Aufräumen mit einem Mythos: Das 'neue' White Trash.
Neue Besen kehren gut, sagen die einen. Never change a winning team, sagen die anderen. Und Habgier macht häßlich. Das White Trash in der Torstraße hatte sich über längere Zeit hinweg zu einer sagenumwobenen Lokalität entwickelt. Eine dieser Endstation-Bars, in denen nach Betreten die Zeit stehenbleibt. Wo man gar nicht anders kann, als bis Sonnenaufgang oder auch länger dort zu versacken. Weil immer ein neues Bier kommt, weil gelegentlich mal jemand auf den Tischen tanzt, weil es so viel zu gucken gibt: von der Beamerprojektion (ich hätte vorher nie gedacht, daß es möglich ist, das Texas Kettensägenmassaker in Repeat-Schleife anzusehen und trotzdem mit großem Appetit einen Burger zu verspeisen) über die liebevoll umhegten Goldfische (allesamt mit leichter Schräglage knapp unter der Wasseroberfläche entlangtreibend) bis hin zu dem Opi, der hinterm DJ-Pult steht und mit großem Spaß Death Metal auflegt. Und vor allem: weil einen keiner beim Versacken zuguckt - beziehungsweise zugeguckt HAT. In Berlins Nachtleben herrscht ein gewisser Mangel an Orten, an denen man einfach gepflegt und unbeobachtet in einem Sofa herumschimmeln kann. Mit der Schließung des White Trash in der Torstraße ist einer davon gestorben - wenn nicht gar der einzige. Kein Wunder, daß nach einem Sommer des durstigen Wartens und wilden Spekulierens ('Hast du schon gehört? Angeblich gibt es ein neues White Trash in Kreuzberg. Ich weiß aber auch nicht, wo') die Neueröffnung mit Spannung erwartet wurde. In einem ehemaligen Irish Pub, aha. Dann also statt Chinarestaurant mit Totenkopfgirlanden jetzt grüne Kleeblätter im Goldfischaquarium? Mitnichten. Vermutlich aus Gründen der Treue zum alten Erscheinungsbild (aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit) hat man die ganze olle China-Deko abmontiert und recht pragmatisch in die neuen Räumlichkeiten verpflanzt. Platz ist genug, denn das Neue White Trash ist keine Bar, sondern ein Tempel. Ein Restaurantbereich mit Tischen auf drei Ebenen, im Keller noch ein Club mit Live-Konzerten - das Neue White Trash ist jetzt eine große öffentliche Bühne fürs Sehen-und-Gesehenwerden. Nachdem die anfängliche Euphorie über die Rückkehr des Killer Elvis Burgers sich nun ein wenig gelegt hat und die Zusammensetzung des Publikums sich verschoben hat in Richtung 'Werbeagentur-Geschäftsessen' und 'Erlebnisgastronomiegeile Touristengruppen' wird langsam klar, was zwischen Umzug und Neueröffnung leider auf der Strecke geblieben ist: das Herz. Zum Abschluß noch eine kleine prototypische Anekdote aus einem Laden, der im Moment sicherlich eine Goldgrube ist, aber sich vielleicht doch die Frage stellen sollte, ob das mit der gegenwärtigen Attitüde noch lange so bleibt. Samstagabend. Eine Gruppe von zehn Leuten will essen gehen. Es ist Besuch aus anderen Städten da, denen möchte man natürlich etwas möglichst besonderes bieten, und da man ja weiß, im Neuen White Trash wird es voll sein, reserviert man vorher am besten telefonisch einen Tisch. Bei der Ankunft stellt sich heraus, daß das die falsche Taktik war. Der zugewiesene Tisch ist ganz hinten, ganz oben: vor der Tür zur Damentoilette und neben der Klimaanlage, standardmäßig auf Windstärke 8 eingestellt. Besser, man wäre einfach eine Stunde früher gekommen und hätte einen der freien Tische belegt. Zu spät jetzt, freie Tische gibts nicht mehr, also hoch zum reservierten Tisch und während des Essens eben die Jacken anbehalten. 'Was tut man nicht alles, das ist halt eben das White Trash.' Als alle eingetrudelt sind, wird bestellt; die Burger kommen und sind lecker, bis auf einen- der wird auch bei dreimaliger Nachfrage immer wieder vergessen und kommt schließlich, als alle anderen schon beim Verdauungsschnaps angelangt sind. Von einem guten Restaurant würde man vermutlich erwarten, daß das vergessene Essen entweder nicht auf der Rechnung auftaucht oder daß die Tischrunde eine Runde Schnaps aufs Haus serviert bekommt, aber wir sagen nichts, 'das ist halt eben das White Trash'. Falsch. Das ist halt eben das NEUE White Trash, und hier geht es nicht mehr um die gewohnte 'no attitude'-attitüde, hier geht es nur noch