09.05.2006 - 18:30 Uhr

0 10 Über Twitter weiterempfehlen

Beim Seher von Neukölln

Text: florian-lamp

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat, welchen Jobs er nachgeht. Diese Woche begibt er sich in die Hände eines Sehers und fragt: In welchem Berufsfeld habe ich die besten Chancen? Die Antworten sind ziemlich aufschlussreich.

Ein Freund Brunos gibt mir die Telefonnummer eines Freundes, der in Neukölln als Seher arbeitet. Am Telefon vereinbare ich mit ihm einen Termin. Am Stichtag, ich habe mir gerade die Haare shampooniert, klingelt mein Handy. Es ist der Seher. Er wusste nicht, ob wir den Termin für elf oder für zwölf Uhr ausgemacht haben. Ich beginne, an seinen seherischen Fähigkeiten zu zweifeln. Um kurz vor zwölf steige ich am Hermannplatz aus. Wenn in Berlin ein Seher wohnt, dann kann das nur hier sein. Nach fünf Minuten Fußweg stehe ich vorm Haus des Sehers von Neukölln und klingle. Er bedient den Türbuzzer und steht gleich vor mir: Sascha Lill, kurzärmeliges Karohemd, Jeans. Er bittet mich in sein Behandlungszimmer und bietet mir einen Kaffee an.
„Ich werde gleich die Augen schließen und Dir dann sagen, was ich in Dir sehe, was ich gerade wahrnehme… das dauert dann so ungefähr eine Stunde. Und wenn ich dann damit fertig bin, bitte ich Dich, mir ein paar Fragen zu stellen. In die Zukunft will ich nic ht sehen, weil wir alle doch im Hierundjetzt leben. Es kann sein, dass ich etwas Falsches erzähle, aber dafür übernehme ich keine Haftung“. Lill geht in die Küche und holt sich ein Wasser und ich mustere sein Bücherregal. „Das holographische Weltbild“, „Duett der Einheit“, „Sein wie Gott“ und mein Favorit „Der kosmische Bestellservice“ steht auf den Buchrücken. Der Seher entzündet die Kerzen auf dem Leuchter in seinem Rücken an und beginnt mit der „Session“. Zunächst stellt er meine Stärken fest: Ich sei extrem flexibel, kreativ und phantasievoll. Außerdem verfüge ich trotz meiner Flexibilität über eine enorme Bodenhaftung, sei extrem geerdet und habe eine sehr starke visionäre und schöpferische Kraft. „Du bist in Besitz eines sehr starken wie sagt man… Zentrums.“ Dass ich das alles von mir schon weiß, verschweige ich, um nicht arrogant zu wirken. Gut, das mit dem Zentrum habe ich mir so noch nicht überlegt, aber man kann ja auch nicht alles von sich wissen. Dann nennt mir mein Seher meine Hauptschwäche: Ich sei zu flexibel – auch das hätte ich mir denken können, weil ich auf Grund dieser Flexibilität schon öfters Probleme mit Bänderrissen am Knöchel hatte und dauernd umknicke. Außerdem wirke ich auf andere, als sei ich emotional nicht gefestigt. Zwei Ängste würden mich plagen: Zum einen die Angst vor „Einsamkeit“ und zum anderen die Angst davor, „eine gesellschaftliche Randfigur sein“. Doch diese Angst ist völlig unbegründet, denn „das, was Dir Gutes widerfährt“, im Geiste formuliere ich „das ist einen Asbach Uralt wert…“ – aber nein! „Das gehört ganz einfach zum Bonusprogramm des Lebens und da kann man auch selbst nichts dran machen, weil es einfach passiert. Was ich Dir sagen kann: Du bist nicht existenziell bedroht.“ Meine erste Frage: „In welchem Berufsfeld habe ich die besten Chancen?“ Der Seher lehnt sich zurück, schließt die Augen, atmet tief ein und sieht ein Bild vor seinen geschlossenen Augen: „Ich sehe Dich mit einem Blumenstrauß in der Hand.“ Ehe ich mich versehe, sehe ich mich in einem Blumenfachhandel, über dem Eingang sind Neonlettern befestigt, die den lächerlichen Namen „Florist Florian“ bilden. Im Schaufenster hängt ein Bild von mir, wie ich gerade mehrere Blütenstängel zusammenbinde; darüber ein selbstgemalter Slogan: „Hier bindet der Chef noch persönlich!“ Doch dann geht Seher Lill ins Detail. „Bei Dir steht an erster Stelle die „sinnliche Befriedigung“!“ Ähm… „Ich nehm` es im Moment so wahr… Du verstehst Dich als Künstler! Und nicht als Verwalter von Mangelzuständen!“ Also keine Werbung mehr. Okay. „Die Blumen sind ein Symbol für das Herz, das Dir von Seiten des „Publikums“ entgegengebracht wird.“ Meine Versorgung sei gesichert, jemand werde sich finden und mich für meine Arbeit bezahlen. „Und wenn man mal die Miete nicht zahlen kann, dann ist das auch kein Problem, sondern einfach nur eine Illusion. Wesentliche Dinge passieren nun mal einfach.“ Das merke ich mir, man kann ja nie wissen. Außerdem verfüge ich über eine kreative „Bonus-Datenleitung“, wird mir mitgeteilt und „ich nehm es im Moment so wahr, daß Du aus der Motivspirale Überlebenskampf aussteigst, aussteigen kannst, weil Du die Kraft dazu hast. Das ist also so, wie wenn jemand gut tanzen kann.“ Gut tanzen können ist was, was ich auch gerne könnte, aber man kann ja nicht alles haben und „es kommt wie es kommt, man darf da nur nicht denken, man selbst könne da irgendwelche Strippen ziehen.“ Verstanden. Wo könnte ich denn nun Erfolg haben? Einerseits sieht er mich mit Blumen auf einer Bühne stehen, andererseits meint er allerdings auch, dass ich mit meinen Texten Chancen hätte, sie von einem Verlag veröffentlicht zu bekommen. Nur liefe ich dann Gefahr, dass man in meinen Texten Sachen streichen würde. Wagt Euch, Ihr Herren Suhrkamp, Eichborn, Kiwi oder Blumenbar! Wagt Euch nur! Zum Schluss interessiert mich, was er in Sachen Liebe so bei mir sieht. Nachdem er den Namen meiner Freundin erfahren hat, gesteht er, was sie mir nicht sagen will, was sie wohl einfach nicht so richtig ausdrücken kann, nämlich, dass sie „die harte Hand vermisst.“ Ich verspreche ihm, das nächste Mal fester zuzuschlagen und dann sind die 90 Minuten auch schon vorbei ... Moment! Nein! Ich schlage sie nicht! Ich verabscheue Gewalt, wenn sie weh tut. Ich verabschiede mich vom „Seher von Neukölln“ und später habe ich dann noch ein interessantes Telefongespräch mit meiner Freundin. Sie widerspricht den Aussagen des Sehers und verbietet mir jeglichen Umgang mit ihm. Ich gehorche und konzentriere mich auf meine visionäre und schöpferische Kraft. Dann, ja, dann wird alles gut. Und ich werde aus der Motivspirale Lebenskampf aussteigen. Vielleicht schon bald. Illustration: Daniela Pass

