31.01.2006 - 20:00 Uhr

0 9 Über Twitter weiterempfehlen

Kein Praktikanten-Klassensprecher

Text: christoph-koch

Er hat mit seinem Artikel den Begriff der "Generation Praktikum" geprägt - dabei sagt er, er habe eigentlich nur aufgeschrieben, was in seinem Freundeskreis schon längst alle dachten. Ein Interview mit ZEIT-Autor Matthias Stolz.

Erzähl doch bitte kurz, wie es vor fast einem Jahr zu deinem Artikel „Generation Praktikum“ kam. Die Idee hatte ich, weil mich das Thema persönlich betraf. Ich hatte selbst viele Praktika gemacht und mich oft gefragt, ob es richtig ist, das jetzt alles zum neunten Mal zu erleben – oder ob vier Praktika nicht vielleicht auch reichen sollten. Auch im Bekanntenkreis fragten sich das immer mehr Leute. Nicht nur Journalisten übrigens, sondern auch Leute mit durchaus vernünftigen Abschlüssen fingen an, sich mit Praktika über Wasser zu halten. Fertige Juristen mit guten Examen, die stolz berichteten, dass sie ein EU-Praktikum in Brüssel ergattern konnten, nachdem sie sich durch drei Bewerbungsphasen gekämpft hatten. Wusstest du, dass du mit der Geschichte so einen Nerv treffen würdest? Überhaupt nicht. Ich war am Vorabend mit einer Freundin auf einem Konzert und erzählte ihr, dass ich am Wochenende einen Artikel über das Leid des ewigen Praktikantendaseins schreiben wolle. „Oh Mann, das ist doch echt kein Thema“, sagte die nur. Das macht einem nicht gerade Mut. Es hat natürlich auch geholfen, dass unsere Blattmacher das Thema in der ZEIT so groß gemacht und auf den Titel genommen haben. Dadurch hat es erst diese Wucht bekommen. Der Ausdruck "Generation Praktikum" ist inzwischen zu einem feststehenden Begriff geworden. Eine Ehre? Das ist schon sehr okay und ich freue mich darüber – auch wenn der Titel nicht meine Idee war. Aber wenn man dann morgens in den ersten Artikel anderer Zeitungen liest, dass die das übernehmen, dann ist das schon ein guter Tag. Neben der persönlichen Eitelkeit ist es natürlich auch schön, wenn man merkt, dass man einen Nerv trifft. Es kamen mehr Zuschriften als in meinem ganzen journalistischen Leben vorher, und viele davon haben mich sehr berührt. Ein Mädchen zum Beispiel ist wieder Zuhause eingezogen, weil sie sich mit Praktika durchschlagen musste und sich keine eigene Wohnung leisten konnte. Die Mutter sagte immer nur: "Du musst halt mal was Richtiges machen.“ Das Mädchen hat ihr dann meinen Text laut vorgelesen und die Mutter hat es zum ersten Mal verstanden, dass ihre Tochter eben nicht „selbst Schuld“ ist, wenn sie keinen richtigen Job findet.
In Frankreich hat der Artikel höhere Wellen geschlagen als in Deutschland. Ist die Situation hier weniger schlimm - oder sind die Opfer der Praktikantensituation nur träger? (lacht) Klar, der Franzose an sich: Schafft nix, aber streikt gerne. Nein, grundsätzlich ist das Problem meiner Einschätzung nach in Westeuropa überall ähnlich schlimm. Was die französische Protestbewegung der Praktikanten schlau gemacht hat: Die haben sich mit „Génération Précaire“ gleich einen guten Namen gegeben, ein Logo, eine Website und als Erkennungszeichen tragen sie weiße Masken. Die machen auch keine gigantisch großen Demos – aber sie waren trotzdem sofort in den Abendnachrichten. Hat sich die Situation für Praktikanten seit deinem Artikel etwas gebessert? Ich glaube nicht. Es gibt ja keine Zahlen, keine Statistik. Aber ich bekomme inzwischen immer wieder die furchtbarsten Stellenanzeigen für Praktika zugeschickt. Da wird dann ein "Praktikant im Projektmanagement" gesucht und Studium plus Berufserfahrung erwartet – erst das berechtigt dann zum Absolvieren eines schlechtbezahlten und überlangen Praktikums. Eine andere Firma suchte Praktikanten für die Briefsortierung nachts. Was soll man da lernen? Auch schlimm: Eine Internet-AG suchte Praktikanten für ein "Heimpraktikum" – die sollen dann von Zuhause aus arbeiten. Das Thema ist vielleicht ins Bewusstsein von ein paar Leuten gedrungen, aber verbessert hat sich die Situation nicht. Am Mittwoch bist du in Düsseldorf auf einer Podiumsdiskussion zum Thema eingeladen - bist du jetzt so etwas wie der Experte für die Generation Praktikum geworden? Nein, solche Anfragen sind eher selten. Ich bin kein Sprecher einer Generation geworden - zum Glück. Letzte Frage: Was war das schlimmste Praktikum, das du selbst je gemacht hast? Ich habe Umweltschutz studiert. Da habe ich dann ein Praktikum in einem Umweltbüro gemacht und musste beim Einstellungsgespräch eine Art Gewissensprüfung über mich ergehen lassen: Welche Partei ich wähle, ob ich die Atomkraft auch wirklich verachte und so weiter – eben ob ich so durch und durch Umweltschützer sei. Dem Chef wiederum gefiel es total gut, mich in seinem dicken BMW abzuholen, zu einem Termin zu rasen und mich währenddessen über Autos vollzuquatschen.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
christoph-koch
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
9 Kommentare

