09.01.2006 - 14:49 Uhr

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www.ein-blog-wie-jeder-andere.de

Text: Herr_K

Oh mein, Gott, sie haben Kenny getötet. Schon wieder Siegstyle hat das Mercedes-Beispiel benutzt. Ich baue es etwas um. Silbergrau ist vermutlich die meist-verkaufte Farbe der S-Klasse. Die Kunden lieben es. Was würde nun passieren, wenn der Mercedes-Vorstand eines Morgens aufwacht und sich denkt: „Ach, die Kunden mögen Silbergrau, aber ich eigentlich nicht. Wir bauen die S-Klasse ab jetzt nur noch in Pink. Das find ich viel schöner.“ Heute ist 4-wöchiges. 4 Wochen neues jetzt.de. Da kann und will auch ich nicht anders, als mal so etwas wie ein Resümee zu ziehen. Wir sind für Euch da. Wir verstehen Euch. Wir sind wie Ihr. Das war so etwas wie das inoffizielle Credo des jetzt-Magazins. Pop, Kunst, Erwachsen werden, Jungs und Mädchen, die großen Fragen. Alles was wichtig und gleichzeitig unwichtig, aber niemals uninteressant war, fand seinen Weg in dieses Magazin. 2002 wurde es eingestellt. Jetzt.de war immer noch ganz deutlich der Ableger dieser alten Zeiten. Es gab die Sexkritik, Verlieben-Lieben-Entlieben. Vor allem gab es etwas sehr wichtiges: Das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein. Teil von etwas Einzigartigem zu sein. Das war immer ein wenig elitär, sehr verkopft, oft selbst-referentiell, aber vor allem war es: Echt. Jetzt.de war Heimat. Eine echte Community im besten Wortsinne: Eine Gemeinschaft. Auch wenn es oft Reibereien zwischen Usern gab, genauso oft auch mit der Redaktion, waren sich wohl alle einig: Wir sind anders. Wir sind nicht irgendwer. Wir sind Jetzt. Und wie ist das entstanden? Es gab eben nicht nur Text, sondern viele kleine Nischen. Für jeden etwas. Jeder konnte genau das finden, was er suchte. Bilderrätsel, In-Echt-Berichte, Tagebuch, Tagesticker, Foren, Zufallsbekanntschaft, Komm-Küssen-Button, Original der Woche. Vieles war user-gemacht, vieles kam von der Redaktion. Und genau diese Mischung machte es so interessant. Der Gegensatz zwischen Profis und Laien. Feste Punkte, an denen man sich orientieren kann. Heute Morgen habe ich einen Bericht über die „Rallye Dakar“ gesehen, sie machen gerade Station in der Hauptstadt von Mauretanien. Man sah Autos, LKW, Eselkarren, Fahrräder, Fußgänger, alle wild durcheinander. Ein großes Chaos, ohne jede Ordnung, ohne jede Sicherheit. Jedes Auto hatte Beulen, jeder Karren Löcher, jeder Fußgänger den Tot im Nacken. Das passiert, wenn es keine Regeln, keine Strukturen gibt: Durcheinander. Im jetzt gab es Regeln: Nicht jeder darf Tagebuch schreiben. Verlieben-Lieben-Entlieben wird von der Redaktion frei geschaltet, in den Foren gilt Themenbezug. Wenn ich auf Tagebuch klicke, bekomme ich Herzschmerz und Humor, in den Foren bekomme ich Tipps und Diskussionen, im In-Echt Berichte über Treffen und Lesungen. Ich wusste, was wo warum und wie passiert. Und was passierte dann? Gute Frage. Hatte die Redaktion keine Lust mehr auf diese Arbeit? Wollten Sie sich tatsächlich journalistisch verwirklichen und sich nicht mehr mit Pipi-Fax-Arbeit wie dem Gegenlesen von User-Texten beschäftigen? Vielleicht. Das ist dann aber gründlich in die Hose gegangen. Die Kategorisierung als „junges Nachrichtenmagazin“ ist ein schlechter Witz. Die harten Fakten sind aus der SZ kopierte Texte, das Eigen-Produzierte ist größtenteils ähnlich belanglos wie vor dem Relaunch. Es ist nur viel mehr als vorher und deshalb hat man schnell keine Lust mehr es zu lesen. Noch immer wird bei Spiegel Online kopiert, noch immer sind die Themen in erste Linie Sex und Musik. Und wie war das: „Alle Inhalte bleiben erhalten.