04.04.2006 - 19:00 Uhr

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Die Traditionsreiche: Am Erker – Zeitschrift für Literatur

Text: katharina-bendixen

Das Angebot an Literaturzeitschriften ist fast unüberschaubar: Da gibt es welche, die vor allem Texte von jungen Autoren abdrucken, andere, die hauptsächlich Rezensionen veröffentlichen und einige, die Tendenzen auf dem Buchmarkt beleuchten. Es gibt Literaturzeitschriften, die seit vierzig Jahren existieren, und kurzlebige Projekte, die einmal erscheinen und dann plötzlich wieder verschwinden. Aber welche Literaturzeitschriften lohnen zu lesen, und in welchen hat man als Autor vielleicht die Chance, entdeckt zu werden?
jetzt.de stellt die wichtigsten jungen Literaturzeitschriften vor.

Im Dezember 1977 erschien die erste Nummer von Am Erker, deren Titel aus einer Umformung von Franz Kafkas Erzählung "Amerika" entstand. Zunächst als eine radikale, alternative Literaturzeitschrift konzipiert, fand sich im ersten Am Erker maschinengeschrieben und handschriftlich korrigiert AgitProp-Lyrik, Spontantexte, jede Menge Gedichte und die Ausschreibung zu einem Schreibwettbewerb um das beste Ostergedicht unter dem Charles Bukowski-Motto "Ich bin ein großer Dichter, ja Scheiße, das einzige Große an mir sind meine Eier".

Heute sind die wilden Zeiten vorbei, und Am Erker hat sich zu einer seriösen Literaturzeitschrift entwickelt, die aus der literarischen Landschaft kaum noch wegzudenken ist. Zweimal jährlich erscheint sie in einer Auflage von 800 bis 1.000 Exemplaren jeweils unter einem bestimmten Thema, zuletzt unter "Literarisches Scheitern" und, ganz aktuell und demnächst im Handel, unter dem Thema "Eltern". Bereits 1998 wurde Am Erker der Hermann-Hesse-Preis für Literaturzeitschriften verliehen.

Anfänge mit freundlicher Unterstützung von BaföG

Die Herausgeber von Am Erker sind Georg Deggerich, Joachim Feldmann, Marcus Jensen und Frank Lingnau. Feldmann ist von Beginn an dabei und erzählt: "Am Anfang haben wir die Zeitschrift mit unserem BaföG finanziert. Die Redaktionssitzungen fanden in unserer WG statt, da sind alle mal zu Wort gekommen, die gerade in der Küche saßen. Und dann sind wir abends durch die Kneipen gezogen und haben die Zeitschrift selbst verkauft." Den Erfolg der Zeitschrift, der sich nach und nach einstellte und der bis heute anhält, erklärt sich Feldmann dadurch, dass die Redaktion einfach immer weitergemacht und vor allem gut gewirtschaftet habe. "Wir haben lange gar nicht gemerkt, was für einen guten Ruf wir wirklich haben", meint Feldmann. Das Besondere an der Zeitschrift ist, dass sie sehr mit bestimmten Personen verbunden ist: Ebenso wie Feldmann sind Geschäftsführer Michael Kofort und Layouter Rudolf Gier-Seibert von den Gründungsjahren an dabei. Alle Redaktionsmitglieder machen die Arbeit ehrenamtlich und haben Brotberufe: Jensen ist Autor, Lingnau arbeitet als Lehrer und Lektor, Deggerich als Lehrer und Übersetzer. Feldmann selbst ist auch Lehrer und schreibt regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung und den Freitag. "Ich weiß ja nicht, was andere Lehrer in ihrer Freizeit machen, vielleicht gehen sie Golf spielen oder so", sagt er und lacht. "Ich mache auf jeden Fall eine Literaturzeitschrift."

Kurze Prosa über Abgründe des Alltags

Noch vor dem Prosaboom hat Am Erker auf Kurzgeschichten gesetzt. Lyrik erschien in den Anfangsjahren in größerem Umfang und ist heute nur noch marginal vertreten. "Wir setzen auf eine Kurzprosa, die den Abgründen des Alltags gewidmet ist", erklärt Feldmann das Konzept. Burkhard Spinnen und Marcus Jensen wurden von Am Erker beispielsweise als wichtige literarische Stimmen entdeckt, Texte von Franziska Gerstenberg erschienen in der Zeitschrift ebenso wie solche von Tanja Dückers oder Georg Klein. Neben den großen Namen finden sich jedoch immer wieder unbekannte Autoren, die in der Zeitschrift eine Chance bekommen.
Neben den Primärtexten im ersten Teil von Am Erker, zu denen auch Essays über Literatur und den Literaturbetrieb gehören, erscheint im zweiten Teil der Zeitschrift die Bücherschau, in der auf 50 Seiten vor allem Neuerscheinungen abseits der Bestsellerlisten rezensiert werden. Die Krimi-Kolumne "Mord und Totschlag" von Herausgeber Joachim Feldmann gehört seit über zehn Jahren ebenso wie die Fritz Müller-Zech-Kolumne zu den regelmäßigen Rubriken der Zeitschrift. "Dieser große Rezensionsteil der Zeitschrift ist eine Besonderheit unserer Zeitschrift, er ist bei den Lesern sehr beliebt", erzählt Feldmann. Und seit den achtziger Jahren werden die Texte und Rezensionen durch die skurrilen Cartoons und Vignetten von VerstAnd alias Andreas Verstappen aufgelockert.
Eigentlich sollte es mehr Lehrer geben, die in ihrer Freizeit nicht Golf spielen, sondern Literaturzeitschriften machen, wenn das Resultat ein solch erfreuliches und abwechslungsreich zu lesendes ist. "Der beste Zeitpunkt, um eine Literaturzeitschrift zu gründen, ist nach dem Abitur", sagt Feldmann. Also, dann mal los.

Am Erker – Zeitschrift für Literatur erscheint in Münster. Die Zeitschrift hat rund 130 Seiten und kostet 7,50 Euro.


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2 Kommentare

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machattma
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Mag ich Mag ich nicht

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05.04.2006 - 13:07 Uhr
machattma

Ein Kleinod ist auch ein obskures kleines Blatt namens Salmoxisbote, das vor allem dadurch unsterblich ist, dass einst Sven Regener einen Text darin veröffentlichte, in dem ein Herr Lehmann einem Hund begegnete. Irgendwann wurde ein Buch daraus.
http://www.salmoxisbote.de/Bote18/Regene... - wer findet den Unterschied?

killerschlampe
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Mag ich Mag ich nicht

0

05.04.2006 - 15:08 Uhr
killerschlampe

Check out www.fleisch-magazin.at, absolut kultig!


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