"Sakrileg" - lesen oder lassen?
Seit Wochen steht es in allen Feuilletons und Bestsellerlisten, seit Monaten wird es durch S-Bahnen und Stadtparks getragen und heute kommt auch noch der Film zum Buch in die Kinos: Der Thriller "The Da Vinci Code" (deutsch: "Das Sakrileg") des amerikanischen Schriftstellers Dan Brown ist ein Superbestseller - also muss man dieses Werk wirklich lesen, oder? Zwei Meinungen.
"Muss man nicht lesen, weil das Prinzip bekannt ist!" sagt max-scharnigg Ich habe „Das Sakrileg“ von Dan Brown nicht gelesen. Ich habe von Plagiatsvorwürfen und Kirchenprotesten gelesen, die mit dem Buch in Zusammenhang stehen, ich habe Rezensionen dazu überflogen und bin schon an mehreren Kilometern Filmplakaten vorbeigefahren, auf denen der Kinofilm zum Buch beworben wird. Ich weiß, dass mit den 40 Millionen Exemplaren, die bisher davon verkauft wurden, noch lange nicht der Endstand erreicht ist und dass es sich deswegen um einen bombastischen Bucherfolg handelt. Aber ich werde es nicht lesen. Nicht, gar nicht, weil ich es für zu trivial halte oder sonst wie nicht angemessen fände oder weil ich mir (wie allerdings bei Coelho) sicher bin, dass es sich dabei um schlimmen Mist handelt. Nein, alles, was derart breit begeistert wie "Das Sakrileg", muss schon irgendwie hervorragend gemacht sein und ich denke auch, dass es mir gefallen würde. Das Buch wäre wie ein Magnum-Eis oder ein Blumfeld-Konzert – ein temporärer Stuckengel meines Lebens, eine unterhaltende Ausschmückung und spannender Zierrat. Das Problem aber ist, dass ich mir eben schon genau vorstellen kann, was dieser Roman mit mir macht. Denn ich werde mit seinen Emotionszutaten bedient werden, wie man in einer Mensa für 40 Millionen andere eben bedient wird – nicht besonders individuell. Ich weiß, dass ich den süffigen historisch-sakralmythisch-spannungsgeladenen Brei schlürfen werde, dessen Rosinen die eingeflochtenen Rechercheergebnisse aus realen Kirchen-, Sekten-, Kabalaaschriften sind, die vielleicht sogar von Dan Brown erstmals gedeutet oder entziffert wurden (wohl eher nicht) oder mir das zumindest suggerieren. Ich weiß, dass es darin 40 Seiten lange Abschnitte geben wird, in denen ich vermeintlich tief in Randwissenschaften und Speziallehren eintauchen werde und die mir das Gefühl geben sollen, hier nicht einfach nur einen Krimi, sondern ein fundiertes Monumentalwerk zu besitzen. Ich weiß, dass es Lesemomente geben wird, in denen ich unerhörte Geheimnisse entdecke, die ich dann beim nächsten Familienessen erzählen würde - vermutlich irgendetwas mit Seitenverhältnissen von Pyramiden und Zeichen auf Dollarscheinen oder ungeklärten Papstmorden. Ich weiß, dass ich mich wohlig gruseln werde, wenn ich im Laufe des Lesens feststelle, dass manche der beschriebenen Vorfälle und Geschehnisse nicht nur tatsächlich passiert sind, sondern noch schlimmer, tatsächlich passieren werden. Ich kann mir auch die fiktionale Matrix für diese populärwissenschaftlichen Pointen ungefähr vorstellen und die obligatorische Portion deftiger Erotik, die die ganze Suppe ab und zu würzt. Ich weiß, dass ich hinterher wissen werde, dass nichts ist wie es scheint, dass alle irgendwie ihre Finger drin haben, dass die wirklichen Mächtigen nicht im Weltsicherheitsrat sitzen, dass es doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit erträumen lässt, etc. Ich weiß so genau was mich erwartet, wie es meine alte Jeans weiß, wenn sie im Wäschekorb liegt. Dieses Wissen ist mir bei Magnum-Eis und einem Blumfeld-Konzert ganz recht. Aber der Reiz eines Thrillers ist doch wohl, dass man vorher nicht weiß, was einen hinterher thrillt. max-scharnigg
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