Stell Dir eine schneesturmdurchtoste Pfarrei im Münchner Osten vor, dessen Zentrum ganz natürlich von dem Pfarrbüro gebildet wird. Hier gibt es alles was notwendig ist, um 3000 Seelen vor den feurigen Höllenqualen zu retten. Computer, Fax, Telefon, einen Schreibtisch, davor ein Stuhl, mehrere Schränke voll gestopft mit Akten, einen Tresor und mich, den Zivi. Ich wandere zu früher Morgenstunde, die Sekretärinnen sind noch nicht da, auf dem blauen Teppichboden hin und her, rastlos, denn als Zivi bin ich naturgemäß ein Suchender. Ich suche nach Hausnummer 18, dem gelben Druckerpapier, nach Aspik und Remoulade, nach dem Hausmeister, nach Liebe, Ruhm und Geld. Manchmal finde ich etwas, öfter nichts, manchmal werde ich gefunden. So auch heute. Eine Tür öffnet sich einen langen Flur weiter, und der Luftzug lässt die Glastür zum Büro Unheil verkündend erbeben. Ich halte einen Moment in meiner Wanderschaft inne und starre auf die Tür. Der Augenblick dehnt sich und nichts geschieht, dann plötzlich erscheint ein hyperaktives Männlein vor der Glasscheibe, im Gesicht trägt er ein diabolisches Grinsen, in den Händen zwei Schneeschieber.
Ach! Das Schneeschieben!
Du stehst vor der jungfräulichen Schneedecke, in der Hand spürst Du ein hartes Rundholz, das Schneetreiben hat sich gelegt und ein (hoffentlich) einmaliges Erlebnis erwartet Dich. Der Hausmeister, ein fränkelndes Rumpelstilzchen treibt Dich energisch in einen Härtetest epischen Ausmaßes.
Wo sonst, wenn Du nicht gerade Profiboxer bist, erlebst Du jene prägenden Momente, voller Überraschung und Schmerz, wenn Dir der Schneeschieber an einem prominenten Pflasterstein hängen bleibt und der Schaft sich mit einem Ruck in Deinen Unterleib bohrt?
Nur der Schneeschieber ist ein echter Mann! Die morgendliche Antiweichei-Kaltwasserdusche kann er sich sparen. Hier wird er in Schnee geduscht, in Eiseskälte getränkt, in Eisfontänen getaucht! Sein Rücken beginnt zu schmerzen, während der Anteil der geräumten Fläche im Zeitlupentempo zunimmt, und schließlich bringt das Schneeschieben das Schlimmste in jedem von uns zum Vorschein. Wir drehen den Schieber um und kratzen mit der scharfen Kante die letzten festgetretenen Reste von den Wegen. Der kalte Stahl dröhnt vibrierend über den rauen Asphalt, unsere Hände beginnen zu verkrampfen, aber wenigstens wissen wir, dass die Bewohner des gesamten Wohnblocks fast ebenso inbrünstig wie wir das Ende der Schieberei herbeiwünschen. Dann ist es geschafft, die Wege sind frei, Du stehst von Schweiß durchnässt, mit schmerzenden Gliedern und einem roten Gesicht in der Kälte und richtest die Augen voller Stolz zum Himmel. Da siehst Du die Erste von einer Myriade von neuen Schneeflocken zu Boden rieseln...
Sprach ich von feurigen Höllenqualen?
Nein, jeder Schneeschieber weiß, die Hölle ist kalt, eiskalt, und der Teufel ein Hausmeister.
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30.04.2006 - 00:27 Uhr
copenrath