20.02.2006 - 19:29 Uhr

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Münchner Kindl

Text: julia-staudinger

Julia ist 24 Jahre alt. Sie studiert, geht aus – und hat einen Sohn

Deutschland braucht mehr Nachwuchs. Seit einiger Zeit wird der Eindruck verbreitet, dass die Geburt eines Kindes vor allem eine politische Frage sei. Wie ist es aber tatsächlich, mit einem kleinen Sohn in München zu leben? In einer neuen jetzt.muenchen-Serie gibt die 24-jährige Studentin und alleinerziehende Mutter Julia Staudinger darauf eine Antwort.
Foto: Maria Dorner Darf ich mich vorstellen? Ich bin euer schlimmster Alptraum! Zumindest glaube ich manchmal, dass ihr das denkt. Ich unterwandere euch. Ihr merkt gar nicht, dass ich da bin. Ihr merkt nicht, wenn der Feind mitlauscht. Ich kann jederzeit hinter euch stehen. Oder es kann euch passieren, dass ihr so werdet wie ich: Ich bin die Mutter eines kleinen Sohnes. Kolja heißt er. Na, schon vor Schreck umgefallen? Ihr könnt wieder unter den Decken, unter denen ihr euch gerade versteckt habt, hervorkriechen. Ich tue euch nichts. Ich bin nämlich eigentlich ganz nett. Das müsst ihr mir einfach mal glauben. Auch wenn ich mich ziemlich gut tarne (wenn ich Kolja gerade nicht dabei habe, dann könnte ich fast als eine von euch durchgehen), hab’ ich eigentlich nichts zu verbergen. Mit 22 ein Kind zu bekommen während man im Studium ist, deutet auch nicht zwangsläufig auf mangelnde Intelligenz hin. Wie ich glaubhaft versichern kann, bin ich des Lesens und Schreibens mächtig, und unterhalte mich hin und wieder über ganz geistreiche Sachen wie Kunst und Literatur. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass da was zwischen euch und mir nicht stimmt. Wir werden nicht so richtig warm miteinander. Dabei kann ich euch eigentlich gut verstehen. Ich war ja mal eine von euch. Das ist noch gar nicht so lange her. Eigentlich fühle ich mich auch immer noch so, als würde ich zu euch gehören. Ich habe noch keine Affinität zu Golden Retrievern entwickelt und plane auch nicht, ein Häuschen im Grünen zu kaufen. Ich studiere Amerikanistik, was wohl zur Gattung der Orchideenstudiengänge zählt, aber sehr spannend ist. Das heißt im Klartext, dass, wenn mich jemand fragt, was ich mal beruflich machen will, ich immer pauschal sage: Taxifahrerin. Ihr seht, ich unterscheide mich gar nicht so wahnsinnig von euch, außer, dass ich eben Mutter bin. Es sind wahrscheinlich die kleinen Dinge in meinem Alltag, die euch so befremden. Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Sohn streite - Kolja kann noch nicht so gut argumentieren, er wird im April zwei, das bedeutet, wenn wir streiten, dann schmeißt er sich meistens auf den Boden und brüllt wie am Spieß. Dann sage ich schon mal Sachen wie: „Ich bestimme, wohin wir gehen, weil ich hier nämlich die Erwachsene bin!“ Als ich das das erste Mal gesagt habe, bin ich auch erschrocken. Nicht nur, weil ich plötzlich gemerkt habe, dass ich dadurch wohl tatsächlich als erwachsen gelte, sondern vor allem wegen der Autorität, mit der ich meinem Sohn abverlange, wogegen ich mich bis vor kurzem noch selber versucht habe, durchzusetzen (eigentlich tue ich das immer noch). Nämlich dagegen, dass meine Eltern glauben, alles besser zu wissen, weil sie eben meine Eltern sind. Ich weiß natürlich leider nicht genau, was ihr glaubt, was der große Unterschied zwischen uns ist. Ich gehe gerne auf Partys, trinke gerne Bier. Ich bin nicht von einem Tag auf den anderen besonders ordnungsliebend geworden. Und das Organisationstalent lässt auch noch zu wünschen übrig. Sicher werden mir jetzt einige vorwerfen, dass ich zu sehr polarisiere, zwischen euch und mir, aber es ist auch schwer, denn ich habe das Gefühl, jeder von euch hat eine Einstellung zu mir oder meiner Situation, also habe ich einfach eine Einstellung ‚Euch' gegenüber entwickelt . . . eigentlich mag ich euch aber ganz gerne! Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die jeden Dienstag im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint


