26.02.2005 - 06:04 Uhr

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Produktivitätssignale

Text: tobias-moorstedt

Heute hier, morgen da und immer über den Wolken. Und Edmund Stoiber macht sich Sorgen um die internationale Verwertbarkeit. Fürchtet euch nicht.

9.23 Uhr. Der Aufzug hält im obersten Stock, lautlos natürlich. Lärm ist im Elfenbeinturm verboten. Ein blauer Teppich dämpft die Schritte, knallrote Schilder verbieten Sweety und Kollegen den Zutritt und ein Hustenanfall hallt im eigenen Kopf wie eine öffentliche Standpauke. Stille also. Außer ein paar Grippe-Soundbites, Blätterrascheln und Windows-Startgeräuschen ist nichts zu hören. Ein neuer Tag im Zahnbein-Tower, es macht mir gute Laune, weil ich das Wort und die Idee Elfenbeinturm mag, ein fragil-elegantes Gefühl, so wie Neuschwanstein ohne Touristen und sauren Regen und mit ein bisschen mehr Stil. Es gibt schlimmere Orte. Um 10.10 ist der Laptop hochgefahren, 20 Minuten, neuer Rekord, nach Ächzen und Rattern, droht ein Burnout? Fallout? Der GAU? Ich wohne erst seit ein paar Wochen hier, es ist Prüfungsjahr, Diplomzeit, man schläft daheim und lebt in der Bibliothek. Einer modernen Version des Elfeneinturms ---- Wollen sie Updates installieren? ---- keine Eiche, kein Parkett und leider auch kein Marmor, aus dem man doch alle Partikel der Humboldt-Aura schnitzen kann: Treppen, Säulen, die weisen Gesichter toter Männer. Stattdessen Laptop-kompatibler Pressspan, Aluminium-Leselampen und ganz viel Glas. Heute habe ich am Empfang die Nummer 13 bekommen, bin einer der Ersten und sitze ich am Fenster im obersten Stock, freie Sicht auf den echten weißen Turm an der Ludwigsstraße, fast wie in der Wall Street hier, im Eckbüro über dem East River, bei den Overachievern auf dem freien Markt --- Drahtloses Netzwerk nicht verfügbar --- Zum Glück. Um 12.15 ist der Laden dicht. Juristen mit seltsamen Zettelkästen, Mediziner mit Splatter-Büchern und vor mir sitzt ein Junge und liest etwas über Drehlagerung von Kugelgelenken. Leute die das Lernen gelernt haben. --- Nicht gespeicherte Daten gehen verloren --- Ist es das, was man eine Wissensgesellschaft nennt? Ein bisschen steril ist es schon. Manchmal erinnert ein leises Flüstern hinten links an das vergessene Konzept der sozialen Interaktion. Ansonsten gilt: Wir sprechen nicht miteinander. Es herrscht Solidarität, oder was heute davon übrig ist, verständnisvolles Desinteresse. „Alle drei Stunden aufstehen“, hat meine Physiotherapeutin neulich befohlen, die in Personalunion auch meine Psyche betreut, „Bewegung für den Rücken und den Kopf“. Um 14.37 Spaziergang im Innenhof, im Mauer-Karree lockt ein Münchner Winterhimmel. Wie im Park, sagen die Optimisten unter den Studenten, Bäume, Schnee und Hundekot. Die Schlechtgelaunten, die mit dem Schlafdefizit, ziehen missmutig an der Zigarette und betonen den kreisrunden Routenverlauf, eben wie im Knast. Von Außen sieht mein Elfenbeinturm eher aus wie die Konzernzentrale eines Internet-Startups, zeitgemäß, schließlich liegt der akademische Wolkenkratzer eh nicht so hoch im Kurs. Schämen soll man sich, wenn man hier Zeit verbringt, anstatt Drittmittel einzufahren, abgekapselt, ahnungslos, Welt vergessen, und draußen alles vor die Hunde und kaputt gehen lässt. Macher und Manager wünschten sich den universitären Tower ein bisschen anders, nicht so weiß, mehr schornsteinartig, wie das dunkle Empire State Building in Tolkiens verseuchter Industrienation Mordor. Mit flammenden Blitzen, Rauch, Explosionen und anderen Produktivitätssignalen. Verbindung hergestellt. Signalstärke: hervorragend --- Ich mag das Arbeiten in der Bibliothek, glaube ich, weil hier so abstrakte Dinge wie Leistung und Wissen quantifizierbar scheinen. Weil der Bücherstapel einen Stock kleiner wird und die Mitbewohner am Abend gar nicht fragen, ob man was geschafft hat. Man war ja zehn Stunden im Büro. Um 19.30 meldet sich das Mädchen vom Empfang über Sprechfunk: „Bitte beendet euere Abend.“ Nüchtern, professionell, produktiv, und doch klingt die Lautsprecherstimme auch ein bisschen wie früher der dicke Mann im Freibad, kurz vor Beckenschließung, in einem dieser endlosen Sommer, an dem ein Tagesende nichts bedeutete, weil man am nächsten Tag eh wiederkam.


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Tobias Moorstedt