Katastrophenfilm
14.35 Uhr. Genau 14.35 Uhr. Das weiß man jetzt genau. Mein Bruder kommt rein. Klopft nicht. Er sagt, ein Flugzeug sei gerade in das World Trade Center in New York geflogen.Er sagt, dass fünfzehn Stockwerke in Flammen stehen. Er sagt, dass Menschen aus den Festern springen. Ich schalte den Fernseher ein. Die Frau im Bildschirm ist blass. Alle werden blass in diesen Minuten. Selbst Schminke hilft nicht. „Heute ist ein trauriger Tag“, sagt die blasse Frau. „Zwei Flugzeuge rasten heute in das World Trade Center in New York.” Zwei. Man sieht die Bilder. Zwei rauchende Zigarren vor blauem Hintergrund. „Von einem Unfall kann nicht ausgegangen werden.“ Das Flugzeug. Ein schwarzer Schatten. Todesschatten. Es dreht sich noch ein bisschen. Eine leichte Kurve. Spaltet dann einen Wolkenkratzer. „Es wird mit mehreren tausend Toten gerechnet.“ Ich rufe Vanessa in New York an. Die Mailbox. Wie geht es? Pass auf! Was ist los? Fahr heim! Ich setze mich hin. Stehe wieder auf. Schließe das Fenster. Es ist kalt. Das letzte Mal als ich solche Bilder im Fernsehen sah, hatte ich ein Bier in der Hand und Chips auf den Knien. Abends. Daheim. Entschlossen das Ganze zu genießen. Godzilla, Independence Day, King Kong, Deep Impact. So sieht es aus. Sagt der Moderator im Fernsehen. Die Freunde am Telefon. Mein Bruder. Ich selbst. Weil alles, was nicht möglich ist, eigentlich doch künstlich sein muss. So war es doch. Und jetzt? Die Kunst inspiriert das Leben. Das ist krasser. Das ist größer. Ist das echt? Die Ereignisse, sagt man in solchen Fällen, überschlagen sich. Heute macht das Sinn. Ein drittes Flugzeug explodiert im Pentagon. Autobomben in Washington. Mehr Flugzeuge im Anflug. Das Weiße Haus wird evakuiert. So schnell ist nicht mal Spielberg. Immer noch keine Verbindung nach New York. Gar keine. Verflucht. Ob sich der Redialbutton wohl bald abnutzt? Mir ist schlecht. Ich rufe meinen Vater an. Ich finde er sollte es wissen. CNN. In Krisenzeiten die beste Wahl. Wissen wir seit Peter Arnette und Bagdad, 1991. Der Moderator steht auf dem Empire State Building. Er sagt, der Präsident habe eine erste Stellungnahme gegeben. Dann bricht hinter ihm die Welt zusammen. Der südliche Turm des World Trade Center stürzt ein. Da zerfällt eine Stadt und wir sind live dabei. Unterhaltungsfernsehen, das wir uns nicht haben träumen lassen. „Did you hear?“ Man kann es nicht überhören. Vanessa am Telefon. Sie ist in Sicherheit. Meine Mutter ruft von der Arbeit an. Ja, ich habe es gehört. „Es wird alles immer schlimmer.“ Mehr fällt ihr nicht mehr ein. Alles ist unwichtig geworden. Alle Fernsehsender beginnen Sondersendungen. Man findet die Überschriften. „America under Attac.“ „Terror in Amerika“. Es sind immer die selben Bilder. Das Ein-schla-gen des zweiten Flugzeugs. Die Explosion, die man irgendwie im Hinterkopf spüren kann. Rot. Schwarz. Feurig. Die Staubwolke, die eine Stadt verschluckt. Die Bilder laufen in einer Endlosschleife der Zerstörung. Es wird lauter. So viele Stimmen. Augenzeugen und Prominente, ehemalige Politiker und aktive Weltenlenker. Ein großes Kopf- und Fäusteschütteln. Sie versuchen mit rudernden und knetenden Händen etwas zu greifen, was man nicht begreifen kann. Es ist so schrecklich, schrecklich, schrecklich. Das ist der Soundtrack des Tages. Ich schreibe Emails an Menschen von deren Schicksal ich nichts weiß. Roman lebt in der Nähe des Battery Parks. Das ist nicht so weit. Und arbeitet Lars nicht seit zwei Wochen auch Downtown? Wie geht es ihnen? Fragen, die ich mir sonst nicht gestellt habe. Es ist ein schlimmer Tag. Nicht deshalb, weil man seit heute nicht mal im Pentagon sicher scheint. Nicht deshalb, weil der Terror jetzt ein bisschen näher rückt. Schlimmer ist, dass mal wieder eines dieser Symbole geschaffen wurde. Wie die Titanic, oder Pearl Harbour oder das Tian Men Massaker. Symbole die für das Schreckliche und Unmenschliche stehen. Dieser Tag, da herrscht Einigkeit, hat gezeigt, dass kranke Hirne die Welt verändern können. Und diese kranken Hirne, so sagt man, haben nun die Welt in einen Krieg und die Supermacht Amerika auf den Kriegespfad geführt. Zivilisation gegen Barbarei. Im Krieg sterben immer Unschuldige. Auf den Treppen des Capitols stehen die Senatoren. Sie umarmen sich. Manche weinen. Dann singen sie. Es klingt feierlich. Sie singen „God bless America“. Ich finde es nicht lächerlich. Habe ich mich geirrt? Die ganze Zeit. Sind die Amerikaner am Ende doch nicht die Bösen. Die Imperialisten. Was ist mit dieser altlinken Sympathie für die Palästinenser. Sie haben heute auf der Straße getanzt. New York ist tausend Kilometer weg. Sechs Stunden. Meine Freunde sind wohlauf. Ich bin noch mal davon gekommen. Immer noch Zuschauer. Doch seit heute sind wir auf der Flucht. Vielleicht deswegen keine Distanz zum Bildschirm. Ein drittes Gebäude stürzt ein. Ich glaube, ich könnte hassen. Es ist drei Uhr morgens. Könnte sein, dass die Welt seit zwölf Stunden eine andere ist. Wir werden es sehen. Wir müssen drüber reden. Schwarz steigt in New York der Rauch in die Nacht. In Afghanistan fallen Bomben. Ich werde den Fernseher lange nicht mehr abschalten.
- 26. November 2011, ca. 18 Uhr 11.05.2012
- samstagabend. 06.05.2012
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