Am zweiten Tage
Der Vater einer Freundin meiner Freundin. Er ist tot. Als um 8.45 Uhr Eastern Time das erste Flugzeug in das World Trade Center einschlug, befand sich Edgar Anderson, so der Name des toten Mannes, im 97ten Stockwerk des Gebäudes.Fast ganz oben, hätte man sonst gesagt. An diesem Tag hieß es: Etwa fünfzig Meter über den Flammen. Er muss gewusst haben, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Mr. Anderson griff zum Telefon. Er wählte die Nummer, an deren Ende ein Reihenhaus in Queens liegt. Er klingelte in ein leeres Haus hinein. Nach dem achten Freizeichen meldete sich der Anrufbeantworter. Seine eigene Stimme. „Ich werde das nicht überleben.“, sagte er. „Vergesst bitte nie, dass ich euch geliebt habe. Habt ein schönes Leben.“ Vielleicht hat er dann noch das ganze Band vollgeredet. Ich weiß es nicht. Meine Freundin hat nicht mehr erzählt. Sicher ist nur, dass gegen dreiviertel Zehn die Verbindung abgebrochen sein muss. Der Wolkenkratzer stürzte ein. Der Vater der Freundin meiner Freundin ist tot. Getötet im größten Terrorakt der Nachkriegsgeschichte. Durch ihn bin ich um zwei Ecken mit dem Terror bekannt. Durch ihn, und den Cousin meines Freundes, der sich gerade noch retten konnte. Und durch die Straßen und Gebäude, die ich schon mal mit eigenen Augen sah, und die es jetzt nicht mehr gibt. Ich möchte glauben, dass es nicht diese plötzliche Nähe ist, die mich nicht loslassen, abhaken, verarbeiten lässt. Ich möchte glauben, das Ähnliches in einer anderen Stadt - weit weg, räumlich vor allem, auch persönlich - mich ähnlich schockiert, entsetzt, abgestoßen hätte. Ich möchte glauben, dass ich genau so viel Angst gehabt hätte, wenn Vanessa nicht so oft in diesem Wolkenkratzer gearbeitet hätte. Dass es nicht der Ort war, sondern die Tat. Es ist der Tag danach. Tag eins. Eine neue Zeitrechnung. Der Fernseher läuft noch. Ich bin einfach eingeschlafen. Aus dem Albtraum erwachen werden wir alle nicht mehr. Ich schlage die Augen auf. In New York dämmert die Sonne durch den Staub. Die Bergungsarbeiten laufen auf Hochtouren. Das FBI hat erste Verdächtige festgenommen. Auf den Bildschirmen fette, wutrote Senatorengesichter. „Sie haben danach gefragt. Jetzt werden sie es kriegen. Nach Pearl Harbour haben wir 1001 Tage gebraucht, dann standen wir vor Tokio. Diesmal brauchen wir nicht so lange. Wir müssen, glaube ich, ein paar Leute töten.“ Funkeln in den Augen. Das Jagdfieber beginnt. In der Nachrichtenleiste, unten am Bildschirm, die Namen der ersten Opfer. Es ist eine lange Liste. American Airlines, Flug 77, von Boston nach Los Angeles: David Byrne, Informatiker, 25, New York Ronny „Ace“ Anderson, Talentscout, 54, Boston Melissa Georgeson, Hausfrau, 37, Chicago + + + Möget ihr in Frieden ruhen Vanessa ruft an. Sie ist zurück in Manhattan. Steht in der Schlange vor der Sinai Heights Klinik. Das Mobiltelefon funktioniert wieder. Sie will Blut spenden. Für die Verletzten, die sie nicht kennt, aber trotzdem, und heute bestimmt zum ersten Mal, „Freunde“ nennt. Tausende Menschen stehen vor den Kliniken der Stadt. Mein Blut für euch. „Wir müssen jetzt zusammenstehen“, sagt sie. Ihre Stimme klingt feierlich. Ich sage ihr, dass der Präsident das gleiche gesagt hat. Der Präsident, den sie sonst immer George „Fuckhead“ Bush nennt. Sie teilt mir mit, ich sei ein Vollidiot, verspricht aber später noch mal anzurufen. Ich überlege mir, wie das eigentlich gehen soll. New York und Solidarität. Seltsamer Gedanke für eine Stadt, in der man seine Schulter normalerweise dazu gebraucht, andere Menschen zur Seite zu stoßen, und eben nicht, um Trost zu spenden. Es muss wohl doch etwas großes passiert sein. Ganz groß. Und dann fühle ich Neid. Nein. Sehnsucht. Neugier. Interesse. Dummheit. Etwas zu sehen, etwas zu erleben, das mein Leben verändert. Einfach mal Teil von etwas sein. „Ich möcht mich auf euch verlassen können.“ Im Supermarkt. Weiter im Alltag geht’s nicht. Ich bin auf dem Weg zum Handballtraining. Gestern, das haben ja viele vergessen, war der erste Schultag. Die Sommerpause ist vorbei. Die Schule, halbmastbeflaggt. Neben der deutschen hängt auch die amerikanische Fahne. Die muss aus der Zeit stammen, als wir in Olching noch einen Schüleraustausch hatten. Wieder Thema eins: Ja, schrecklich, ich kann es auch noch nicht glauben. Ja, Vanessa geht es gut. Das ist wirklich das Wichtigste. Danke der Nachfrage. Noch mal Glück gehabt. Ja. Und wie. Wie das weiter gehen soll. Nein, das weiß ich auch nicht. „Ich habe Angst vor dem Dritten Weltkrieg.“ Sagt einer. Handwerker. Übergewichtig. Einer, der Bedenken sonst immer mit dem Weißbierglas wegwischt. Ich bin überrascht. So einer hat jetzt Angst vor der Zukunft. Macht sich – eine sonst absurde Vorstellung – gar Gedanken. In meiner üblichen überheblichen und sozialinterpretierenden Art denke ich mir: Könnte es sein, dass die Flugzeuge nicht nur zwei Wolkenkratzer getroffen haben, sondern auch diese Gemütlichkeit, in der DIE sich eingerichtet hatten. Am Abend. Das Training vorbei. Die Knochen schmerzen angenehm. Pasta im Magen. Schokolade für später. Ein Glas Wein. Ein Joint. Ich warte auf den Anruf von Vanessa. Es geht ihr gut. „You are watching CNN. America under attack!“ Ich zünde ein paar Kerzen an. Versinke im weichen Leder. Die Musik läuft. Eigentlich ganz gemütlich hier.
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