30.04.2006 - 00:54 Uhr

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Nachtgedanken

Text: Kolkrabe

Das Fenster ist eine spiegelnde Wand. Ich sehe mich selbst, dort hinter dem Glas, verzerrt und blass. Draußen ist es dunkel, in meinem Zimmer brennt Licht. Ich schalte es aus und das Fenster verwandelt sich in ein schwarzes Loch. Nach draußen, in die Kälte, in die Leere, in die Einsamkeit. Und mein Blick fällt hinein, wann immer er dem Fenster zu nahe kommt. Ich falle hinein, obwohl ich mich nicht mehr draußen sehe, sitze ich auf der Straße und die Kälte beißt, ein leichter Nieselregen durchdringt mein T-Shirt. Ich ziehe die Jalousie hinunter und befinde mich wieder in meinem Schreibtischstuhl, die weißen Wände dringen auf mich ein und ich weiche durch die Türe, durch den Korridor und das Treppenhaus hinunter bis ich tatsächlich durch die Straßen laufe, gegen den kalten Wind gestemmt, den Rhein entlang oder durch die Altstadt. Menschen sind nicht unterwegs, nur Avatare, graue Gestalten ohne Gesicht und ohne Verhalten, ohne Stimme und ohne Willen. Ohne einen eigenen Verstand oder eine Seele. Nur dafür da, nach Mitternacht die Straßen einer Großstadt zu bevölkern, denn so ist das auf der Welt. Man sieht Menschen, ohne dass es welche sind. Wäre auch verrückt jeden Tag hunderte von Menschen zu sehen. Ginge gar nicht. Die sollen alle denken und fühlen? Unmöglich! Nur bei Personen die man wirklich gut kennt, kann man sich da sicher sein. Und nicht einmal bei diesen ist es unmöglich, dass sie nicht doch nur leere Hüllen sind, ohne Bedeutung und mit einem beschränkten unabänderlichen Verhalten, von dem sie niemals abweichen. Was also tun, um einen wahren Menschen zu finden? Und was wenn dieser einen nicht ebenso als echten Menschen erkennt? Sind wir den Avataren nicht schon zu ähnlich? Werden wir von unseren Leidensgenossen nicht stillschweigend als leer abgetan? Denn wie soll man uns erkennen? Auch die Avatare sind intelligent. Was ist der wahre Unterschied? Das Rebellenabzeichen? Kreativität? Freundlichkeit? Ein wenig Verrücktheit? Ein Sinn für Kleinigkeiten, für Schönheit, für Zusammenhänge und große Gedanken? Oder die tiefe Melancholie, die nur den ausmachen kann, der sich über solche Dinge Gedanken macht? Und kann es sein, dass, wenn wir uns nicht vorsehen, eines Tages der Funken, der in all diesen Dingen zu Tage tritt auch in uns erlischt und wir tot und leer zwischen all den anderen wandeln und die Welt am Laufen halten wie sie immer lief? Weiter und weiter, wie ein Mühlrad, dessen Übertragungsachse gebrochen ist. Ins Leere hinein ohne Wirkung und ohne Sinn. Kreaturen des Asphalts. Grau und staubig. Alles überdeckend und erstickend. Jedes kleine Wunder wird dann von uns zerstampft und gesichtslos gliedern wir uns in den Alltag. Kulisse für irgendwas und irgendwen.
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