(Emma und Jonas) Kartographen
Text: emosozialprodukt
„Es sollte immer einen Weg geben“, hatte Jonas gedacht und in kleinen Schlucken getrunken, um nichts zu verschütten. Und neben ihm saß auf einem kleinen Fleck die Sehnsucht. Und unter seinen Füßen hatten sich die Fussel in kleinen Gruppen auf dem Teppich zusammengefunden. Hin und wieder war auch ein Haar von ihr dabei. Hin und wieder eine Farbe irgendeines ihrer T-Shirts.
Jonas saß auf seinem Tisch und wusste nicht nach vorn und nicht nach hinten. Die Nacht war schon älter, das Telefon stand im Flur, und „den ersten Ratschlägen soll man nicht folgen“ hatte seine Mutter immer gesagt. Als hat er die Tasse neben sich gestellt und sich auf die Hände gesetzt. Damit die nicht anfangen zu suchen oder zu kratzen, Nummern zu wählen oder Jacken anzuziehen. Die sollten das Gesicht nicht waschen und nicht schreiben. Die sollten einfach mal die Fresse halten wie die ganze Welt da draußen. Alle Wege führen nach Rom, aber keiner führt in halbwegs gerader Haltung zu Emma. Kein Weg ist so beschaffen, dass das Gesicht Gesicht und die Worte sauber bleiben. Jonas hat sich im Karten malen geübt und die Möglichkeiten skizziert. Als dann das laute Fiepen des Wasserkessels die Studien unterbrach, strich Jonas alles durch. Den Radiergummi verschluckte er aus Versehen. Der liegt jetzt schwer im Magen. Deswegen trinkt Jonas auch Fencheltee und rührt sich nicht von der Stelle bis zum Morgen.
„Dass es immer einen Weg gibt“ verwirrt Emma zuweilen. Und ihre Hände kommen gar nicht mehr dazu, einmal die Taschen auszupacken, die da immer und immer dicker und größer werden von all den Dingen, die sie mitbringt und sammelt auf den Wegen, die sie geht. Die Menschen sind meistens zu groß, denen ist es zu unbequem, die kommen oft nicht mit. Aber die Geschichten, die passen hinein. Und am Abend schleppt sie sich müde die Treppen hinauf und braucht erst einmal sieben Minuten, um den Schlüssel zu finden in dem ganzen Durcheinander der Tage. Und sobald die Tür auf ist, fällt sie hinein und die Stimmen dazu, alles übereinander, denn die Schuhe hat sie ja auch nicht beiseite gestellt gestern Abend, dazu war sie zu müde, dazu war es zu laut. Sie liegt dann da verstolpert im Flur und sortiert diese Menschen und tütet sie ein, hier eine Nummer und da noch eine Name („Wie war der noch gleich? Ach, der von der Ecke..“), mitunter vergeht da schon mal eine Stunde, bevor sie zur Ruhe kommt. Und wenn die Ruhe dann da ist, schläft sie ein, denn dazu kommt sie ja sonst nicht, dazu ist es ja sonst zu laut und zu voll. Drei Straßen weiter schläft Jonas. Der Name liegt auch irgendwo noch im Zimmer. Aber wo genau, das weiß sie gerade nicht, sie schläft ja schon.
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10.03.2006 - 12:17 Uhr
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