22.01.2006 - 13:30 Uhr

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Zu schnell, zu laut

Text: KleinOrangenmaedchen

Milde Lichtstrahlen führen leise Schattenspiele auf dem grauen Boden auf. Sie kämpfen um Momente des Lichts. Momente der Wärme. Er liegt dort, in der Ecke, die zum Mittelpunkt seiner Welt geworden ist. Das Lächeln hat er verlernt. Jetzt kann er nur noch grinsen. Er würde gerne heulen wie ein Löwe, doch seine Mähne hat die Zeit weggeweht, seine Krallen sind entschärft. Die Augen geschlossen, doch das macht keinen Unterschied. Wenn er die Augen offen hat, sieht er nicht mehr als schwarze und graue Farbspiele. Kinderlachen. Die Schule ist aus. Der Gong schallt durch die Steinwände. Er friert trotz Sommerhitze. Er war immer mit seinem Bruder die drei Straßen entlanggelaufen. Drei Schritte hinter ihm. Zu schnell, zu laut. Es duftete schon am Anfang ihrer Straße nach Bratkartoffeln mit Speck. Er schaute bei jedem Nachbarshaus hinter die Fenster, in das Leben der Familie. Harmonie in blau, grün und Holz. Sein Bruder drehte sich immer wieder um, Zunge raus, Zunge rein. Mutter gibt dem Zungenmund ein Kuss, streichelt dem Größeren durch das Haar. Vögelgezwitscher schallt durch den Tag, hinein in seine Ohren. Er träumt sich davon. Sieht sie. Wie sie lächelt. Wie sie lacht. Hört ihre Stimme, die ihm in seine Ohren flüstert, beißt, wie sehr sie ihn liebt. Ein Biss auf die Lippe. Auf die Zunge. Zu viel Bisse. Ihr schwarzes Haar. So schwarz wie die Nacht. So schwarz wie sein Blick. Alles dreht sich, er tanzt mit ihr. Durch das gemeinsame Leben. Für immer vereint. Schwindel lässt ihn ganz benommen wirken. Ihre Augen vor seinem Gesicht. Er sieht sie ganz klar, so nah, vor sich. Kann ihren Atem spüren. Riechen. Verbrannt. Hört ihre Schritte. Laut, zu laut auf dem Parkett. Sein Leben zertreten von ihrer Dominanz. Ihre blutroten Lippen auf seinen. Seine Haut feucht von ihrem Schweiß. Ihre Schreie. Stöhnen. Ihr Lachen. Seine Gier. Ihre Tränen. Vom Blut weggespült. Die Klinge war kühl, nicht kühl genug, um sein Feuer zu erlöschen. Nicht kühl genug, um sein Fieber zu stillen. Das Grab war groß genug für zwei. Im Wald, unter der großen Eiche, wo sie immer zusammen in Zärtlichkeit gebadet hatten. Die schwarze Erde unter seinen Fingernägeln. Ihr Blut auf seinen Lippen. Sie hatte ihn gebissen. Hatte den Dolch zu tief in sein Herz gestoßen. Er wollte nur Gerechtigkeit. Wollte wieder atmen. Verbrannt. Jeder Tag wie eine lange Nacht. Jede Nacht wie ein zu kurzer Tag. Die Erde unter seinen Fingernägeln vergraben, sie liegt im Schwarzen. Träumt schön. Von ihm. Seinen Augen. Spiegeln sich für immer in ihrem Blick. Er steht auf, ganz langsam. Zu schnell, zu laut. Gleich werden die Schritte näher kommen. Das Klirren der Schlüssel klingt nach Sonnenstrahlen. Frieren. Das Grinsen kommt ihm aus den Ohren heraus. Er will zu ihr. Neben sie. Mit ihr träumen. Ihre blutroten Lippen küssen.


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2 Kommentare

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john_doa
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Mag ich Mag ich nicht

0

31.01.2006 - 04:04 Uhr
john_doa

Ist das genial geschrieben. Du schaffst es, Bilder mit Worten zu erzeugen.

Philosophia83
Melden!
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.03.2006 - 13:02 Uhr
Philosophia83

ich glaube, am meisten gefällt mir "Harmonie in blau, grün und Holz. "


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