nahe der Universität. Auch hier ergaben sich ein paar Besichtigungstermine, auf die ich mich natürlich vorbereiten wollte.
Wie verstellt man sich am Besten, um eine Wohnung zu bekommen? Immer der jeweiligen Situation anpassen! Sollten die potentiellen Mitbewohner einer WG etwa begeisterte Sozialdemokraten sein (ist das heutzutage noch möglich?), dann wollte ich „Anhänger von Gerhard Schröder spielen“. Sollten sie aber Schröder verachten, dann, überlegte ich mir, verachte ich halt eine Weile ein bisschen mit. Nur Opportunisten kommen weiter. Man darf kein Idealist sein, um beim Gewinnspiel "Wer wird Mitbewohner?" nicht zu den Verlierern zu gehören. Nachdem ich sämtliche Mitbewohner-Typ-Szenarien (von "Befürworter der Sterbehilfe" bis zu "Verachter des gewaltsamen Stiertodes") durchgespielt hatte, dachte ich mir: oder vielleicht doch besser einfach du selbst sein? Bei der ersten Wohnungsbesichtigung machte mir ein Spanier mit nacktem Oberkörper die Tür auf. Das Gesicht sah ich erst, als sich der Rauch verzogen hatte. Er kiffte unverblümt weiter und zeigte mir gelangweilt die Wohnung und das "Zimmer". Es war eine Abstellkammer für 300 Euro mit einem leicht angeschimmelten Hochbett. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Joint auszumachen oder mir einen Zug anzubieten. Ich verteufelte die Gastfreundschaft, sah mir die verdreckte Küche und das Wohnzimmer an, das ich allen Ernstes "nicht mitbenutzen" durfte, wie er mir sagte, und ging schnell wieder. Die zweite Wohnung, die ich mir anschaute, war traumhaft schön, direkt an der Puerta del Sol, mitten im Zentrum gelegen. Die anderen Bewerber und ich trafen auf eine Deutsche (Stuttgart) und einen französischsprechenden Schweizer (Lausanne), die zwei weitere Mitbewohner suchten. Viele Interessenten kamen und gingen. Wir erfuhren, dass die Miete für das freie Zimmer 250 Euro betragen würde und sich zwei Leute das Zimmer teilen müssen. Dafür hatte die Wohnung ein sehr großes, helles Wohnzimmer. Nach ein paar harmlosen Fragen zu meinen Spanischkenntnissen und meinem bisherigen Leben merkten wir, wie gut wir uns verstanden. Und ich merkte, dass mein Opportunismus hier nicht gefragt war. Keine Sterbehilfe, kein Stiertod, keine Sozialdemokratie. Weder Befürworter, noch Verfechter. Christian, ein vollbärtiger Däne, und ich, wir bekamen das Zimmer. Ich hatte also eine Wohnung, bereits nach dem zweiten Termin! Ich hatte gewonnen. Ein Zimmer für 250 Euro mitten in Madrid, dachte ich mir, das kriegst du nicht wieder! Halbwegs annehmbare Einzelzimmer kosten hier etwa 350 Euro, angeschimmelte Abstellkammern beginnen bei 300 Euro. Und da Christian ausgesprochen nett war und wir vereinbarten, dass der jeweils andere bei "Damenbesuch aus Dänemark oder Deutschland" (wir waren beide in festen Händen) ins Wohnzimmer ziehen würde, konnte ich auch mit einem vollbärtigen Dänen im Zimmer leben. In der ersten Nacht in meiner neuen Wohnung hatte ich folgenden Traum: Im vergangenen Herbst, kurz nach der Bundestagswahl. Kleines, dunkles Wohnzimmer einer Wohnung in Madrid. Ein Student liegt auf dem Boden. Gerhard Schröder betritt schnaubend das Wohnzimmer. In der Hand eine aufwendig verzierte Torte und eine Wohnungsanzeige. Schröder (desillusioniert): Guten Tag, Herr Braun! Sie sind doch Botschafter der guten Laune, oder? Ich (verschlafen): Ja, man nennt mich so, aber… Schröder: Eine meiner letzten Amtshandlungen, Herr Braun. Eine kleine Aufmerksamkeit der Bundesregierung für Botschafter im Ausland. Ich (überrascht): Vielen herzlichen Dank, Herr Schröder, oder darf ich bereits Altkanzler sagen? Nur so nebenbei: Was war denn eigentlich ihre Botschaft? Schröder (bestimmt werdend): Äh.., also, an der wurde jahrelang von unseren Parteistrategen gebastelt. Jetzt kam uns die Wahlniederlage dazwischen ..., deshalb, ... machen Sie es besser! Verlieren Sie nicht, Herr Braun. Niemals! Verschwitzt wachte ich auf. Illustration: Eva Hillreiner

