Lektion 3
Text: elias_b
Ich lebe nach Listen. Spätestens mit dem Klassenbuch fing es an.
Und seitdem hört es nicht mehr auf. Beim Abitur gab es sogar schon Noten eingeteilt in Zehntel- Grade, damit ich *besser sehen * kann wie gross die Unterschiede zu den *Besseren* sind. Und die ganze Jugend hindurch die Ermahnung: Verlauf dich nicht, komm nicht vom Weg ab...
Es gibt Ranglisten im Sport, in der Firma *Mitarbeiter des Monats*, *der Woche*, *des Tages*, *der Stunde*, alles kann ich werden. Wenn ich im Sportverein bin, dann beginne ich mich selbst in der Freizeit zu messen. Konditionierung wird in der Richtung GROSS geschrieben.
Und ich beginne mich zu definieren, über Zehntel, über Abschlüsse, über Listen. Nach oben Bücken und nach unten Treten. Komisch, die Schneeballsysteme funktionieren selbst im Sommer.
Und immer passe ich auf, dass meine Trophäe, mein Pokal kein Kratzer hat oder bekommt. Ich poliere ihn mit Zahlen, mit geopferten Begleitern meiner Berufslaufbahn, mit alten Freunden.
Mein ganzes Leben bin ich am Polieren. Am Liebsten mit meiner eigenen Haut, das tut zwar schön weh, allerdings glänzt er da auch am meisten. Ich trage mich gerne zu Markte.
Ich bin mir sicher, all die Kratzer kann ich ausbügeln, niemand kann sie sehen. Solange die Politur stimmt! -
Ich vergesse gerne, dass das menschliche Leben nur allzu schnell auch in einem solchen Gral endet, nennt sich dann nur ulkigerweise Urne. Was mich aber nicht schreckt.
Ich vergesse ebenso aus diesem, meinem Gral zu trinken, mich zu betrinken am Leben, welches mir darin ausgeschenkt wird. Dies mit meinen Freunden zur Freude zu tun und diesen Kelch herum zu reichen. Hauptsache er glänzt...solange er noch nicht Urne genannt wird.
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12.04.2006 - 14:45 Uhr
hendiadyoin