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
florian-lamp
Mehr Texte zum Label
Job-Kolumne
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
10 Kommentare

speichern
tritop
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.05.2006 - 18:37 Uhr
tritop

puuuuh. isse also noch deine freundin. immerhin.
große geschichte, vor allem wegen der unklaren haltung gegenüber der spiritualität. könnte ja was dran sein, erstmal nicht lächerlich machen.

vielleicht meinte er das mit "zu flexibel"?

ach was. immerhin jetzt: perspektiven. und das ist doch mal was...

steffi
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.05.2006 - 22:16 Uhr
steffi

superillu

suey
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.05.2006 - 22:31 Uhr
suey

die homepage des sehers jedenfalls besticht durch kreative rechtschreibung und die neuigkeit, dass "Ärzte, Heiler/innen, Kosmetiker/innen, Krankenschwestern, Pfleger, Psychologen, Therapeuten, Freiberufler, Vorstände, Sekretärinnen, Assistenten, Gastronome, Goldschmiede, Juweliere, Handwerker, Journalisten, Designer/innen, Magier, Makler, Models, Musiker/innen, Schauspieler/innen, Lebenskünstler, Lehrer/innen, Priester, Professoren, Prostitutierte, Politiker/innen, Rechtsanwälte, Richter/innen, Verkäufer/innen, Beamte, Diplomaten, Offiziere, Rentner/innen, Sportler/innen, Trainer/innen" keine privatpersonen sind. die werden nämlich als letzte genannt. sind das dann arbeitslose? rentner? hausfrauen?
rätselhaft.

