01.03.2006 - 19:00 Uhr

0 32 Über Twitter weiterempfehlen

Die zehn populärsten Rechtschreib-Irrtümer - und ihre Klärung

Text: lars-weisbrod

Auf der am Donnerstag beginnenden Konferenz der Kultusminister (KMK) wird unter anderem über die Vorschläge zur Änderung der Rechtschreibreform entschieden, die der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ in dieser Woche vorgelegt hat. Die Experten sprachen Empfehlungen aus, wie sich die Regelungen in den Bereichen Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung sowie Worttrennung verbessern lassen. Die amtierende KMK-Vorsitzende Ute Erdsiek-Rave (SPD) hofft, dass sich der "Rechtschreibfrieden" so wiederherstellen lässt und der Einführung der neuen Regeln in allen Bundesländern nichts mehr im Wege steht.

Als Hilfe durch den Orthographiedschungel haben wir die zehn häufigsten Irrtümer richtiggestellt, die durch Reform und Reform der Reform entstanden sind. 1. Richtiggestellt schreibt man doch auseinander. Stimmt. Noch. Die Empfehlungen des Rechtsschreiberats sagen aber, dass zusammengeschrieben wird, wenn Adjektiv und Verb miteinander eine neue Bedeutung ergeben, die sich nicht aus den Teilen erschließen lässt. Das Gleiche gilt auch für krankschreiben, schwerfallen und freisprechen. 2. Verbindungen aus einem Verb und einem Wort, das -einander oder -wärts enthält, werden immer auseinander geschrieben (z.B. auseinander schreiben). Hier gehen die neuen Vorschläge einen anderen Weg und setzen auf den Wortakzent als Kriterium: Wenn die Betonung auf dem Verb liegt, schreibt man in zwei Wörtern (aufeinander achten), wenn sie auf dem Partikel liegt, in einem (abwärtsfahren). 3. Vor und muss man doch nie ein Komma setzen. Die Konjunktion und erzwingt zwar kein Komma - aber es ist gut möglich, dass davor gerade ein Nebensatz aufgehört hat, und dann muss ein Komma gesetzt werden. Zum Beispiel hier: Es ist gut möglich, dass davor gerade ein Nebensatz aufgehört hat, und dann muss ein Komma gesetzt werden. 4. Vor Infinitiven muss auch kein Komma stehen. Hier heißt es ebenfalls: Manchmal schon. Nämlich dann, wenn der Infinitiv durch ein Wort angekündigt wird (Ich denke daran, dir ein Geschenk mitzubringen.) oder von einem Substantiv abhängt (Wir haben nur einen Versuch, ein Tor zu schießen.). Der Rechtschreibrat ergänzt jetzt: Das Komma soll auch verpflichtend werden, wenn der Infinitiv mit um, ohne, statt, anstatt, außer, oder als eingeleitet wird. 5. Ich schreib' einfach alles mit zwei s. Eszett gibt es nach den neuen Regeln doch gar nicht mehr. Gibt es wohl, auch wenn man es dem internationalisierten E-Mail-Verkehr nicht mehr anmerkt. Trotzdem ist es wichtig, ob du mit den Kumpels an der Theke über die Maße deiner Traumfrau redest oder über ihre Masse. Die Regel in der Kurzfassung: Ist der s-Laut stimmhaft, schreibt man einfaches s. Ist er stimmlos, schreibt man nach langen Vokalen und Doppelvokalen ß, nach kurzen Vokalen doppeltes s. Einzige Ausnahme, bei der das Buckel-s nie benutzt wird: Wenn man alles in Großbuchstaben schreibt. Dann sieht ein kleines ß dazwischen nämlich blöd aus. 6. Orthographie, Orthografie: Bei den meisten reformierten Wörtern sind doch sowieso mehrere Schreibweisen erlaubt. Manchmal wird man aber auch gezwungen: Stop heißt jetzt immer Stopp, Tip immer Tipp und das As aus Skat und Tennis heißt jetzt Ass. Auch Neuschreibungen aufgrund der Wortabstammung sind verpflichtend: Es muss Gräuel heißen und Stängel, der Plural von Gams ist Gämse. 7. Eingedeutschte Anglizismen schreibe ich klein und mit Bindestrich. Bei zusammengesetzten Wörtern wie High Society, Electronic Banking oder New Economy müssen beide Wortteile großgeschrieben werden. Die Frage der Zusammenschreibung legen die Experten jetzt über die Betonung fest: Liegt der Hauptakzent auf dem adjektivischen Bestandteil, darf man zusammenschreiben (Softdrink, Hightech). 8. Ich trenne Wörter sowieso nie, also sind mir die Regeln für Wortrennung egal. Problem nur: Wenn man doch mal möglichst viel Text auf wenig Platz unterbringen will, muss man trennen. Und dann hat man plötzlich keine Ahnung mehr, wo es erlaubt ist und wo nicht. Getrennt wird natürlich so, wie sich die Wörter bei langsamem Sprechen in Silben zerlegen lassen: eu-ro-pä-ische. Wenn zwischen zwei Silben, die man trennen möchte, mehrere Konsonanten stehen, kommt immer der letzte und nur der letzte Konsonant in die neue Zeile. Also nicht hüpf-en, sondern hüp-fen. Die Reformatoren der Reform ergänzen jetzt, dass keine einzelnen Vokale abgetrennt werden dürfen: E-sel und A-bend sind also wieder verboten. Außerdem soll im Regelwerk stärker betont werden, dass irreführende Trennungen nicht erwünscht sind: Lieblingsformulierungen Pubertierender wie Urin-stinkt und Anal-phabet sollen also aus dem Schriftbild ebenso verschwinden wie Spargel-der und Altbauer-haltung. 9. Adjektive vor Nomen muss man nach den neuen Regeln immer kleinschreiben, auch wenn es feste Wendungen sind. Nein, folgt man den neuen Empfehlungen, darf man bei Verbindungen mit ganz eigener Bedeutung das Adjektiv wieder großschreiben, zum Beispiel das Schwarze Brett, den Weißen Tod, die Rote Karte beim Fußball und die Erste Hilfe am Unfallort. Immer großgeschrieben werden mussten feste Wendungen wie der Regierende Bürgermeister oder der Technische Direktor. 10. Meine brieflichen Liebesbekundungen haben gar keinen Erfolg mehr, seit ich das du kleinschreiben muss: Ich liebe dich sieht einfach nicht schön aus. Deswegen wurde in den Empfehlungen zur Reform der Reform auch beschlossen, dass die Großschreibung von du, dich, dir und dein als Anrede in Briefen wieder erlaubt werden soll.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
lars-weisbrod
Mehr Texte zum Label
Handreichung
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
32 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

