Vokabeln lernen: Urbane Penner
Das Magazin Zitty hat auf unserem Planeten eine neue Lebensform entdeckt.

„Meine Armut kotzt mich an“, steht in großen Blockbuchstaben auf dem Titel der aktuellen Ausgabe der Zitty, dem Hauptstadtmagazin mit dem inzwischen nicht mehr ganz so schlechten Papier. Unter den Lettern sitzt ein junger Mann in einem kargen Raum an einem leeren Schreibtisch. Vor ihm leuchtet der Apfel seines weißen iBook, neben ihm steht eine kleine grüne Becks-Flasche. Eine Seite weiter prophezeit das Editorial, was dem in der Titelgeschichte geprägten Begriff „Urbane Penner“ blühen wird: „Wenn man mal ,Urbane Penner’ googelt, kommen (noch) null Treffer. Das wird sich ändern. Am Ende des Jahres wird er Begriff im Lexikon des ,SZ-Magazins’ stehen und in zwei Jahren im Duden.“ Da gilt es natürlich schneller zu sein und den „Urbanen Penner“ sofort unter die sprachliche Trendlupe zu nehmen.
Der Begriff ist ein wenig missverständlich, da man zunächst meinen könnte, er versuche, sich vom „ruralen Penner“ oder dem „suburbanen Penner“ abzugrenzen. Dabei sind Penner (im Sinne von Obdachlosen und/oder Bettlern) grundsätzlich deutlich häufiger in Großstädten als in Dörfern oder Weilern anzutreffen. Doch mit „Urbanen Pennern“ meint Mercedes Bunz, die Autorin des Artikels, auch nicht die Menschen, die im Winter auf den Gittern von Luftschächten schlafen, um nicht zu erfrieren. Sondern Menschen wie den jungen Mann mit halblanger Berlinfrise auf dem Titelbild. Turnschuhmenschen, die an Schreibtischen in ehemaligen Ladenlokalen sitzen, und wenn man abends dran vorbei geht, sieht man ein paar schlecht überstrichene Heizkörper, an die Wand lehnt ein Mountainbike und in der Ecke steht ein Mülleimer voller Coffee-to-go-Becher.
Die Mieten, so erklärt der Artikel, sind in Berlin so billig, dass sich junge, kreative Menschen aus ganz Deutschland, ja aus aller Welt, in Berlin niederlassen. Dann probieren sie sich als freie Journalisten, Grafiker oder machen was mit Filz. Das Leben ist billig, macht also nichts, wenn man nicht sofort Bestseller produziert. Das Problem – und hier setzt Mercedes Bunz mit ihrem Text an – ist der folgende Kreislauf: Keiner verdient etwas mit seiner Kreativität – keiner hat Geld – keiner kann für die Kreativität des anderen bezahlen – keiner verdient etwas mit…
Die Stadt sei voll mit „diffus kreativen“ Menschen, die von ihren Eltern unterstützt werden müssen, weil das Geld sonst eben nicht zum Überleben reicht, klagt Bunz – und fordert halb im Spaß halb im Ernst endlich höhere Mieten, „damit wir Urbanen Penner wieder in die Gänge kommen!“. „Genau deshalb“, fordert sie, „braucht es irgendwie wieder mehr Druck dagegen. Damit die Leute gezwungen sind, endlich wieder eine Haltung einzunehmen.“
Denn eine Revolte, oder wenigstens einen klitzekleinen Generationskonflikt könne man von den Urbanen Pennern nicht erwarten, die zu einem beträchtlichen Teil auf monatliche Überweisungen von Mama und Papa angewiesen sind. „Mittlerweile ist die private Subventionierung von Gehalt bei jungen Leuten normal“, erklärt der Psychologe und Journalist Mark Terkessidis im Gespräch mit der Autorin. „Die Eltern finanzieren, was die Wirtschaft oder der Staat nicht mehr bezahlen will oder kann, immer in der Hoffnung, dass sich das symbolische Kapital, das ihr Kind erwirbt, später auszahlt.“
Eine Behelfslösung, die immer mehr Menschen wählen, die zwar in Berlin leben wollen, aber eben nicht als Urbane Penner: Das Pendeln. Denn die Jobs sind anderswo – und dank der billigen Mieten in Berlin, springt bei einem Hamburger Gehalt auch noch das ein oder andere Flug- oder Bahnticket raus. Diejenige, die durch Pendeln dem Urbanen Pennertum entkommen, verderben wenigstens nicht mehr die Caféhauskultur – wo statt Müßiggang und intellektuellem Diskurs immer häufiger junge Kreative vor ihren aufgeklappten Notebooks sitzen und für Honorare malochen, die sie sich selbst gegenseitig immer weiter nach unten drücken.
Dabei ist es keineswegs so, dass der Urbane Penner keinen Wert schafft: „Der Urbane Penner produziert diese Kultur, von der alle etwas haben“, schließt Mercedes Bunz ihren Text, „und er investiert in sie mit seinem niedrigen Lebensstandard. Der Urbane Penner ist der Grund dafür, dass wir alle nicht unter Bedingungen leben müssen, wie sie in London oder Paris herrschen. Das verdankt Berlin ihm.“
Ob es der „Urbane Penner“ wirklich in die Wörterbücher, die Jahresrückblicke und in den Sprachgebrauch schaffen wird? Die Voraussetzung, ein Phänomen zu beschreiben, dass vielen Menschen wohlbekannt ist, und es mit einem prägnanten Ausdruck zu versehen, erfüllt er jedenfalls. Einziger Unterschied: Für Sudoku, Nordic Walking oder Marocchino hat man sich freiwillig entschieden: Die Lebensform des Urbanen Penners ist jedoch „nicht entstanden, weil man eine Wahl gehabt hätte. Es gibt zu ihr derzeit keine Alternative.“
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Die Sache ist ja ganz einfach: Geld bekommt man dafür, dass man die Probleme anderer Leute löst. Dafür, dass man seine eigenen Probleme löst (z.B. indem man einen Mac hat, was mit Filz macht, nach Berlin geht) kriegt man keins.
Wenn man Mark Terkessidis fragt, dann ist das natürlich keine Frage von überhöhten Erwartungen an sich selbst und das Leben, sondern die Konsumgesellschaft daran schuld. Nichtsdestotrotz lese ich immer gerne alles, was der schreibt.
Fazit: Wenn der Satz hieße "Die überschätzte kreative Elite Berlins sind Penner" könnte er auch von mir sein.
a) vor lachen in der hose machen werden
oder
b) bald wutentbrannt "in"-bezirke-café-kunden verkloppen werden
oder ist der begriff selbstironisch gemeint? oder neige ich im alter zur politischen-korrektheit? fragen über fragen...
also liebe abiturienten, nicht nach berlin gehen, sondern finazbeamte werden!
im grunde genommen wird damit weiter gehyped: dieses klischee, dass berlin wirklich was ganz besonders ist, ganz besonders kreativ erst recht, das machen die selbst beim satdt-managment wahnsinnig gerne (und gerne senat-bezahlt), berlin als kultur- und medienstadt anzupreisen (die statistischen zahlen liebe ich, die such ich euch mal bei gelegentheit raus), eine stadt in der man angeblich noch mit stil arm sein kann und so... die alte boheme wird wieder romantisiert, jetzt als urbanes-pennertum, die wollen alle dazu gehören und crazy-drauf-sein,... na, ich weiss.....
17.02.2006 - 14:45 Uhr
natalika
freudsche fehlleistung ick hör dir trapsen
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17.02.2006 - 13:30 Uhr
keinekueche
neu sind nur die notebooks und der daraus resultierende kreative autismus.