monni
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.05.2006 - 23:19 Uhr
monni

soso, eine 'kreative „Bonus-Datenleitung“' also, na das ist doch schon mal etwas.

instant_human
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.05.2006 - 09:22 Uhr
instant_human

hahahahaha

florist florian. da musste ich herzlich lachen.
und dann nochmal, als Deine freundin Dir jeden umgang mit dem seher verboten hat.

sehr schön, danke!

milagro
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.05.2006 - 13:33 Uhr
milagro

haha, sehr schön

kaetae
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

11.05.2006 - 14:15 Uhr
kaetae

meine mutter war mal bei ner wahrsagerin und schwört heut noch auf ihre prophezeiungen. die meinte damals, mein bruder hätte in seinem früheren leben eine große erfidung begonnen und würde sie in diesem leben vollenden. bisher ist er lediglich groß im erfinden immer wieder neuer ticks...
über mich hat die gute frau nix gesagt. bedenklich, möcht ich fast meinen.

redaktion123
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2006 - 02:49 Uhr
redaktion123

ey flo! die session scheint dir am ende mächtig unter die haut gegangen zu sein. bruchstücke deiner erfahrung zum ausweiden haben wir jetzt.de. wir kennen dich! dem seher mal alle achtung. das mit den blumen finde ich süß. was hat er dir noch alles gesagt? was verschweigst du uns?
auf seiner seite ist ein netter link versteckt.
für heute: mach uns wieder den helden & danke für den tip.

ba_stille
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.07.2006 - 02:48 Uhr
ba_stille

gestern mittag termin bei sascha. neukölln? wilmersdorf oder charlottenburg wäre besser. vorneweg: er ist saugut! von kindheitsszenen, wieso weshalb warum, wie es wem wie gegangen ist, worum es wirklich ging, aktuelles: freundin, lehrer, dad, onkel, verunglückter bruder - das ganze latrinum durchdekliniert. der hatte alles parat!! nichts hatte ich ihm erzählt! als ich sah, wie ich mein eigenes erleben aufziehe, habe ich rotz und wasser geheult und konnte einige dinge für mich mit seiner hilfe gleich lösen. er hat einen irren job gemacht. meine konsultation war sehr schön!

hallo sascha, wenn du das hier eines tages liest: danke!! : o)))

blumenkind, jetzt kommt der haken: dies steht eigentlich krass entgegengesetzt zu dem, was dein text hergibt. ich meine, du hast ihm nicht zugehört oder mit absicht fragmente der konsultation verhackstückt und falsch zusammengesetzt hier wiedergegeben. das wäre dann genau der widerwärtige drecksjournalismus von bz, bild, usf., auf den wir alle nicht können. vielleicht hat er dir auch nur durch die blume gesagt, daß du ein falscher fuffi bist und auch warum? genug witz hätte er, für den fall, daß du es noch nicht gemerkt hast. sollte die message aber eingeschlagen haben, also die rache des kleinen journalisten? oder hast du geglaubt, nur auf diese art und weise deine empfehlung für ihn aussprechen zu können, mögliche widerstände deiner freunde oder leser, denen du gefallen willst, mit lächerlichmachen unterlaufend.
egal, mir hat's was gebracht. greetz, basti

p.s.: ich hatte sascha noch gefragt, ob er deinen artikel auf jetzt.de gelesen hätte, der sei doch voll negativ. er meinte, sich aus prinzip nicht dazu äußern zu wollen. dann lachte er und meinte: ich hätte erstens noch viel zu lachen. und wegen des artikels bräuchte ich mir keine gedanken zu machen. das mit dem schreiben würde schon, ob der florian wolle, oder nicht.

des sehers wort in gottes ohr, mann!

Kalef
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.07.2006 - 10:40 Uhr
Kalef

zum vorigen Kommentar:

(ohne Worte)


Speichern

Jetzt-Mitglied

florian-lamp offline

florian-lamp

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.

ist jetzt-Mitarbeiter und alle lieben ihn deswegen sehr.
Berlin