Die Mathematik der Gefühle
Text: panzerjunge
Ab wann ist Liebe nur ein Spiel?
Wenn Eitelkeit und Glück unvereinbar sind, dann bin ich zum Unglück verdammt. Oder zumindest bin ich dann nicht für ein 'reines' Glück geschaffen.
Die Grenze ist fliessend zwischen dem Moment, in dem man mit schelmischem Lächeln und zynischen Reden durch die Nacht streift, jedem Abenteuer gewachsen und leuchtend wie die Sonne oder mit herber Gleichgültigkeit und räudigem Fell die Gosse sucht, um sich in ihr zu suhlen, ranzige Wäsche am Leib, den Gestank von Asche und vergorenem Rausch im Haar, fremde Küsse, Schweiss und Körperflüssigkeiten an sich, in sich, voller Reue und vom Dreck der eigenen Fehlbarkeit ausgespuckt. Es ist Krieg, man häutet sich genüsslich, weidet sich an den Kadavern der Nacht und wird selbst zum fauligen Sinnbild der Verwesung. Gefühle sind tot.
All das ist möglich, all das ist wirklich, all das sind die Schatten, die ich rief, die ich wollte, die ich kenne. Zurück in die Dunkelheit, raus aus dem Licht. Die eigene geborstene, zerbrochene Biografie wiederholend, unfähig sich aus dem Nebel zu befreien. Auf den Hund gekommen. Jede Tat, die du tust kommt zu Dir zurück? Jeder Flügelschlag eines Schmetterlings verändert die Welt? Ist Murphys Gesetz eine lebende Wahrheit?
Verantwortung, das heisst Antworten geben. Ich aber habe keine Antworten mehr.
Ein Mädchen kreuzt meinen Weg, die Haare hochgesteckt, streng, Kälte im Blick. Piercing in der Lippe, der Braue, der Nase, der Zunge. hohnlächelnd und die Augen in weite Ferne gerichtet, so steht sie da und wartet. Auf den der sie schlägt, quält, zerbricht? Auf den, der mit seiner Kälte die ihre zur Wärme erhebt?
Fahrig fast zieht sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche, die viel zu klein an ihrem eingezwängten Körper baumelt. Ihre Kleider sind wie Fesseln, ich betrachte ihre steifen Brustwarzen, ihren Bauch, der in kleinen, weichen Wülsten über ihren Hosensaum ragt.
Sie zückt ein Feuerzeug und dreht betont lässig an dem Rädchen, welches aus dem Stein den Funken schlägt. Ich stelle mir den Geruch von Gas vor und fühle fast, wie die Veränderung der Temperatur die Luft in Bewegung setzt. Das Wunder dieses Moments wird mir genommen, weggerissen von ihrem Blick, der so tödlich kalt den Raum durchmisst.
Der Impuls ist wie eine Line Koks, das gerade in die Blutbahn drückt, eiskalt und glasklar. Ich durchquere den Raum zügig, suche mir ein Ziel, achtlos an ihr vorbeischauend, aber in ihrer Nähe. Mein Timing ist perfekt. Ich bin neben ihr, als sie das Feuerzeug zum Mund führt.
Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde, die Winzigkeit eines Moments die zählt.
Ein heftiges Ausatmen neben ihr und die Flamme stirbt im Hauch meines Atems und schon bin ich vorbei, wieder im Schatten verschwunden, der Auftakt zum Gemetzel.
Stunden später, ich spule gerade ein unspektakuläres Gesabber ab, in Richtung nackter, von Vogeltattoos bedeckten Armen und einem neugierigen Blick, berechne gerade meine Zeit bis zum nächstmöglichen Fick, sehe ich sie aus der Menge in meine Richtung kommen. Sie wiederholt meine Parade, blickt an mir vorbei und beachtet mich nicht. Ich muss lachen über diesen Abklatsch, dieses Abziehbild meiner Selbst.
Als sie sich an mir vorbeizwängen will, durch den Lärm, die Menge, den Dampf sage ich mit ihr hingestrecktem Zeigefinger, mich leicht aus meinem Fick-Gesabbel herausdrehend:
'...und übrigens habe ich mehr Blech in der Fresse als du!'
Ihr Blick ist Gift, sie spielt ihre Rolle gut: 'Ach ja? Wo denn? Ist ja nicht viel von zu sehen!'
'Weil ichs unter der Haut trage, Baby!' erwidere ich mit abwesendem Blick, schon auf dem Weg zurück zu meiner potentiellen Gespielin.
Ich will mich schon über meinen Sieg freuen, räkle mich insgeheim schon in ihrer Sprachlosigkeit, da sagt sie:
'Wahrscheinlich hattes du Pfeife so nen dämlichen Autounfall und sie mussten dir dein ganzes Gesicht wieder zusammennageln!'
'Treffer', denke ich und postuliere achselzuckend: 'Sowas in der Art.'
'Bin ja nicht dämlich.' sagt sie und drängelt weiter.
'Dämlich vielleicht nicht, aber blönd, zickig und du gehst mir tierisch auf den Zeiger!' fauche ich ihr nach wie ein getroffener Hund.
'Ich habe dich nicht angesprochen', fiepst sie achselzuckend.
Ich hebe mein Kinn, beuge mich leicht in ihre Richtung und streife mit meinen Fingern in einer wegwerfenden Geste vom Hals bis zum Kinn entlang.
'Verpiss Dich!' zische ich und drehe mich wieder meiner Kandidatin zu. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie sie einen Moment zögert, aber dann doch weiter durch die Menge verschwindet.
Der Abend wird wild, die Vogelfrau kommt mit zu mir, aber wie so oft versiegele ich mein Herz. Zurück bleibt Leere.
Eitelkeit und Glück?
Tage später.
Ich laufe durch die Strassen, nachmittags, nicht alleine. Es ist ein freudiges Scherzen draussen in der kalten Luft, als wir am 'Bravo Charly' vorbeimarschieren. Drinnen sitzt Sie vor der Bar. Sie schaut mich durch das Schaufenster an, erkennt mich und macht dieselbe abfällige Geste wie ich an jenem abend. Ihre Hand zuckt unter ihrem Kinn entlang, die Nase in die Luft gereckt.
Ich bliebe stehen, vor dem Fenster schaue ich auf sie hinunter. Unsere Blicke treffen sich und wir lachen uns beide an.
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Textoptionen
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25.02.2006 - 13:40 Uhr
OliveGuete
schön an einigen stellen. traurig.