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| 16.02.2006 19:18  

Vokabeln lernen: Urbane Penner

Das Magazin Zitty hat auf unserem Planeten eine neue Lebensform entdeckt.


Ausschnitt aus dem aktuellen -Cover (Foto: Rosa Merk)


„Meine Armut kotzt mich an“, steht in großen Blockbuchstaben auf dem Titel der aktuellen Ausgabe der Zitty, dem Hauptstadtmagazin mit dem inzwischen nicht mehr ganz so schlechten Papier. Unter den Lettern sitzt ein junger Mann in einem kargen Raum an einem leeren Schreibtisch. Vor ihm leuchtet der Apfel seines weißen iBook, neben ihm steht eine kleine grüne Becks-Flasche. Eine Seite weiter prophezeit das Editorial, was dem in der Titelgeschichte geprägten Begriff „Urbane Penner“ blühen wird: „Wenn man mal ,Urbane Penner’ googelt, kommen (noch) null Treffer. Das wird sich ändern. Am Ende des Jahres wird er Begriff im Lexikon des ,SZ-Magazins’ stehen und in zwei Jahren im Duden.“ Da gilt es natürlich schneller zu sein und den „Urbanen Penner“ sofort unter die sprachliche Trendlupe zu nehmen.

Der Begriff ist ein wenig missverständlich, da man zunächst meinen könnte, er versuche, sich vom „ruralen Penner“ oder dem „suburbanen Penner“ abzugrenzen. Dabei sind Penner (im Sinne von Obdachlosen und/oder Bettlern) grundsätzlich deutlich häufiger in Großstädten als in Dörfern oder Weilern anzutreffen. Doch mit „Urbanen Pennern“ meint Mercedes Bunz, die Autorin des Artikels, auch nicht die Menschen, die im Winter auf den Gittern von Luftschächten schlafen, um nicht zu erfrieren. Sondern Menschen wie den jungen Mann mit halblanger Berlinfrise auf dem Titelbild. Turnschuhmenschen, die an Schreibtischen in ehemaligen Ladenlokalen sitzen, und wenn man abends dran vorbei geht, sieht man ein paar schlecht überstrichene Heizkörper, an die Wand lehnt ein Mountainbike und in der Ecke steht ein Mülleimer voller Coffee-to-go-Becher.

Die Mieten, so erklärt der Artikel, sind in Berlin so billig, dass sich junge, kreative Menschen aus ganz Deutschland, ja aus aller Welt, in Berlin niederlassen. Dann probieren sie sich als freie Journalisten, Grafiker oder machen was mit Filz. Das Leben ist billig, macht also nichts, wenn man nicht sofort Bestseller produziert. Das Problem – und hier setzt Mercedes Bunz mit ihrem Text an – ist der folgende Kreislauf: Keiner verdient etwas mit seiner Kreativität – keiner hat Geld – keiner kann für die Kreativität des anderen bezahlen – keiner verdient etwas mit…

Die Stadt sei voll mit „diffus kreativen“ Menschen, die von ihren Eltern unterstützt werden müssen, weil das Geld sonst eben nicht zum Überleben reicht, klagt Bunz – und fordert halb im Spaß halb im Ernst endlich höhere Mieten, „damit wir Urbanen Penner wieder in die Gänge kommen!“. „Genau deshalb“, fordert sie, „braucht es irgendwie wieder mehr Druck dagegen. Damit die Leute gezwungen sind, endlich wieder eine Haltung einzunehmen.“

Denn eine Revolte, oder wenigstens einen klitzekleinen Generationskonflikt könne man von den Urbanen Pennern nicht erwarten, die zu einem beträchtlichen Teil auf monatliche Überweisungen von Mama und Papa angewiesen sind. „Mittlerweile ist die private Subventionierung von Gehalt bei jungen Leuten normal“, erklärt der Psychologe und Journalist Mark Terkessidis im Gespräch mit der Autorin. „Die Eltern finanzieren, was die Wirtschaft oder der Staat nicht mehr bezahlen will oder kann, immer in der Hoffnung, dass sich das symbolische Kapital, das ihr Kind erwirbt, später auszahlt.“

Eine Behelfslösung, die immer mehr Menschen wählen, die zwar in Berlin leben wollen, aber eben nicht als Urbane Penner: Das Pendeln. Denn die Jobs sind anderswo – und dank der billigen Mieten in Berlin, springt bei einem Hamburger Gehalt auch noch das ein oder andere Flug- oder Bahnticket raus. Diejenige, die durch Pendeln dem Urbanen Pennertum entkommen, verderben wenigstens nicht mehr die Caféhauskultur – wo statt Müßiggang und intellektuellem Diskurs immer häufiger junge Kreative vor ihren aufgeklappten Notebooks sitzen und für Honorare malochen, die sie sich selbst gegenseitig immer weiter nach unten drücken.

