24.01.2006 - 19:20 Uhr

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Alle lieben Angela

Text: christoph-koch

Aber warum nur? Jeder hat eine andere Erklärung für die Popularität der Kanzlerin

Die Infratest-Umfrage bestätigte nur das, was jeder schon vorher gefühlt hatte: Alle lieben Angela. Selbst erbitterte Gegner geraten bei pilsgestützter Politikanalyse plötzlich ins Schwärmen. Aus dem bauchgefühligen „geht gar nicht“ wurde binnen weniger Amtswochen ein „geht total gut“. Die Frage von Deutschlands gemeinstem Magazin „Darf das Kanzler werden?“ beantwortete Deutschlands dümmste Zeitung am Montag sogar mit einem „Angie, Kanzlerin der Herzen!“. Lustig sind die Gründe, die die Analysten der verschiedenen Medien für die plötzliche Popularität finden. Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung am Sonntag sah den Grund ihrer Beliebtheit vor allem in einer beinahe spitzmädchischen Art und der Wirkung, die sie auf ihre Umgebung hat: „Es scheint, als könne ihr niemand etwas übel nehmen. Als in Paris Präsident Chirac an der Seite Merkels vor die Fernsehkameras trat, glaubte man, er sei durch einen Jungbrunnen gegangen.“ Eine tiefe Abneigung gegen Pathos Der Stern weiß indes, dass es nicht nur die verjüngende Wirkung der Kanzlerin ist, die sie so beliebt machen, sondern ihre Bodenständigkeit: „Das eitle und gespreizte Getue der diplomatischen Welt ist ihr fremd. Sie will sich zwar nichts anmerken lassen, aber wer sie genau beobachtet, erkennt, dass sie sich mit einer gewissen Belustigung in diesem operettenhaften Betrieb bewegt. […] Sie hegt weiter eine tiefe Abneigung gegen Pathos und ideologische Überhöhung.“ Auch die Zeit haut in eine ähnliche Erklärungskerbe, wenn sie den Soziologen Heinz Bude laut nachdenken lässt und dieser zu dem emotionalen Befund kommt, dass sich ein masochistisches Deutschland nach einem Comedown nachgerade sehnen muss: „Es ist so, als hätte die Bundesrepublik auf die mit der Figur von Angela Merkel verbundene große Desillusionierung buchstäblich gewartet. Man will die Dinge beim Namen genannt wissen, die Verhältnisse geordnet haben und das Notwendige getan sehen. Das soll ohne geräuschvollen Enthusiasmus, aber mit Flexibilität und Augenmaß geschehen.“ Unperfekt wie wir Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung konstatiert hingegen, dass wir alle uns deshalb so zu Angela Merkel hingezogen fühlen, weil sie uns unsere eigene Unperfektion vor Augen führt und uns in einer Art Katharsis von der Scham darüber erlöst: „Beim Gehen winkelt sie die Arme nach oben ab und wirkt trotz energischen Ausschreitens wie von einem Elektromotor angetrieben. Ihre optische Erscheinung ist ganz und gar der Laune der Fotografen anheimgestellt. Homestories sind undenkbar. Hält sie eine wichtige Rede, verspricht sie sich. Geht sie zu einem festlichen Empfang, hat ihr Kleid einen Fleck. Kommt ihr ein Gegner in einer Debatte frech, verstummt sie. Kurz: Es ist wie bei jedem normalen Menschen.