03.01.2003 - 15:14 Uhr

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„Wir hängen irgendwo dazwischen“

Text: tobias-moorstedt

Auf dem Weg zu einem Ort, den alle erreichen – eine Zugreise am 31.12.

vanessa-kwong, michael-moorstedt und tobias-moorstedt sind am Silvestertag durch Deutschland gereist. Von München nach Hamburg. Das Gebiet zwischen zwei Staaten nennt man Niemandsland, heißt dann die Zeit zwischen zwei Jahren eigentlich Niemandszeit? Wie geht es den Leuten in dieser Zeit? Trauern sie verpassten Chancen nach? Freuen sie sich auf neue Pläne? In Ulm hat es zehn Grad. Frühlingsgefühle. Die meisten Leute tragen ein Lachen auf dem Gesicht. Je weiter nach Norden wir kommen, desto kälter wird es auch. Zwischen Mannheim und Frankfurt schneit es. Hier sieht die Zukunft etwas düster aus. Bedeutet gutes Wetter automatisch Optimismus? Wir hängen irgendwo dazwischen. Für den Körper in Bewegung entsteht eine eigene Wirklichkeit. So wie ein Überseeflug dem Reisenden vermeintlich ein paar zusätzliche Stunden verschafft, falsche Zeit, die für den Verbleibenden nicht existiert. In Frankfurt erleben wir die Demobilisierung des Bundesgrenzschutzes. Die Uniformjacke haben die Beamten offen, ganz locker, manche tragen Wollmütze. So wird aus dem Beamten ein normaler Mensch. Mit normalen Sorgen. „Das nächste Jahr wird besser“, ruft einer seinem Kollegen nach. Die Pistole hat er noch umgeschnallt. Auch die Banker mit ihren Bürstchenbärten, den Flughafenkrawatten und den gewaltbereiten Erfolgsfressen haben jetzt, um 14 Uhr, eine Dose Bier in der Hand. Silvester macht uns alle gleich. Es ist weniger ein Zeitpunkt, als ein imaginärer Ort, an dem man sich trifft. Ein Ort, auf den heute alles zustrebt. Die Leute kommen vorbereitet. Hinter Gelsenkirchen haben sie Tüten voller Feuerwerkskörper dabei. Unser Zug fährt langsam, vor dem Fenster verschmelzen die Warnleuchten der Schornsteine mit verfrühtem Raketenfeuer. Neben den Gleisen eine endlose Wand aus Wohnsilos. Die Fenster sind erleuchtet. Es könnte der Vers als Motto dienen, den Robert Gernhardt mal über das Städtchen Metzingen schrieb: „Dich will ich loben: Hässliches / Du hast so was Verlässliches“. Münster. Es ist zehn Uhr jetzt. Wir haben den Zug verpasst, zwei Stunden Wartezeit. Fast scheint es unerhört, jetzt noch nicht angekommen zu sein. Vor dem Antalya-Grill am Bahnhof stehen Jugendliche, sie werfen sich Kanonenschläge vor die Füße, versuchen dem Abend einen Rhythmus zu geben. In der Kneipe „Bullenkopp“ sitzen ein paar Jugendliche in Abendgarderobe auf schwerem, dunklem Holz, trinken Bier aus großen Gläsern. Sie warten und sehen ein bisschen so aus, als ob sie vergessen hätten, was heute gefeiert wird. Hamburg werden wir nicht mehr erreichen. Silvester ist die Zeit der großen Pläne. Dass nicht alles so läuft, wie man es sich gedacht hatte, das sollte man dabei nicht vergessen. Überraschungen müssen nicht immer schlecht sein. Schlag Zwölf sitzen wir im IC in einem leeren Abteil. Über Hamburg-Harburg steigen die Raketen in den Himmel. Wir fahren weiter. Silvester ist ein Ort, den heute Nacht alle erreichen.


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Tobias Moorstedt