ums Geld scheffeln. Das wird uns schmerzlich bewußt, als die Rechnung kommt, und die Kellnerin ('You have to talk in english, I don't speak german') erklärt, sie habe auf die Gesamtsumme 13 Euro aufgeschlagen, denn wir seien schließlich eine 'big party reservation', und da würden sie das immer so machen. Zunächst halten wir das für einen schlechten Scherz, denn a) war das bei weitem nicht das erste Burgeressen in einer großen Gruppe und diese Praxis uns völlig neu, b) haben wir pro Person schließlich auch schon den einen Euro Eintritt bezahlt, um im White Trash Geld ausgeben zu dürfen und c) wäre vielleicht deren Website, zum Beispiel direkt unter der Telefonnummer für Reservierungen, ein angemessener Ort, um den Gästen solche Mitteilungen zu machen und nicht erst beim Überreichen der Rechnung. Wir weisen auf den verspäteten Burger und überhaupt miesen Service hin und erklären, daß wir kein Problem damit haben, Trinkgeld zu geben, das eigentlich auch schon nicht mehr angemessen ist, aber diese dreizehn Euro gewiß nicht zahlen werden. Die Bedienung verschwindet wortlos und kommt mit ihrer Oberkellnerin (emo-schwarz/platinblond gefärbte Vogelnestfrisur und schon von weitem erkennbar auf Krawall gebürstet) zurück, die dann absurderweise erklärt, bei Rechnungen über 100 Euro würden sie immer zehn Prozent aufschlagen, das sei doch normal. Der Sinn hinter dieser Maßnahme bleibt uns verschlossen, aber wir kommen auch nicht mehr dazu, weiter nachzufragen, denn auf unsere erneute Weigerung hin knallt die Vogelnestfrau uns das restliche Wechselgeld auf den Tisch und erklärt einem aus dem Nichts aufgetauchten Herrn: 'Dieser Tisch hier möchte jetzt sofort geschlossen den Laden verlassen, bitte begleite alle nach draußen.' Nachdem er sich vergewissert hat, daß auch ja alle rausgekommen sind, gibt er uns noch einen freundlichen Abschiedsgruß mit auf den Weg: 'Das ist ab jetzt nicht mehr euer Laden.' Ja, das haben wir auch schon überlegt, danke. Schade drum.- Ein bisschen Freiheit 25.05.2012
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ich weiss nicht, wie der laden sich SO halten will...
Ich meine, dass man am neuen Ort lagemässig auf verlorenem Posten kämpft, sich diesen dort aber widerum vergolden lassen bis Oberkante Unterlippe, liegt ja in der Sache selbst.
Aber die ganze Nummer? Wem soll das denn helfen?
By the way:
Das mit dem ´Killer Elvis Burger´ als Bestem der Stadt ist die ganze Zeit schon Quatsch.
Man gehe in das, zugegebenermassen 8000xunspektakulärere, "Catherine´s" im Dussmann-Gebäude...
übrigens n echt guten burger habe ich neulich im "fries & friends" in der pallasstraße gegessen. cheers
früher waren's aber maximal fünf bedienungen, die man auch irgendwann alle kannte und die dann eigentlich immer ganz okay waren. heute sind es gefühlte dreißig.
07.03.2006 - 10:48 Uhr
DonDahlmann
07.03.2006 - 10:51 Uhr
DonDahlmann
find ich ja sehr lustig, weil exakt die 'provinzler' doch wohl eher die leute sind, die du da gerade beschreibst.
die denken, das sei der coolste laden der stadt und man müsse auf jeden fall da hin rennen, egal wie man behandelt wird. diese komische image-maschine funktioniert natürlich hauptsächlich bei denen, die es ganz dringend nötig haben.
man möge mir verzeihen.
ich ärgere mich ja auch weniger über den miesen service als diese unmögliche aktion mit den dreizehn euro.
der laden hat sich einfach vom besten absackerschuppen der welt in ne touri-falle verwandelt, darum gehts hier.
wer sich sowas schönredet, dem ist genausowenig zu helfen.
Ich hab' ja schon viele miese Geschichten in Restaurants erlebt und gehört, aber das ist schon ein echtes Highlight.
Abstrafen!
ich bin mal gespannt.
was gibts denn da gespannt zu sein? liars (ohne 'the') werden sein wie immer, und der wt-keller ist schon genau die richtige bühne dafür. (sieht ja ein bißchen aus wie die geisterbahn im phantasialand)
unter trash verstehe ich läden wie das franken in der oranienstrasse in kreuzberg, oder die bullbar in wrangelstrasse. oder eben wild at heart. da weiss man was man hat, auch ohne mit persil gewaschen zu haben;)
wenn dreckig und trashig dann so*hehe*
genau.
In die ganz ganz geheimen clubs, die nur DU kennst ?
