Der Wind dreht
Marcus Bishop-Wallace besitzt seit heute eine amerikanische Flagge. Marcus, 22, Programmierer, aufgewachsen in Harlem, New York, schwarz bis ins Herz und eigentlich – ja – Kommunist.Ich habe Marcus letztes Jahr in New York kennen gelernt, als er gegen sein eigenes Land protestierte. Ich mochte ihn sofort. Ihn, und sein - pardon, den Witz lass ich mir nicht entgehen – braunes Milchgesicht. Vor dem UN-Gebäude am East River, eine kleine Gruppe, Pappschilder: „Amerika zahl deine Schulden.“ Er hat mir damals gesagt, er schäme sich für die Streifen und die Sterne. Jetzt, erzählt er, liegt in seinem Kleiderschrank, ganz unten, ein Stück Stoff, bedruckt mit Sternen und Streifen. Er erzählt das ganz beiläufig. Er sagt, er sei heute Einkaufen gegangen. Milch, Kaffee, Pizza. Bei Wallmart. Kein Supermarkt. Ein Stück amerikanischer Traum. Ein Stück, das noch steht. Dort, erzählt Marcus, hätten sie die Flaggen umsonst verteilt. Er hat gelacht, sagt er, als er die Flagge nahm, und in seine Tasche steckte. Er hat gelacht, sagt er. Doch er nahm die Fahne mit. Das macht dann acht Dollar neunzig. Bitte sehr, ihr Wechselgeld. Einen schönen Tag noch. Halt. Warten sie. Hier, das Symbol unserer Nation. Bald das Symbol unserer Rache. Es ist der dritte Tag. Seit 60 Stunden sendet CNN live aus New York und Washington. Es gibt kein anderes Thema. BSE in Japan. Die NATO in Mazedonien. Ganz egal. „Die Suche nach Antworten“, steht über weiß-rot-blauem Sternengrund. Wer steckt dahinter? Was kommt jetzt? Wer gegen wen? Und was, zur Hölle noch mal, stellt diese Tragödie eigentlich mit uns allen an? Marcus, der Kommunist, besitzt seit heute eine amerikanische Flagge. Vanessa, meine Freundin mit niedrigem Blutdruck, war gestern Blutspenden, und bezeichnet Fremde als ihre Freunde. Ich sitze seit drei Tagen vor dem Fernseher, und manchmal kommt es mir so vor, als sei Larry King mein bester Freund. Larry King, Talkmaster auf CNN, der Mann mit den Hosenträgern und dem ausdruckslosen Faltengesicht. Er stellt die richtigen Fragen. Jeden Abend. Das Faltengesicht. Ausdruckslos. Vielleicht hat er ja auch einfach schon zu viel erlebt, um sich noch aus der Fassung bringen zu lassen. Wie ich ihn beneide. Am Telefon mit Vanessa. Immer wieder bricht die Verbindung ab. Dann kommt die Angst zurück. Ganz so, als sei es noch nicht vorbei. Ganz so, als hätte der Anschlag die Welt so stark erschüttert, dass sich aus jedem Gebäude in jedem Moment ein Ziegelstein lösen könnte. Ihre Stimme klingt gedämpft. Sie sagt, sie wisse nicht, was sie fühlen soll. Der Vater der Freundin: tot. Der Cousin der Schwägerin: tot. Ein Teil der Stadt, die sie so sehr liebt: zerstört. Ein Teil von ihr? Ich will bei ihr sein. Wir sitzen vor den Bildschirmen. Ich möchte ihr über den Arm streifen. Wir sitzen auf verschiedenen Kontinenten. Wir sehen die gleichen Bilder. Hören die gleichen Stimmen. Sie ist allein. 4967 Menschen werden vermisst. Das FBI verhaftet weitere Verdächtige. Erste Spuren führen nach Hamburg, Germany. Fünf Feuerwehrmänner werden aus den Trümmern des World Trade Center gerettet. Nein. Doch nicht. Eine Falschmeldung. Der amerikanische Luftraum ist wieder geöffnet. Stay tuned, when CNN returns with a News Special: America under attack. Die selben Stimmen. Die selben Bilder. Die selben Sorgen. Man könnte meinen, wir waren uns noch nie so nah. „Heute sind wir alle New Yorker.“ Gerhard Schröder, Jacques Chirac, Tony Blair. Ich habe den Satz von Anfang an nicht gemocht. Pathos. Geschichtsbewusstsein. Schlimmer noch: Der Satz ist schlicht falsch. Denke. Ich. Keine Ahnung, wie man sich fühlt, mitten im Fadenkreuz. Keine Ahnung, wie das ist, nur noch schwarz tragen zu können. Weil eine Stadt trauert, und der Staub jede Farbe in Minuten auslöscht. Ich habe verdammt noch mal keine Ahnung, wie sich eine Atemschutzmaske auf dem Gesicht anfühlt. Ich kann da nicht mithalten. Vanessa erzählt, in der Stadt habe der Wind gedreht. Es riecht nun auch in Midtown nach Staub und Beton, Asbest und Eisen. Bald wird es stinken. Nach Leichen. Vanessa erzählt, in der Stadt löse Wut die Trauer ab. Sie erzählt, in Queens seien Geschäfte geplündert worden, weil hinter der Kasse ein Araber stand. Sie erzählt, in Brooklyn habe ein Betrunkener eine Araberin überfahren. Sie war schwanger. Sie erzählt, dass Freunde, solche mit Collegeabschluss, Araber nur noch „Ragheads“ nennen, und finden, sie sollten alle sterben. Sie sagt, sie werde da nicht mitmachen. Sie sagt, dass sie das hofft. Dann muss ich auflegen. Ihre Freundin aus Israel in der anderen Leitung. Sie wird sie verstehen. New York ist gepflastert mit amerikanischen Flaggen. Die Fahne von Markus Bishop-Wallace liegt im Schrank. Ganz unten. In der Stadt hat der Wind gedreht.
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