delaydackel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.03.2006 - 20:46 Uhr
delaydackel

Die Frage von ss und ? ist das Wichtige, auf das es ankommt. Auf dass es ankommt!

RockingRole
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.03.2006 - 21:17 Uhr
RockingRole

oh mein gott! Zum Glück hab ich die alte Rechtschreibung nie richtig gelernt.

Eckermann
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.03.2006 - 21:27 Uhr
Eckermann

Das Traurigste an diesen Zwiebelfisch-Weisheiten ist, dass der Wolf Schneider deswegen, hihi, abgeschrieben wird. Der hätte schon noch ein paar Jahre gegolten.

senzapanini
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

01.03.2006 - 21:52 Uhr
senzapanini

ich muss mal was dummes fragen: wie schreibt man denn nun albtraum?
sehs immer wieder, auch in zeitungen, anders.. alptraum? albtraum? tendier ja zu letzterem.

Jamye_Button
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.03.2006 - 21:56 Uhr
Jamye_Button

die neue rechtschreibung ist lächerlich in jeglicher hinsicht und ich werde sie niemals akzeptieren. niemals!

keinekueche
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.03.2006 - 22:05 Uhr
keinekueche

@ senzapanini: schreib doch einfach 'nachtmahr'. klingt eh schöner.

im übrigen: ich weigere mich schlicht und einfach, die 'neue' rechtschreibung anzuwenden. bis jetzt hab ich noch keine wirkliche verbesserung gefunden. und daß die gesellschaft für deutsche sprache duch ihre 'empfehlungen' auch so langsam wieder zur alten regelung zurückkehrt - vor allem, was die getrenntschreibung angeht - halte ich für sehr bezeichnend.

pommesmaedchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.03.2006 - 00:20 Uhr
pommesmaedchen

Es gibt sehr wohl Verbesserungen. Nehmen wir doch grad mal die ss-ß-Geschichte. Endlich gibt es eine logische Regel für die Schreibweise - früher musste jedes Wort gelernt werden. Warum sollten Fluß und Fuß die gleiche Schreibweise haben, obwohl sie anders ausgesprochen werden?

Ist jetzt im übrigen auch für Fremdsprachler leichter, da die Schreibweise eindeutig hergeleitet werden kann.

santana
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.03.2006 - 00:50 Uhr
santana

Ich seh in der Neuregelung genau eine Sache, die sinnvoll ist:

eingebleut wurde eingebläut. Den Rest - nennt mich einen Ignoranten - halte ich für mehr oder minder schwachsinnig.

Sprache ist eine Evolution, man kann keine Regeln von oben aufoktroyieren. Es hat jahrelang fantastisch funktioniert, daß der Duden von Jahr zu Jahr geringfügige Änderungen der Sprache aufgenommen hat - jetzt ist absolutes Sprach-WirrWarr entstanden.

weemex
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.03.2006 - 00:56 Uhr
weemex

Ciao senzapanini!

Non scompigliarti! Du siehst beide Versionen, weil beide richtig sind! Nach der alten Rechtschreibung war nur "Alptraum" richtig, jetzt darf man auch "Albtraum" schreiben. Und so wurde es von Befürwortern der neuen Rechtschreibung hämisch gefeiert, als die Frankfurter Allgemeine als Verfechterin der alten Rechtschreibung in einer Überschrift die neue Schreibweise verwendete ...

http://www.duden.de/index2.html?neue_rec...

mebasti
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.03.2006 - 02:07 Uhr
mebasti

Noch zwei drei Generationen, und wir haben den Basiswortschatz mit tausend Wörtern, niemand macht sich dann mehr den Kopf, ob es alleinseligmachend oder allein selig machend heißt. Es ist dann einfach alles "top". Und das Schmuckblattelegramm wird nicht wieder lebendig, wenn man es ab jetzt Schmuckblatt-Telegramm schreibt.

Also jetzt schlafengehen [sic!], Diskussion ignorieren, glücklich sein...

Weiter Seite 1 2 3 4

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

lars-weisbrod offline

lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald / Baby Baby Baby