Kennst DU die etwa nicht? *gg*
die grüne sauce ist ja legendär
wir leben im zeitalter in dem es IN ist sich selbst ins knie zu ficken und in dem bedienungen eben saures geben wenn man selbst den diesen billigjob nicht schätzt. ich hatte bisher immer eine gute zeit in dem schuppen, auch wenn ich mal auf die besagte 'vogelscheuche' gestoßen bin...
in diesem sinne, besinne man sich noch einmal auf muttis und vatis gute erziehung in der man lernte: "wie man in den wald hineinbrüllt, kommt es eben wieder zurück"...
Berlin ist groß genaug um so miese SChuppen wie das White Trash zu meiden.
Wenn in solchen Läden nur noch Werbetypen und Entertainmentmuschies sitzen und "echte"Leute wegbleiben, werden diese Wichser schon merken was sie "falsch" gemacht haben...
Hamburger essen und Musik hören kann man in der ganzen Stadt ;)
Aber: Dein Bericht ist gut.
Regards
J.
aber WILL man auf die denn treffen?
@ yellowbird: bist du "echt"? was ist "falsch"? was ist "richtig"? wieso suchst du dir werbetypen und entertainmentmuschis als projektionsfläche? sollen die etwa schuld daran sein, dass das WT nicht mehr so ist wie früher? war früher alles besser? wieso braucht man einen schuldigen?
in den letzten monaten war ziemlich häufig zu hören, dass ins WT nur noch die falschen leute gehen. ich frage mich, was ist an den leuten, die hingehen falsch und wer bestimmt, wer bzw. was falsch oder richtig ist? du? wir? das personal im WT? was ist falsch an einem publikum, das sich amüsiert? ihr vermeintlicher job? ihr outfit? ihr musikgeschmack?
die macher vom WT hatten ursprünglich sicherlich eine ganz bestimmte zielgruppe im blick. es ist mittlerweile zu groß, um sich auf diese zielgruppe zu beschränken. das kann einem missfallen, man kann aber auch etwas positives darin sehen. mir ist ein laden, in dem es egal ist, was man trägt, was man arbeitet oder was man sonst so für nen unfug treibt, lieber, als ein laden, in dem ich leute treffe, von denen ich glaube, dass sie so sind wie ich. die schrägen leute, die das WT früher kennzeichneten gehen mittlerweile sicherlich in der menge unter, aber oft sind die vermeintlich "normal" aussehenden schräger, als man vermutet. es reicht nicht, ein schräges höschen zu tragen. das kann jeder. schräge gedanken sind mir lieber. wieso sollte ich in einen laden gehen, dessen idee es ist auzugrenzen? das wäre mir zu kleinkariert.
ich habe im WT mehrfach erlebt, dass das anfängliche rumgezicke des personals in ernst gemeinte höflichkeit umgeschlagen ist. manchmal muss man menschen einfach die hemmungen nehmen, höflich zu sein. nicht jeder hat das selbstvertrauen dazu...
komm, gibs zu: du wirst für deinen kommentar bezahlt.
das alte white trash war rocknroll - das neue ist es nicht.
Punkt.
hehehe. scheiße... wieder mal erwischt =)
@ endmonster
stimmt. ich glaube übrigens, dass das personal sich am meisten darüber ärgert. deshalb vielleicht auch die schlechte behandlung der gäste, die ebenfalls keine rocknroller mehr sind =)
(wally, bist du's?)
übrigens: da ist immer noch ein unterschied zwischen schlechter behandlung und sellout.
sellout kommt aber schlechter behandlung gleich, die grenzen sind da fließend...
schlechte behandlung war, die goldfische nicht zu füttern, bis sie mit dem bauch nach oben schwimmen, oder die gäste so lange zu ignorieren, bis sie eben selber zur bar gehen, das ist alles okay so, damit kann ich leben.
sellout ist, wenn die alten joker cards, die man sich auf die harte tour (nämlich durch häufiges frühmorgendliches erscheinen) verdiente, auf einmal nicht mehr gelten, und wenn man allen ernstes tische reservieren muß, um überhaupt noch nen platz zu bekommen und dann so sachen erlebt wie oben in dem text-
sellout ist, wenn man am wochenende auf einmal horrenden eintritt bezahlen soll, nur um dort ein bier trinken zu gehen, weil das restaurant nur noch durch den ohnehin komischen kellerclub betreten werden kann, und überhaupt, blah, was reg ich mich eigentlich auf. der laden ist eh tot.
der is schon vorbei - aber heute abend ! gehen in den nicht mehr ganz so neuen arena club ... wenn du mit willst - sag bescheid, vorsaufen hier bei uns so ab 11
Und so: bin ich nie wieder hin. Wollt ich aber. Jetzt nicht mehr.s
14.09.2006 - 22:38 Uhr
streifi








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05.03.2006 - 22:43 Uhr
O_L_I__I_S__B_A_C_K__…