Verbessern, verändern, gestalten - Jochen Distelmeyer über das neue Blumfeld-Album "Verbotene Früchte"
"Ich-Maschine", "L'etat et moi", "Old Nobody", "Testament der Angst", "Jenseits von Jedem". Nicht zuletzt durch ihre Albumtitel wurde die Hamburger Formation Blumfeld (benannt nach einer Kurzgeschichte Kafkas) zuverlässig dem griffigen Ruf einer Diskurs-Band gerecht. Fernab jeglicher Gleichgültigkeit trägt Sänger Jochen Distelmeyer seit 1990 seine Gedichte mit dramatischem Timbre vor. Was ihm und der Band einerseits den Ruf veritabler Schnöseligkeit eintrug, um andererseits jene zu beglücken, die den Glauben an Niveau im deutschen Pop nicht aufgeben mochten.
Beglückend ist nun auch wieder das aktuelle Blumfeld-Album geraten, bei dem die Wut über gesellschaftliche Dissonanzen merklich hinter liebevolle Naturbeobachtung zurücktritt. Neu waren auch die Produktionsbedingungen, unter denen "Verbotene Früchte" entstand, das am kommenden Freitag erscheint: Die pur arrangierten Stücke - angesiedelt zwischen Folk, Swing, Chanson und Rock - wurden im O-Ton Studio von Stefan und Frank Wulff aufgenommen, deren Dienste bereits Lou Reed oder Nick Cave in Anspruch nahmen. jetzt.de sprach mit Jochen Distelmeyer.
Herr Distelmeyer, zunächst herzlichen Glückwunsch zum ersten Jahreszeiten-Album der Popgeschichte.
Äh, das hat mir noch gar keiner gesagt. Da bin ich jetzt ein bisschen erstaunt. Aber: Ja, kann sein.
"Schnee" ist eine Ode an den Winter, in "April" besingen Sie die Blütenpracht des Frühlings, "Heiß die Segel" ist ein eindeutiger, verzeihen Sie den Ausdruck, Sommersong und "Ich fliege mit Raben" völlig herbstlich geprägt. Sagen Sie jetzt bitte nicht, dass das alles Zufall war.
Nein, natürlich nicht. Es gab schon die Überlegung, dem Album mehrere unterschwellige Strukturen zu geben. Nur eine Struktur wäre mir jetzt zu konzeptuell gedacht. Wobei es bei der Reihenfolge der Stücke nicht ausgeschlossen wurde, dass es diese Lesart geben könnte. Ich finde das übrigens sehr schön: "Jahreszeiten-Album".
Hinzu kommen die Elemente Erde, Wasser, Luft. Wo ist das Feuer geblieben?
Feuer kommt auch vor ...
... aber dann eher zwischen den Zeilen.
Auch als Song. Er heißt "An eine Landschaft", hat seinen Weg aber nicht aufs Album gefunden. Außerdem wollten wir das Stück ein bisschen exklusiver behandeln. Das wird den Zuhörerinnen und Zuhörern jetzt auf eine andere Art zugänglich gemacht. (Zur Dame von der Plattenfirma:) Kann ich das eigentlich schon sagen? Ja? Okay. Für "An eine Landschaft" haben wir exklusiv iTunes zur Verfügung gestellt. Allerdings wird bei "Der sich dachte" ja auch ein Feuer entfacht.
In dem Stück geht's um einen "Weltverbesserer zwischen Dichtung und Wahrheit". Ist das so biografisch wie es sich anhört?
Weiß ich nicht. Das Stück ist eher ein Bänkelgesang, ein Chanson, das sich der Geschichte dieser Figur annimmt. Und ich denke, dass es ein grundsätzlich menschlicher Zug ist, die Welt verbessern, verändern, gestalten zu wollen. Vielleicht kennen das ja mehrere Leute.

Ein grundsätzlich menschlicher Zug ist auch das Staunen, dem mehrere Stücke dieses Albums gewidmet sind. In "Schnee" heißt es: "Ich will nicht aus dem Staunen raus". Und "Schmetterlings Gang" ist Musik gewordene Verblüffung...