“ Aber die FAS findet sogar noch einen zweiten, ernsthafteren Grund für die nur von Sympathiebolzen „Genschman“ getopten Zuneigungswerte der Kanzlerin: Wir erwarten nichts mehr von der Politik. Oder anders ausgedrückt: „Das Publikum ist der Wiederholungen und Neuinszenierungen der politischen Sternstunden überdrüssig. Wenn deutsche Offiziere in einem Awacs-Flugzeug mitfliegen, dann will es nicht mehr "Deutschland im Krieg!" dazu lesen. Der Einfluß eines Ministers auf Konjunktur und Wachstum wird nüchtern eher gering eingeschätzt; selbst wenn Michael Glos Zigarren rauchte, es wird nie mehr wie unter Ludwig Erhard. […] Politik ist ein Thema unter vielen. Merkel ist eine wie alle.“ Männliche Machtgesten musste meiden Bitte nicht den Gender-Aspekt vergessen, ruft indes die tageszeitung und führt die Angela-Euphorie vor allem darauf zurück, dass sie auf „männliche Machtgesten“ verzichte und die Klaviatur der leiseren Töne dafür umso flinker rauf und runterklimpert: „Angela Merkel ist extrem populär, gerade weil sie sich die großen Gesten der Schröders und Fischers spart: Ihr gestischer Jargon entspricht der zeitgenössischen Politik der kleinen Münze […] Denn die großen Gesten, die sich Merkel spart, sind ja nicht nur Machtgesten, es sind auch männliche Machtgesten. […] Frauen bewahren sich, auch wenn sie in den Fundus dieses Repertoires männlicher Machtgesten greifen, doch meist eine gewisse Rollendistanz. Oft müssen sie sich dann sagen lassen, sie seien "linkisch", doch immer häufiger hört man nun, sie seien "erfrischend anders".“ Einer der wenigen, die sich weigern, die Merkel-Passion zu ver- und erklären, ist Kurt Kister. In der Süddeutschen Zeitung stellt er fest, dass Merkel bislang als Innenpolitikerin kaum in Erscheinung getreten ist und sich auch der Beifall für ihre außenpolitischen Auftritte aus sehr fragwürdigen Klatschern zusammensetzt: „Dem Charme Chiracs sei Merkel nicht erlegen; George W. Bush habe einen sehr positiven Eindruck gehabt; Wladimir Putin sei sie mit der nötigen Distanz begegnet. Nun ja. In Washington einen besseren und in Moskau einen anderen Eindruck als Schröder zu hinterlassen, ist nicht schwierig. Außer Oskar Lafontaine hätten das wohl die meisten Spitzenpolitiker geschafft. Und wenn viele Kommentatoren anmerkten, dass Merkel sich nicht von Chiracs Handkuss einlullen ließ, sagt dies viel über das Frauenbild der Kommentatoren und relativ wenig über Merkel aus.“ Der Grund für Merkels Popularität sei weder in ihrer Bodenständigkeit zu suchen, noch in der Desillusionierung der Bevölkerung. Sondern darin, dass sich die „arg gerupften Volksparteien verabredet“ hätten, „den politischen Streit kaum mehr auszufechten. Die Opposition wiederum besteht aus drei kleinen Parteien, die sich untereinander spinnefeind sind. […] Die verabredete Unterdrückung der Konflikte macht es der Kanzlerin leicht, einen guten Eindruck zu erwecken“. Das klingt ernüchternd, ist aber vielleicht sogar selbst für Angela Merkel die bessere Wahl als „Kanzlerin der Herzen“ zu sein. Denn wie die taz richtig anmerkt: „Die letzte Königin der Herzen wurde in Paris getunnelt“. (Foto: AP)