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7 Kommentare

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catsoup
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Mag ich Mag ich nicht

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21.02.2006 - 08:22 Uhr
catsoup

leben als alien - danke julia! endlich sagt frau mal, wie es sich anfühlt, als junge mutter durch münchen zu tapsen! vor den leidigen windelthemen blieb ich zwar verschont - meine freunde erkundeten sich und die welt während ich geduldig bauklötzchen stapelte. selbst heute fühle ich mich mit meinen 33 jahren und meinem 12 jährigen sohn noch als alien. mittlerweile sind nämlich meine freunde glucksende und "deideidei"-brabbelnde eltern. aber vielleicht kommt das auch daher, dass ich noch oft für seine große schwester gehalten werde.. wie soll man da bloß erwachsen werden?!

kathrin1
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Mag ich Mag ich nicht

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21.02.2006 - 12:07 Uhr
kathrin1

na das sind ja schöne zukunftsaussichten! ich bin im 7. monat schwanger, was als 23-jährige studentin in münchen anscheinend eine seltenheit ist. ich ernte viele verständnislose blicke und auch meine gleichaltrigen freunde sind mit der situation etwas überfordert. ich kann momentan bei den meisten aktivitäten einfach nicht mehr mithalten, die interessen scheinen auseinander zu laufen und der kontakt wird immer sporadischer. das ist eigentlich schade, weil eine schwangerschaft ja auch eine sehr intensive zeit ist. ich frage mich nur, wo die ganzen jüngen schwangeren und jungen mütter sich in münchen verstecken? ich lerne ausnahmslos frauen über dreißig kennen, die schwanger werden, mit denen ich aber kaum gemeinsamkeiten teilen, oder tipps austauschen kann.
ich fühle mich auch fast schon wie ein alien!
wenn es jemandem ähnlich geht wie mir, freue ich mich sehr über kontakt!
grüße, kathrin.

karin-gespenst
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Mag ich Mag ich nicht

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24.02.2006 - 21:59 Uhr
karin-gespenst

Eltern und Kinderlose leben immer in zwei verschiedenen Welten. In München und anderswo, mit 20 oder mit 40. Hier im jetzt-Kosmos treffen sie sich aber.
Karin (20), Tübingen, Tochter 4 Monate.

hyks
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Mag ich Mag ich nicht

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24.02.2006 - 22:06 Uhr
hyks

mir ist das deutlich zu polarisiserend. Klar macht man andere Erfahrungen, aber es heisst doch nicht, dass man automatisch nicht mehr dazu gehoert. Hoffe ich jedenfalls.
Heike (35), Sohn Lucas 5 Monate.

Herling
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Mag ich Mag ich nicht

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24.02.2006 - 22:39 Uhr
Herling

Also ich kenne schon einige Frauen in Julias Alter die alles andere als begeistert wären wenn sie schwanger wären (Studium geht vor... ich bin doch selbst noch ein Kind... usw.). Von daher: Hut ab!

Herling (34), kinderlos

hyks
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Mag ich Mag ich nicht

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25.02.2006 - 14:23 Uhr
hyks

Hey, klar hut ab, so hab ich das nicht gemeint. Vor allen Alleinerziehenden... mir graut es, wenn ich ein paar Tage allein bin. Aber ich finde nicht, dass sich die Welt in Kinderhabende und Nichtkinderhabende teilen sollte... und eigentlich auch nicht, dass sie das tut. Dazu habe ich mit vielen Kinderlosen zuviel gemein, und mit vielen Kinderhabenden zuwenig.

raeubertochter
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Mag ich Mag ich nicht

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27.02.2006 - 22:49 Uhr
raeubertochter

ich glaube, kinderlose können schwer nachvollziehen, dass plötzlich das eigene leben total auf den kopf gestellt und ordentlich durchgeschüttelt wird. plötzlich bestimmt so ein kleines wesen wo es lang geht. eigene interessen sind da erst mal auf eis gelegt.

das muss man selbst erleben, sonst glaubt man das nicht.

steffi (32), sohn (5 monate)


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julia-staudinger offline

julia-staudinger

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