18.09.2001 - 02:08 Uhr

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Nichtwissen

Text: tobias-moorstedt

Er hat es nicht gewusst. Keine Ahnung, hat er gehabt. Nicht den blassesten Schimmer. Nicht einmal den.

Tobias ist seit zehn Tagen in Sizilien. Er hat sich dort eine Vespa ausgeliehen. Fährt über gewundene Bergstraßen. Er hat einen Schlafsack dabei. Aber kein Zelt. Er hat gesagt, er wolle sich einen Bart wachsen lassen und nur jeden dritten Tag duschen. Es gebe ja, sagte er, das Meer. Es muss Donnerstag gewesen sein, dass er diese Email schickte. Er erzählte von schönen Stränden und dem traumhaften Wetter und seinem Körper, der nach einer Woche Sizilien schon bräuner sei, als nach einem Sommer in München. Und er hat sich lustig gemacht, über mich, der in München saß, und der mit hoher Wahrscheinlichkeit nass wird, wenn er das Haus verlässt. Ich habe mich schon damals gewundert. Über den unbefangenen Ton. Über das Nichterwähnen. Doch ich dachte, vielleicht habe er in einem touristenvollen Internetcafé nicht den Nerv. Ich dachte, er finde vielleicht nicht die richtigen Worte auf der Tastatur. Nie hätte ich gedacht, dass man nicht wissen könne. Ich war in Altötting. Der Kirchenstadt. Als ich in der Pension zum Frühstuck kam, saßen an den Stammtischen schon Menschen, das Kinn auf dem Weißbiertisch aufgestützt. Ging ich schlafen, blieben sie noch wach. Dort, im Keller, an ihrem Tisch. Solche, die mit einem Bier und fünf Pappkarten glücklich werden. Sie haben es gewusst. Mehr als das, waren in Tagen zu Experten der Außenpolitik und der inneren Sicherheit gereift. Ich war im Supermarkt. In der Bahn. Der Turnhalle. Der Bibliothek. Dem Café in der Baderstraße. Sie haben es alle gewusst. Manche haben zugesehen. Es ist etwas passiert. Wie die richtigen Worte finden. Am Dienstag, den elften September, als auch unsere Welt Feuer fing. Ob man begreifen kann ohne zu sehen? Den Staub. Das Feuer. Das Ein-schla-gen der Flugzeuge in Beton. Es hat Asche geregnet über New York. 5500 Menschen sind gestorben. Man sagt, wir befinden uns im Krieg. Ich bin aus der Übung. Die Mediengesellschaft hat uns die mündliche Überlieferung abgenommen. Manchmal kommt es mir so vor, dass wir nur mehr zuschauen und nicht mehr reden. Das übernehmen andere. Die Bild hat ihr traditionell boulevardrotes Logo mit einer amerikanischen Flagge unterlegt. Politische Streitereien sind beigelegt. We stand together. Wir mögen Amerika jetzt wieder. Der Anti-Amerikanismus der Globalisierungsgegner, der sich noch in Genau ein blutiges Denkmal setzte, ist verschwunden. Ich dachte immer, das sei unsere Zukunft. Ich dachte, es gehe in die andere Richtung. Doch auf den Straßen stehen nun Menschen, die weinen, oder eine amerikanische Flagge um die Schultern tragen, und Sachen sagen wie: „Wenn Amerika mich braucht, soll es mich rufen.“ Oder: „Jetzt ist Schluss mit der Humanität. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Zeigen wir es dem Islam.“ Wie soll ich ihm das erzählen? In fünf Minuten. Warum habe ich das nicht gehört? Sagt er. Er hat seit zehn Tagen keinen Bildschirm mehr gesehen. An den Kiosken keine Zeitungen gesucht. Vielleicht haben die Menschen darüber geredet. Tobias versteht kein Italienisch. Ich habe nichts gesehen, sagt er. Es klingt verlockend. In der S-Bahn treffe ich Leute, die lauthals verkünden sie wollen damit nichts mehr zu tun haben. „Es reicht schon langsam“. Es gibt Menschen die widersprechen. Die daran erinnern, dass es kein Sakrileg ist, Amerika anzugreifen. Wo doch so viel gekämpft wird auf der Welt. Die meinen, dass Amerika vielen Menschen auch einen Grund und ein Ziel für diesen Hass gegeben hat. Ich versuche zu hören. Sie sprechen von Imperialismus und Pseudobetroffenheit. Es tut mir leid. Ich würde ihnen gerne zuhören. Ich kann es nicht. Ich glaube einfach nicht, dass es der richtige Zeitpunkt ist. Ich hatte Tobias und das Meer ganz vergessen. Wir hatten vereinbart, ich würde heute nachkommen. Zugfahrt über Rom und Neapel. Dann mit der Fähre nach Catania, Sizilien. Dort hätte ich ihn getroffen, hätte mir dann eine Vespa ausgeliehen und schöne Strände gesehen und die Sonne, und mein Gesicht hätte ein bisschen Farbe bekommen. Vielleicht hätte ich mir auch einen Bart wachsen lassen. Ich fahre nicht nicht in den Urlaub, weil ich finde man sollte nicht fahren. Ich denke nicht, der Anschlag auf das World Trade Center ist ein einmaliges Ereignis. So gut denke ich nicht von uns. Ich denke nicht, hier sei endlich mal ein Höhepunkt erreicht. Das ist kein Ende. Das ist kein Anfang. Das ist mittendrin. Ich warte ab. Will sehen was Feuer und Hysterie mit der Welt anstellen werden. Gehen manche Menschen bald einen weiten Bogen um jeden Menschen der auch nur halbwegs nach Araber aussieht, weil er ja einen Gürtel tragen könnte, geschmiedet aus Dynamit? Was wird notwendig sein, um sich in Zukunft sicher zu fühlen? Nehmen die Hardliner dieser Welt den Steilpass auf? Ich warte, damit Vanessa jemand hat, den sie abends anrufen kann. Weil ich jeden Tag hören will, das es ihr gut geht. Das alles hätte ich ihm gerne gesagt. Ein Piepen in der Leitung sagt uns, dass das Gespräch jetzt zu Ende geht. Kommst du jetzt nach? Nein. Ich warte ab.


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Tobias Moorstedt