Postmoderne, Baby.
10 Kilo braune Locken und 1500 Kilometer. Oder mehr. Oder weniger. Kommt drauf an. Wo du sein wirst, im Sommer. Kommt drauf an. Wo ich sein werde, im Sommer. Kommt drauf an. Ob wir zu dem Punkt kommen, an dem diese Distanz dann Relevanz hat. Für uns beide. Ob uns etwas hält, aneinander. Oder ob das hier, ob wir hier im Sande verlaufen, nach dieser Nacht. Nach dieser Nacht nach diesem Café im Café, in der du sagtest, ich dürfe hier schlafen, bei dir. Aber auch nur, um einfach nur zu schlafen. Das war ein großes Geschenk für mich. Und wir schliefen. Wir schliefen einfach nur. Nebeneinander. Und jetzt liege ich hier, deine vielen, duftenden Haare in deinem und meinem Gesicht und meine Hand auf deinem Bauch, der so unglaublich fest und flach und doch so weich ist. Du bist schon zu spät und das Auto, das dich abholt, wartet praktisch schon. Wartet, um dich in ein anderes Land zu fahren. „Je suis désolée“ sagst du. Und ich erkläre dir, mir wäre es lieber, du sagtest nicht, es täte dir leid. Ich erkläre dir, ich würde mir wünschen, du würdest „dommage“ sagen. Ja, du solltest es schade finden. Nein, es sollte dir nicht Leid tun. Ich achte auf Worte, sage ich. Verraten viel. Verstecken viel. „Du hast Recht“ sagst du. Und dann: „C’est dommage.“ Küsst mich. Und mir, mir wird warm. Viel zu schnell fuhren diese paar Tage durch mein Leben. Zwischen drei Café im Café an drei Tagen und gucken und denken und wieder gucken und lächeln, vorsichtig, und überlegen ob sie auch will, was man will und wie anstellen. Und dann zwei Gläser Rotwein später, der Abend ist lau und an der Hausecke müssen wir warten und dann passiert es einfach so und ich zwicke mich selbst und denke ich träume, dass ich diesen Traum küssen darf. Jetzt bist du weg, seit ein paar Tagen. Und ein Blick auf das Display und kein Briefumschlag verrät, dass du an mich denken könntest, vielleicht. Im anderen Land. Du kommst bald wieder, das weiß ich. Dann wären da noch zwei Monate Zeit, vielleicht. Trotzdem. Zu oft habe ich auf klare Antworten von unklaren Frauen gewartet, die mir mit ihrer Schönheit meine Sicht für den Horizont nahmen. Frauen, die mir nicht antworten konnten, weil sie selbst keine Antworten auf mich, auf sich, auf ihr und unser Leben hatten. Du weißt nicht, wohin. Ich weißt nicht, wohin. Wir wissen nicht wohin. Wir alle. Und auf der Suche nach dem, was wir Glück nennen könnten, wechseln wir, wechselt meine Generation teure und billige Städte, große und kleine Länder mit billigen Airlines. Alle sind mobil, agil, alle sind online, skypen mit schnurlosen Headsets und schwören Liebe und Treue flüsternd oder schreiend durch tausend Kilometer lange elektronische Leitungen, die am Ende das arme Surrogat von echter Nähe sind. Und während unsere ganze Generation sich zwischen Praktikum und Sinnsuche verortet und Soziologen uns die verzweifelte Identitätsarbeit unseres fragmentierten Ichs in der neoliberal gesteuerten Globalisierung attestieren, will ich doch nur eines. Eine klare Antwort. Von dir. Und da das Warten auf Antworten den Sauerstoff in jedem Zimmer in Sekundenbruchteilen rückhaltlos verzehrt, treibt es mich hinaus in die Straßen, hinunter, zum Fluss. Das Wasser ist aufgewühlt und der Sturm, die Veränderung zerren an meinen Haaren. Der Fluss hat Hochwasser, milchkaffeebraun und zähfließend wälzt er sich vor meinen Füßen durch die Stadt. Entwurzelte Baumstämme recken haltsuchend Äste in die Luft, gleiten wie in Zeitlupe, aber doch verloren vorbei. Drei Möwen im Wind, zetern, schreien, alles unwirklich. Der Wind schießt einen kalten Frühling durch die Gassen dieser Stadt, der noch grau ist, weil sein Hoffnungs-Grün sich nicht heraustraut. D-Züge mit 1000 Weichen ins Nirgendwo, Unsicherheit an allen Ecken. Mein Hemd flattert im Wind und die Augen tränen. Vom Wind natürlich. Natürlich nur vom Wind. Und dann ist sie wieder da, die Gänsehaut auf dem Rücken und die Gewissheit, die Ungewissheit im unkündbaren Dauerabo zu haben. Postmoderne, Baby.
- Du 09.03.2012
- Die Frau in der Fotografie 01.03.2012
- Nur zum Verständnis... 07.02.2012
- Ein Mann muss ein Held sein… 21.09.2011
- intensiver Augenkontakt Tag 05.09.2011
Alle Kommentare anzeigen
einfach genial... und so sehr wühlt´s dieses Gefühl auf, dass man viel zu gut kennt... leider oder zum Glück oder beides.
in diesem sinne *
Alle Kommentare anzeigen








0
08.10.2006 - 17:32 Uhr
BlauerMond
sometimes someone simply knows when nothing's left to add. not a word or a single sentence. not a gesture or a blink of an eye. I'm familiar with this text, somehow.