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mickey_munich
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Mag ich Mag ich nicht

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24.01.2006 - 21:26 Uhr
mickey_munich

und so ein zufall, daß die einzige position, die sich nicht der merkel-verklärung anheim gibt, *natürlich* aus der sz kommt!
man fragt sich natürlich, ob es nicht einen unterschied gibt zwischen der frage nach dem grund populärer verklärung und der zuschreibung von verklärung durch die medien selbst.
aber was soll's - laßt uns das jetzt.de-publikum "näher an die zeitung" bringen.

barcelona88
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24.01.2006 - 21:41 Uhr
barcelona88

au ja, näher an die zeitung, natürlich an die sz!! bei mir wars übrigends umgekehrt: ich hatte zuerst die süddeutsche abboniert und bin dann zu jetzt.de gekommen.

neben dem zeug über merkel les ich aus dem artikel:
alle scheiße außer der sz!
ich find die sz zwar gut, aber sowas ist doch dann echt nicht nötig!

oconner
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24.01.2006 - 21:43 Uhr
oconner

;-)

Roundareway
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24.01.2006 - 21:55 Uhr
Roundareway

sie macht keine schlechte Figur, wenn man bedenkt, was ihr vorher alles angedichtet wurde, was der Herr von Süddeutschen erzählt ist schon klar, wie soll sich Meinung über Politiker bitte sonst bilden?

margarit
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24.01.2006 - 22:11 Uhr
margarit

hej ch-koch nimm doch wenigstens den link raus,
dann ists nicht ganz so peinlich.

jaa
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24.01.2006 - 23:10 Uhr
jaa

ich steh hinter der taz!

alcofribas
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24.01.2006 - 23:45 Uhr
alcofribas

Naja, es ist leider nicht so, daß sich die GANZE SZ als einzige Zeitung der auch von mir als eher widerwärtig empfundenen Meinungsmaschinerie entgegenstellt, sondern eben nur einzelne Redakteure.
Daß Kister da eine in meinen Augen rühmliche Ausnahme bildet, kann sich die SZ auch gerne mal auf die Fahne heften. Aber hier ist das kein Ruhmes- sondern ein Feigenblatt.

Ich fühle leider meinen Intellekt sowohl durch Frau Merkel als auch die für sie von FAZ über ZEIT, WELT und FAS bis BILD gerührte Werbetrommel beleidigt. Daß die taz sie nur unter gender-Aspekten lobt, ist einerseits erwartbar, andererseits auch nur peinlich.

Diese Frau fällt innenpolitisch nicht auf (da hat Kister recht), außenpolitisch fällt sie dadurch auf, daß sie keine Fehler macht oder einen halbseidenen EU-Finanzkompromiß verkauft, der kurz darauf vom EU-Parlament - auch von ihren eigenen Parteifreunden - gestoppt wird
Nicht den Kompromiß zustande bringt, dieses "Verdienst" gebührt wie bei allen internationalen Konferenzen in den Wochen nach der Amtsübernahme der Vorgängerregierung. weil die Vorarbeit zum EU-Gipfel mit sicherheit nicht erst nach ihrer Vereidigung am 22.11. begonnen hat.

Es ist mehr als peinlich, wie eine an sich vielfältige und qualitativ hochwertige Medienlandschaft wie die hiesige eine unerträgliche Einheitsmeinung zu dieser Frau produziert und publiziert.

HerrIrgendwoAnders
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25.01.2006 - 00:03 Uhr
HerrIrgendwoAnders

@alko: Danke!!!

Deutschland ist glücklich, weil niemand mehr politisch steitet, hassen wir es doch uns eine Meinung bilden zu müssen (stört doch nur den gesunden Schlaf des deutschen Michels).

Und die CDU Minister schaffen reduzieren derweil die Untersützung für den Biolandbau und wollen Genfood und die Atomkraft wieder einführen. Ein Glück müssen unpopuläre Arbeitsmarktreformen nicht mehr vorgenommen werden, hat die Drecksarbeit doch die Vorgängeregierung durchgeführt. Ein Hoch auf Angela Kohl!

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2006 - 00:14 Uhr
alcofribas

Ich dachte bis jetzt ja immer, dem Regenten langes Leben zu wünschen und ihn aus dem tiefsten Grunde seines Herzens zu lieben, sei nur Untertanenpflicht in Monarchien. Daß das jetzt auch erste Bürgerpflicht in Demokratien ist, wußte ich nicht.

Revolverheld
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2006 - 00:43 Uhr
Revolverheld

Da man von unserer Kanzlerin nicht viel erwartet hat, ist es kein Wunder das sie jetzt nicht schlecht da steht. Ich selbst hätte das nicht für möglich gehalten und gestehe ihr da jetzt auch zu.
Über den Artikel von Herrn Kister kann man geteilter Meinung sein, das es hier allerdings so angepriesen wird ist schlichtweg armselig.
Ich bin auch über die Zeitung hier her gekommen, allerdings bringt das neue "Konzept" mich doch zum Nachdenken ob man über jetzt.de nicht zu einer anderen Zeitung kommen sollte.

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christoph-koch

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