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
philipp-braun
Mehr Texte zum Label
Erasmus-Kolumne
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
7 Kommentare

speichern
OhDaeSu
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.06.2006 - 21:24 Uhr
OhDaeSu

schlecht

fadette
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

08.06.2006 - 08:57 Uhr
fadette

??? Was willst Du????
und warum ist das alles so offensichtlich vom Vorjahr?

ninja
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

08.06.2006 - 10:07 Uhr
ninja

das ist ja vielleicht noch ganz nett geschrieben, aber auch irgendwie zusammenhangslos....

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

08.06.2006 - 10:08 Uhr
ninja

aber die illustration ist toll!

der_alchemist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.06.2006 - 06:57 Uhr
der_alchemist

Nicht schlecht, Herr Specht.
Ich denke, der Hauptkritik-Punkt, an dem sich meine Vorschreiber ereifern, ist, dass die Rubrik "Erasmus-Kolumne" eine gewisse Erwartungshaltung erweckt, die mit dem Begriff "Kolumne verbunden ist.

"In der Presse steht der Begriff vor allem für eine journalistische Form, einen kurzen Meinungsbeitrag, der sich über nicht mehr als eine Zeitungsspalte erstreckt. Diese Kolumnen erscheinen meist regelmäßig an gleicher Stelle mit gleichem Titel, wie das „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung oder als Namenskolumne eines einzelnen Autors." (Wikipedia)

Das Fehlen einer Meinung, oder Neudeutsch "Message", provoziert hier eine Enttäuschung des Lesers.

Für einen Tagebuchtext ist das jedoch sehr unterhaltsam, nachvollziehbar und einfach gut geschrieben. Vielleicht solltest Du einfach die Rubrik in "Erasmus-Tagebuch" umbenennen.

Freue mich auf mehr.

onnika
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.06.2006 - 14:54 Uhr
onnika

Also, mir gefällt diese Kolumne richtig gut. Da ist jemand kreativ, wortgewandt und hat ganz offensichtlich Spaß, an dem, was er tut.
Was wollt Ihr eigentlich? Und was soll diese Frage "Und warum ist das alles so offensichtlich vom Vorjahr?" Ist doch klar, dass sich gewisse Dinge wie Wohnungssuche etc. bei vielen Auslandsstudenten ähnlich gestalten. Und man will hier doch keine langweilige x-beliebige Kolumne haben, die sich liest wie eine Gebrauchsanweisung für „Wie schaffe ich es im Ausland”. Da kann man auch zu einer dieser Infostellen an der Uni gehen und sich dazu eine dieser stupiden Broschüren durchlesen. In dieser Kolumne geht es doch vielmehr darum, ein bisschen von dem Lebensgefühl eines Ausstauschstudenten zu vermitteln, und das macht Philipp - wie ich finde - sehr gut mit seiner unterhaltsamen, humorvollen Schreibe!

fur
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.07.2006 - 10:22 Uhr
fur

Ich finds gut! Weitermachen! :)


Speichern

Jetzt-Mitglied

philipp-braun offline

philipp-braun

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.


Frankfurt am Main