Ins Herz gefickt.
Ich schaue nicht zurück. Es ist halb zwölf – mal wieder schlecht geschlafen. Zu wenig. Ich hasse Mittwoche. Ich sitze im Bus. Ich denke an die deutsche Verfassungsgeschichte. Und an deine sich kräuselnden Haare. Ich denke daran, heute Abend vielleicht laufen zu gehen. Das Wetter die letzten Tage war immer so sommerlich. Ich hätte so wunderbar laufen gehen können. Am Inn entlang. Ich denke an deinen breiten, nassen Rücken neben mir im Bett. Scheiße, ich habe vergessen mir die fehlenden Skripte zu kaufen. „Faule Studenten“ hör ich dich sagen und streiche mit meinen Fingern über mein Handy – genauso wie ich über deine weichen Lippen strich. Deine schönen, großen weichen Lippen. So langsam wird’s eng im Bus. Und mir wird wieder warm. Ich ziehe mein T-Shirt aus. Warum hab ich’s überhaupt angezogen, ich schwitz doch ohnehin schon so viel. Auf einmal bist du da. In meinem Haar, auf meiner Haut. Ich rieche dich. Ich rieche nach dir. Es ist, als wärst du da. Als umarmtest du mich. Ich sitze immer noch im Bus. Es ist kurz vor 12. Vor sechs Stunden bin ich aufgestanden, um dich zum Bahnhof zu bringen. „Ich kann danach noch in die Bib, was kopieren“, sagte ich. Ich log. Ich wollte dich sehen. Dich noch einmal riechen. Dich vielleicht zum Abschied auf die Stirn küssen. Wie damals in Finnland, als ich sagte – „Wenn du nach hause kommst, dann schick mir eine SMS, ob du gut angekommen bist. Und dann lösche mich. Aus deinem Handy und deinem Kopf, ich will nicht mehr existent für dich sein.“ Noch vor zwölf Stunden lagen wir eng umschlungen im Bett. Nass bis auf die Haut. „Es ist wie im Sommer“, dachte ich. Aussteigen. Ich denke an „weißes Papier“ – „Nicht mal das Meer darf ich wieder sehn, wo der Wind deine Haare vermisst“. Noch vor einigen Stunden war ich hier. Mit dir. Habe denselben Fehler gemacht, wie damals in Finnland. Ich habe dich mitgenommen. Dir meine Welt gezeigt. Mein Chicago. Ich bin nicht mehr im Bus, ich stehe mitten auf dem großen Platz und denke nicht an Verfassungsgeschichte. Nicht an Skripte. Da ist nur eins in meinem Kopf. Du. Da war immer nur eins in meinem Kopf. Du. Und da wird auch immer nur eins sein. Du. Wir gehen zum Bahnhof. Sitzen auf der Bank vor deinem Zug. Ich denke an den Geruch deiner Haare. An deine Muttermale auf dem Rücken. An die Art wie du küsst. Daran, wie du andere küsst. Daran, wie du mit ihr schläfst. Daran, wie du mit mir schläfst. Wie du dabei an sie denkst. Immer an andere denkst. Nicht an mich. Da ist nur eins nicht in deinem Kopf. Ich. Da war immer nur eins nicht in deinem Kopf. Ich. Und da wird etwas nie seinen Platz finden. Ich. Du willst einsteigen. Ich sage „Tschüss“ und gehe. Ich gehe. Ich gehe immer schneller. Ich laufe. Es ist halb acht an einem Mittwochmorgen und ich laufe durch die Stadt. Die Treppe hoch. Und über die Bahngleise. Ich denke wieder nur an dich. An die letzten Jahre. An die letzten Male. An jedes einzelne Mal. An jedes einzelne Mal, das ich stark sein wollte. Doch du stärker warst. „Ins Herz gefickt“, denke ich. Und – Ich schaue nicht zurück.- Ich kann Patchwork 22.05.2012
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großartig.
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30.07.2006 - 11:45 Uhr
Albyea