Verloren - noch lange nicht
Kalt ist es, hier auf der Fensterbank. Nein, noch kein Gefühl, mehr eine Ahnung. Ein bisschen Furcht, ein bisschen Sehnen.Vor dem, und nach dem, was da hinter dem Fenster liegt. Das Glas ist wie ein letzter Schutz, ein Schild, geschmiedet aus Sonne und warmer Luft. Doch durchsichtig. Doch vergänglich. Der Frost ist vor der Tür, lauert, wartet, schlägt gegen die Mauer, hier oben, im zweiten Stock, dringt durch die kleinen Ritzen und Löcher tiefer ein, zu mir. Zwängt sich zwischen Glas und Stein, holt noch einmal Luft, presst und schlägt, stärker nun, gegen das Schild, dringt durch, ist zerstäubt, ist nicht mehr ganz, ist immer noch da. Dunkel ist es, da, vor dem Fenster. Die feuchte Straße -schwarz. Still liegt sie da. Wie ein See. Und man meint, man könne den Wind hören, ja fühlen, der da über das kalte Wasser streicht. Und wenn ein Auto vorbeifährt, dann ist es, als habe jemand von fernen Ufern einen Stein geworfen, der nun aufschlägt, und das Wasser zum Leben bringt. Zum Tanzen. Es spritzt lachend in die Höhe, fällt zurück, schwappt zurück. Und der Stein sinkt in die Tiefe und die Wogen glätten sich und das Auto ist weg. Still ist es, hier, bei mir. Keine Geschäfte. Keine Pflichten. Keine Aufgaben. Nur man selbst, und das Radio. Wenn man will. Und im Radiostudio sitzt kein Mensch mehr. "Wir machen Pause", sagt eine Stimme vom Band. Das Mobiltelefon schweigt, und langsam, ganz langsam, geht ihm die Energie aus, nicht weil man sie verbraucht, sondern weil sie schwindet, ohne Sinn und ohne Zweck. Friedlich, jedoch. "Wir machen Pause", sagt die Stimme vom Band. Es bleiben: Lieder. Gesang. Melodien. Die von Liebe erzählen, von Leid und Freude und manchmal auch vom Tod. Von großen Dingen eben. Und es sind keine Nachrichten mehr. Nirgends. Wenn man es will. Und Jarvis Cocker singt: "We love life." "Im neuen Jahr geht es dann weiter", sagt die Stimme vom Band. Was denn? Das Leben wahrscheinlich. Bestimmt nicht weniger, doch, steht zu befürchten, auch nicht mehr. Einsam ist es, draußen, auch drinnen. Die meisten sind weg. Verstreut. Sind gegangen. Zu ihren Familien. Wo man eben hingeht, wenn es kalt ist und dunkel und still. Weil sie wollten, weil sie mussten, weil man ihnen sagte, dies sei nun ihr Platz. Und sie sind gegangen, und nur wenige wollten sich wehren, und noch weniger haben es dann getan. Und ihr Fehlen macht Platz. Diese Zeit, so denkt man, hat viele Namen. Friedlich, soll sie sein. Fröhlich. Geruhsam auch. Vielleicht sind sie deshalb gegangen. Zynismus, Konsum, funkelnde Lichter, Verlangen, Verstand und Termindruck haben es schwer gemacht an sie zu glauben. An eine Zeit, die so ehrlich sein soll, so harmonisch und so friedvoll. Vielleicht haben wir es auch nur verlernt. "Wir machen Pause", sagt die Stimme vom Band. Weil man es uns sagt? Und doch wirken die Gestalten, die sich manchmal vor dem Fenster bewegen, in der Kälte, im Dunklen, in der Stille, wie Verlorene, wie eine unerhörte Störung des ruhenden Sees. Unerhört, in dieser Zeit noch ein Ziel in der Gegenwart anzustreben. Unerhört, noch nicht angekommen zu sein. Unerhört, sich zu verspäten. Es sind nur wenige. Es sind Gestalten, die erst Morgen heimkehren werden. Oder gar nicht. Deren Heimat so nah ist, dass sie nie vermisst wurde. Oder so weit weg, dass man vergaß. Verlorene Gestalten, die erst morgen heimkehren werden. Wenn sie nicht vergessen. Wenn sie sich erinnern. Ich bin auf dem Weg.
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