26.04.2006 - 20:00 Uhr

0 3 Über Twitter weiterempfehlen

Der Vertrag mit dem Schlächter

Text: florian-lamp

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat, welchen Jobs er nachgeht. Diese Woche trifft unser Autor alle Vorbereitungen für einen Tag auf der Straße: Er will die Menschen direkt um Geld angehen und im Stile eines verarmten Zirkus-Angestellten betteln. Dazu braucht es einen treublickenden Esel. Aber den muss man erst mal bekommen.

„Hallo? Spreche ich mit dem Tierheim?“ „Ja, Mayers am Apparat.“ „Ich rufe aus folgendem Grund an: Haben Sie Esel oder Kleinpferde, also Ponys? Oder meinetwegen irgendwas anderes in der Größe?“ „Nein, tut mir Leid. Wir haben Katzen, Hunde, Meerschweinchen, Kaninchen und Hammerhaie, aber…“ „Hammerhaie?!“ „Hahaha, kleiner Scherz… nein. Esel haben wir nicht. Auch keine Ponys.“ „Schade. Und wissen Sie zufällig, ob es in irgendwelchen anderen Tierheimen Esel, Mulis, Ponys gibt?“ „Nein, das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Herr Lamp.“
Illustration: Daniela-Pass Die Suche nach einem Esel gestaltet sich schwieriger als gedacht. Dabei ist doch alles andere schon vorbereitet. Aus einem Stück Umzugskarton habe ich zwei Schilder gebastelt und meine Thermos-Tasse mit dem Abbild eines Rotfinken vorne drauf steht auch schon parat. Ich habe eine ausgeleierte Trainingshose aus dem Altkleidersammelcontainer gezogen und seit drei Tagen bei einem befreundeten Zoofachhändler im Tierfutterlager deponiert. Der Geruch muss stimmen, wenn es an das Mitleid und die Geldbörse der Fußgängerzonenmenschen geht. Zirkusgeruch, bitte! Fehlt nur noch der verschissene Esel. Das kann doch nicht sein, daß es hier in Berlin keine Möglichkeit gibt, irgendwo billig einen Esel zu bekommen. Der muß ja nicht mal gesund sein – je magerer, desto besser! Vielleicht haben die beim Filmtierverleih ja einen Esel für mich. Ein Anruf. Es gibt: Hunde, Katzen, Mäuse, Ratten, eine Gambia-Riesenhamsterratte gar, eine Bartagame und einen Wolf, aber Esel: Fehlanzeige. Was ist nur aus Deutschland geworden. Früher, in meiner Jugend, da hätte man an jeder Straßenecke einen Esel angeboten bekommen, und jetzt: Bartagamen! Riesenratten! Ob meiner Bestürzung, dass schon wieder eine meiner Riesen-Geschäftsideen durch die in meinem Heimatland herrschenden Verhältnisse zunichte gemacht wird, dass im Rahmen der Globalisierung nicht nur Arbeitsplätze nach Rumänien, Indien oder Afrika verlagert sondern zu allem Überfluss auch noch heimische Nutztiere im Filmbusiness chancenlos gegen ausländische Billigbartagamen sind, bekomme ich Hunger. War es bei Edison, angeblich, ein vom Baum fallender Apfel, der ihn die Schwerkraft entdecken und definieren ließ, so ist es bei mir eine Salami, die ich im Gemüsefach vergessen hatte. Schnell im Internet recherchiert und eine knappe Stunde später stehe ich im Nordwesten Berlins in einer Rossschlächterei. Dem Rossschlächtermeister stelle ich mich als tierlieben Stoiker vor. „Mein Name ist Florian Lamp und ich wollte Sie um einen kleinen Gefallen bitten. Ich weiß, dass Sie nur ihrem Beruf nachgehen, wenn Sie Pferde und andere wiehernde Huftiere zu Fleisch verarbeiten“ ´Was?` scheint der Blick des Schlächters zu fragen. „Ich bin von der „Stiftung Tierwunsch“ und wir setzen uns für Tiere im Todestrakt ein, Tiere, die ihrem Schicksal nicht mehr entgehen können. Unser aktuelles Projekt ist es, Kleinpferden, die vorm Gang zum Schlachter stehen, noch ein letztes Mal die Schönheit der Natur zu zeigen. Deswegen wollte ich sie fragen, ob Sie mir erlauben würden, mir eines ihrer Schlachtpferde für nächsten Dienstag auszuborgen…“ „Aber wie stellen Sie sich das vor?“ „Ich würde am frühen Morgen vorbeikommen, das Pferd in Empfang nehmen und dann mit ihm einen wunderschönen Frühlingstag im Tiergarten genießen. Abends würde ich es Ihnen selbstverständlich wieder wohlbehalten abliefern. Hier, ich habe mir erlaubt, einen Vertrag aufzusetzen. Bitte: Mein Personalausweis, damit Sie wissen, daß ich kein Betrüger bin.“ „Ja, … und was habe ich davon?“ „Sie haben einem Pferd am Lebensabend noch etwas Gutes getan und außerdem erhalten Sie eine gerahmte Urkunde, laut der sie sich am Projekt „Ritt in den Sonnenuntergang“ der „Stiftung Tierwunsch“ beteiligt haben.“ Mit einem Handschlag besiegeln der Schlächter und ich den Vertrag. Nächsten Dienstag werde ich Kasse machen. Und zwar ordentlich.

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
florian-lamp
Mehr Texte zum Label
Job-Kolumne
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
3 Kommentare

speichern
bellnini
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.04.2006 - 22:38 Uhr
bellnini

Habibi, are you drunk?

Hier in Wien stehen sich im Winter Zirkustiere die Beine in den Bauch in der Fussgängerzone und die Ausbeute ist sehr gering...

Aber trotzdem viel Glück.

sunnyboy
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.04.2006 - 01:29 Uhr
sunnyboy

Bin zwar schon sieben Jahre nicht mehr in Deutschland gewesen, aber damals gab es noch ausreichend Esel. Zwar keine vierbeinigen, aber immerhin.
Leih dir doch einen Studenten, den du verkleidest. Die nehmen die idiotischsten Jobs an ;)

Wie man richtig bettelt, darueber koennte ich ein Buch schreiben. Darin sind die Venezolaner naemlich Weltmeister ;)

nora
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

27.04.2006 - 10:10 Uhr
nora

du wirst auf einem goldenen esel in den sonnenuntergang reiten!
coole illu :)


Speichern

Jetzt-Mitglied

florian-lamp offline

florian-lamp

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.

ist jetzt-Mitarbeiter und alle lieben ihn deswegen sehr.
Berlin