speichern
VergissBerlin
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 00:17 Uhr
VergissBerlin

Oha! Nach meiner Ausbildung gehts bei mir auch wieder los. Aber irgendwie freu ich mich immernoch drauf. Irgendwann klappts bestimmt!

kikuju
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 00:25 Uhr
kikuju

und endlich finde ich auch mal einen tippfehler!
vierte zeile von unten, dass muss "wirklich" heißen.

louis82
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 10:49 Uhr
louis82

Gutes Interview.

mr_mulilo
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 11:03 Uhr
mr_mulilo

Schön zu lesen und interessant. Netter Interviewpartner, hat was zu sagen und ist dabei nicht abgehoben.

ninja
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 11:54 Uhr
ninja

ich fand den artikel damals auch wirklich klasse.
hätteich mir ausschneiden sollen.
jetzt druck ich ihn auf jeden fall aus und verteile ihn in meiner familie. dann wissen die wenigstens, was so abgeht in meinem leben...

kaiserwurst
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 15:12 Uhr
kaiserwurst

Aber bei 5 Millionen Arbeitslosen kann man fast noch OLE rufen, wenn man wenigstens ein Praktikum hat.
Sehr schön hinterfragt.

florentinus
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 15:51 Uhr
florentinus

das ist ja auch mal eine leistung, eine neue generation auszurufen. dazu gehört wahre kreativität.

mr_mulilo
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 16:07 Uhr
mr_mulilo

@flo
Da hast du recht in Deiner Ironie(?), aber sowas tue ich achselzuckend als dämliche Mode ab. Kann man nichts machen *g*

annafrance
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2006 - 16:08 Uhr
annafrance

Ich fand den "Generation-Praktikum" Artikel so ziemlich das Beste, was ich 2005 in der Zeit gelesen habe. Überhaupt kamen von Matthias Stolz durchgängig intelligent unterhaltsame Beiträge für den Leben-Teil. Danke hierfür. Ich stehe übrigens kurz vor Praktikum Nummer neun. Studieren tu ich nur noch nebenbei.


Speichern

Jetzt-Mitglied

christoph-koch unbekannt

christoph-koch

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


Wollt grad sagen.