Dabei ist es keineswegs so, dass der Urbane Penner keinen Wert schafft: „Der Urbane Penner produziert diese Kultur, von der alle etwas haben“, schließt Mercedes Bunz ihren Text, „und er investiert in sie mit seinem niedrigen Lebensstandard. Der Urbane Penner ist der Grund dafür, dass wir alle nicht unter Bedingungen leben müssen, wie sie in London oder Paris herrschen. Das verdankt Berlin ihm.“

Ob es der „Urbane Penner“ wirklich in die Wörterbücher, die Jahresrückblicke und in den Sprachgebrauch schaffen wird? Die Voraussetzung, ein Phänomen zu beschreiben, dass vielen Menschen wohlbekannt ist, und es mit einem prägnanten Ausdruck zu versehen, erfüllt er jedenfalls. Einziger Unterschied: Für Sudoku, Nordic Walking oder Marocchino hat man sich freiwillig entschieden: Die Lebensform des Urbanen Penners ist jedoch „nicht entstanden, weil man eine Wahl gehabt hätte. Es gibt zu ihr derzeit keine Alternative.“


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rose 16.02.2006 | 20:43
i am a urbane pennerin, too. scheiße.

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weltraumasi 16.02.2006 | 22:28
matthias kalle an die macht!

holt ihn zurück zu jetzt.de!!!

höchste zeit für magic time.

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jushi 17.02.2006 | 00:43
hier!!!! ich auch!

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jushi 17.02.2006 | 00:51
„Dann probieren sie sich als freie Journalisten, Grafiker oder machen was mit Filz.“


großartig!

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thomasdhl 17.02.2006 | 09:39
wir wollen doch aber gar keine höheren mietpreise. in berlin schon gar nicht, dem refugium für großstadtverwöhnte, kulturell engagierte, suburbane penner (im positiven sinne). der nährboden für kreativität wird eingehen wenn die mieten steigen.

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natalika 17.02.2006 | 10:11
aber im grunde genommen ist der "urbane penner" nichts neues und auch kein exklusiv berliner phänomen, sondern ein uraltes muster der kultur- und künstlerische tätigkeiten... branchen-immanent sozusagen... früher hat man da von "boheme" gesprochen, in 100 jahren wird man es wieder anders bezeichnen... insofern ist das ein alter hut...

ich weiss auch nicht, wie es in london ist, aber in städten wie paris oder barcelona gibt es ihn auch zuhauf, den urbanen penner, nur dass die zum existieren notwendige summe höher liegt als hier, klar, aber im verhältnis zum rest des treibens in diesen städten ist das muster das gleiche...

davon ganz zu schweigen, dass eine quasi künstliche anhebung der mieten in berlin ja höchstwahrscheinlich nichts bewirken würde, weil solche phänomene erstens nicht auf verzerrungen von aussen reagieren und zweitens weil ja auch nicht die billigen mieten nur das entscheidende sind sondern eher die generelle pleite dieser stadt, die ihren puls stark prägt und die auch ihre anziehungskraft (durch die widersprüchlichkeit) ausmacht... und die tatsache eben, dass berlin der einzige ort in diesem land ist, bei dem man von großstadt in dem sinne sprechen kann...

seit paar tagen will ich den zitty-artikel lesen, habs bisher nur überflogen, was ich hier aber vermisse, werter christoph, sind inhalte oder denkantösse, die übers reine abschreiebn und zitieren desselben artikels hinausgehen würden...

was mich interessiert hätte, zB, wären die vielleicht sonstigen positiven aspekte dieser "lebensform" auf langer sicht, unter anderem was die selbstregulierung oder selbstreinigung des kulturmarktes angeht, die dabei zwingenderweise früher oder später stattfindet: denn langfristig dürfte auch in berlin in einem total überlaufenen kulturbetrieb mehr stabilität einkehren, allein aus dem grund, dass nicht jeder es aushält über jahre hinweg als "urbanen penner" zu (über)leben - und die leben huetzutage u.a. auch so, weil da wo ein drittel der stadtbevölkerung sich mit kulturellen schaffen beschäftigt es zwangsläufig ungenügend arbeit für alle gibt und die honorare in den keller rutschen... irgendwann ist auch hier der "ich-will-was-mit-medien-machen"-boom und nach der hysterie kommt wieder mehr ruhe rein... oder? auf jeden fall wäre das ein denkantoss gewesen, mit dem man was hätte anfangen können... schade insofern, dass deina rtikel sich nur aufs begriff-definieren/zitieren beschränkt (zumal ja wie gesagt nichts neues und sicher nichts, was man heutzutage noch definiert bekommen bräuchte), man hätte mehr draus machen können...

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natalika 17.02.2006 | 10:14
der boom vorüber wollte ich sagen, schon wieder ein verb verschluckt ;)

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bauchgeburt 17.02.2006 | 11:05
viel bessser als an der ganzen beschreibung, des relativ mittellosen notebook benutzers fay

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bauchgeburt 17.02.2006 | 11:48
verdammt, jetzt.de hat meinen kommentar gefressen!

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natalika 17.02.2006 | 11:54
@bacuhgeburt: achsooo, erklärt einiges.. ich wollte schon fragen "hä?was-meinen?wie-meinen?"... ;-))

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