Schmetterlinge sind ja auch unglaublich verblüffend. Ich hab' mal im Fernsehen eine Dokumentation gesehen, die zeigte, wie sich Tausende und Abertausende von Schmetterlingen wie abgesprochen in einer Lichtung versammeln. Die finden sich da an so einem Fleckchen zusammen. Für nur einen Nachmittag. Und verschwinden dann wieder in alle Himmelsrichtungen. Irgendwann mal habe ich auch davon gelesen, dass es Schmetterlingsarten gibt, die sehr weite Strecken zurücklegen, von Afrika bis nach Frankreich oder noch weiter über den Ärmelkanal. Abgefahren. Das finde ich wirklich erstaunlich.
Gab das den Ausschlag, sich derart intensiv mit der Schönheit der Natur auseinanderzusetzen?
Die Schönheit der Natur war für mich gar kein vorrangiges Motiv. Es geht immer um die Schönheit der Musik und darum, dass die Songs Sinn machen, mit dem, was sie so besingen. Und so genannte Naturmotive tauchen ja auch schon auf den Platten davor auf. Vielleicht nicht ganz so offensichtlich wie diesmal, aber es hat immer schon Stücke gegeben, ob die sich jetzt mit dem Wetter oder Spaziergängen beschäftigt haben. Es ist halt immer die Frage, wo Natur aufhört und wo sie anfängt. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass man alles besingen kann. Das ist auch mein Anspruch. Weil mich alles interessiert. John Lee Hooker hat mal gesagt: "Jeder Tag ist ein Song." Du zündest Dir gerade eine Zigarette an und machst 'n Interview. Es ist ein Song. Das Interview ist vorbei, Du hast die Zigarette ausgeraucht, trinkst noch einen Schluck ausm Glas, gehst zur Tür raus - es ist ein Song.
Sehr poetisch, Herr Distelmeyer.
Ich seh' mich nicht als Poet. Ich bin ein Songschreiber, der in einer Band spielt.
Blumfeld auf Tour:
27. April: Hannover, Musikzentrum
29. April: Berlin, Postbahnhof
02. Mai: Köln, Live Music Hall
03. Mai: Düsseldorf, Zakk
04. Mai: Frankfurt a.M., Festsaal Casino
05. Mai: Schorndorf, Manufaktur
07. Mai: CH ¬ Zuerich, Mascotte
11. Mai: A-Graz, PPC
12. Mai: A-Linz, Posthof
14. Mai: A-Wien, Arena
16. Mai: München, BR Sendesaal
17. Mai: Erlangen, E Werk
20. Mai: Hamburg, Uebel & Gefährlich
25. Mai: Jena, Kassablanca
26. Mai: Neustrelitz, Immergut Festival
Fotos: Martin Eberle / SonyBMG
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Jaja, früher war alles besser! Sagen wir 1933 (als Adolf Hitler Gottes Sohn gewesen ist)? Oder wie hättest Du es gern?
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,151...
Der Autor versucht die These zu erhärten, dass die neuen Alben von Blumfeld und Silbermon aus dem selben holz geschnitzt sind. sehr lesenswert!
Herling, ich stimme Dir vollkommen zu: Was ist bloss aus den "alten" Blumfelds geworden? Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen mit Freunden ueber "blau vergossen wird gelb-gruenlich" - wie wunderschoen das doch war. Nun singt Jochen ueber Schmetterlinge und wie der Schnee unter seinen Fuessen knarzt? Das kann doch fast jeder, der sich mal fuer ne halbe Stunde hinsetzt, ein bisschen auf seiner Gitarre herumzupft und verzweifelt einen Text sucht.
Das klingt mir alles zu sehr nach Kinderliedern.
Mein Fazit: Gute Musik mit leider absolut primitiven Texten. Schade.
(sollte nur nicht untergehen)
bleibe ich lieber bei meiner geliebten ich-maschine.
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26.04.2006 - 20:25 Uhr
sebsemilia
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzei...