17.09.2001 - 06:02 Uhr

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Geschichten, so viele

Text: tobias-moorstedt

Ich habe Larry King hinter mir gelassen. Ihn, und dieses Flugzeug, das mit Beton verschmilzt. Einundneunzig Kilometer sind es genau von München nach Altötting. Einundneunzig. Eine knappe Stunde.

Über den Autobahnring, dann ab auf die Bundesstraße 12, noch 60 Kilometer. An Mühldorf vorbei, dann schon Altötting, ein kleines Städtchen, berühmt für seine Kirchen, und eigentlich schon so weit weg von Allem, dass die Menschen im Radio mit Wiener Akzent sprechen. Freitag. Drei Tage liegen vor mir, in denen es vor allem darum gehen soll, einen Lederball in ein Tor zu werfen. Trainingslager. Handball. Die Saison beginnt nächste Woche. Ich hatte eigentlich, aber das darf mein Trainer nicht erfahren, keine große Lust das Wochenende NACH dem elften September mit Ballspielen zu verbringen, ich dachte wohl, es sei nicht angebracht. Und dann saß ich doch im Auto, auf dem Autobahnring, auf der B12, weil die Show, so sagt man, irgendwann ja weitergehen muss. Vanessa hat gesagt, ich solle fahren. Man könne doch, sagte sie, gar nicht mehr denken, mit all diesen Bildern im Kopf. Denken ist eine schwierige Sache. Vieles was ich in den Tagen zuvor gesagt und gedacht habe, finde ich heute naiv und dumm, und morgen vielleicht wieder ganz treffend. Einundneunzig Kilometer können eine ganze Menge sein. Altötting, Gasthof „Hanninger“. Ein Dreibettzimmer, vor dem Fenster ein paar Kastanien, an den Wänden hängen Bilder von Bäumen und Pferden und Harmonie. Auf den dunklen Einbaumöbeln steht kein Telefon, kein Fernseher. Es wird schon Abend. Vor dem Gasthaus ein weißes Zelt. Morgen soll dort eine Hochzeit stattfinden. Und wenn ich mich aus dem Fenster im zweiten Stock lehnen würde, dann könnte ich es berühren, dieses Stück Normalität. Wie stolz ich bin auf Vanessa. Seit drei Tagen arbeitet sie freiwillig am Unglücksort, Liberty Square, New York. Verteilt Staubschutzmasken und Essen, schläft nicht mehr als vier Stunden am Tag. Und abends, am Telefon, sagt sie Sachen wie: „Am West-Highway sieht es aus wie in Bosnien.“ Oder: „Ich bin mir nicht mehr sicher ob es die Türme je gab.“ Und sie erzählt mir von Schaulustigen, die durch die Ruinen der modernen Welt klettern und Fotos machen, sie erzählt von Leichenschändern, die Eheringe von abgetrennten Händen ziehen. Was sagen. Wie in Bosnien. Und Vanessa nur ein paar hundert Meter entfernt. Sie erzählt Geschichten von weinenden Feuerwehrmännern, die Plastiksäcke in ein Gebäude schleppen. „Human Remains“, steht über der Tür. Schwarzer Filzstift auf weißem Papier. Improvisiert. Ein Gebäude für die Opfer, von denen die Explosion keinen ganzen Körper mehr übrig gelassen hat. Es sind diese Geschichten und die Nähe und die Sorgen und die Angst und Vanessas brüchige Stimme, die jegliche Form der Abstrahierung der Ereignisse für mich fast unmöglich machen. Auf dem Frühstückstisch liegt die Bild am Sonntag. Die Sprache hat sich geändert. „America under attack“, hatte es noch bis Freitag geheißen. Nun die neue Überschrift: „Amerikas neuer Krieg.“ Schreibt die BamS, und stellt mit bewunderndem Unterton die neusten High-Tech-Waffen der US-Army vor (Mini-Panzer, Turbo-Torpedo). Der aufmerksame Leser bemerkt: Vor zwei Tagen wurde Amerika noch angegriffen. Jetzt ist es IHR Krieg. Aus Passiv wird Aktiv. Das ging schnell. Sie sind am Zug. Bestimmen die Regeln. Und die sehen leider so aus, dass ein souveränes Land wie Pakistan entweder totale Zusammenarbeit zusichert, oder sich der Gefahr eines Bombardements der US-Luftwaffe aussetzt. Das gefällt mir nicht. Darf man das laut sagen? Geht es nach dem Willen der Politiker, dann ist es auch unser Krieg. Wir sind alle Amerikaner. Sagt man. Es ist unser aller Krieg, weil jetzt Gut gegen Böse kämpft, und wer sich gegen mich stellt . . . Wer bitte schön, will schon böse sein? Wir sind alle Amerikaner. Ich befürchte, da geht es mehr um Worte wie Bündnistreue, als um Werte wie die Freiheit des Einzelnen. Später in der Turnhalle. Das Quietschen der Gummisohlen, die Rufe der Männer, ein einziges Aneinanderrempeln, Aus- und Einschnaufen, Werfen, Kämpfen, für ein Tor. Drei mal Training, drei Mahlzeiten, das ist ein Tag. Dazwischen ein bisschen auf dem Bett liegen, und weil im Zimmer kein Fernseher steht, kann ich auch mal die Augen schließen. Im Auto. Fette Regentropfen zerplatzen, ja zerplatzen, auf der Fensterscheibe. Dann komme ich nach Hause. Auf meinem Bett ein fetter Packen Papier, die Zeitungen der letzten Tage. Dann komme ich nach Hause, und es läuft der Fernseher. Dann komme ich nach Hause, und aus New York ruft Vanessa an. Sie hat nicht geschlafen; hat die ganze Nacht lang Hamburger und Wasserflaschen an Feuerwehrmänner und Polizisten verteilt; nur drei Straßenblocks entfernt, von diesem Trümmerfeld, das alle nur noch „Ground Zero“ nennen. Sie erzählt, dass sie „alles gesehen hat“. Alles. Und dann erzählt sie noch viel mehr. Ich höre zu, und wie all die Nächte zuvor, möchte ich einfach nur bei ihr sein. Ich bin wieder daheim.


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Tobias Moorstedt