“ Das war wohl nichts. Foren sind weg. Eigentlich eine unglaubliche Frechheit und vor allem Respektlosigkeit gegenüber allen Usern, die viel Arbeit darin investiert haben. Ohne Vorwarnung gelöscht. Oder war es der Süddeutsche Verlag (SV), der kein Geld mehr ausgeben wollte für ein in seinen Augen belanglosen Internet-Seitchen, das in erster Linie als Flirt-Community genutzt wurde? War es der SV, der den Wandel hin zum billig produzierten Light-Ableger des Flaggschiffs Süddeutsche Zeitung forcierte? Wahrscheinlich eine Mischung aus Beidem. Und man muss sich fragen? Wissen die Damen und Herren in München überhaupt, was Jetzt ist? Wissen sie überhaupt, was das Besondere, das Einzigartige, das Andersartige an Jetzt ist (oder soll ich sagen: war)? Diese Frage muss wohl verneint werden. Statt mit leichten Korrekturen eine Hinwendung zur Zeitung zu schaffen, wurde alles bisher dagewesene weggeworfen. Warum konnten in der alten Struktur keine SZ-Links eingebaut werden? Aber das Schlimmste: Warum diese Einfalt(slosigkeit)? Warum ist plötzlich alles und jeder gleich? Warum ist alles Text? Warum stehen Film-Rätsel neben Tagebüchern neben Song-Schnipseln neben Bildern? Die Redaktion verspricht uns mehr Freiheit. Meint damit aber in erster Linie ihre eigene Freiheit. Denn es heißt ja nichts anders als: Macht Euren Scheiß doch alleine, wir haben da keine Zeit und keine Lust mehr zu. Baut Euch doch selber ein Tagebuch, wenn Ihr das wollt. Baut Euch doch selber Teaser, wenn Ihr das wollt. Ja, aber hallo? Wozu gibt es denn bezahlte Mitarbeiter? Die Jetzt-Redaktion ist nur noch für den inhaltlichen, angeblich journalistisch hochwertigen Content zuständig. Und genau damit haben sie die Community, das Gemeinschaftsgefühl getötet. Denn wo jeder alles machen kann, wo jeder alle Freiheiten hat, wo jeder gleich ist – da ist niemand mehr Besonders. Nichts und niemand sticht aus dem Einheits-Brei hervor. Alle sind gleich. Und wenn alle super sind, ist niemand super. Warum erfahren wir eigentlich nicht mehr, von wie vielen usern wir gelesen wurden? Warum wurden die Lesenswertpunkte abgeschafft? Weil nur dann die Gleichmacherei funktioniert. Denn wenn wir wüssten, dass Bachstelze 250-mal, Siegstyle 350-mal, userxy aber nur 5-mal gelesen wird, bilden sich wieder Strukturen heraus. Und genau das gilt es zu verhindern. Wo alle gleich sind, kann keiner Meinungsführer sein. Die Redaktionsbeiträge sind geschützt. Ihre Labels bleiben immer auf der Startseite, egal wie lange nichts mehr in ihnen geschrieben wurde. Alle sind gleich – manche sind gleicher. Das sage ja nicht nur ich als ehemaliger Tagebuchlizenzinhaber, sondern interessanterweise auch viele User, die keine Lizenz hatten. Der Stammtisch ist geschlossen. Ja, das ist er. Nur dass der Stammtisch das Besondere hier war. Wenn ich Nachrichten will, gehe ich auf spiegel.de, fluter.de oder sueddeutsche.de. Jetzt.de war etwas anderes, jetzt.de war Heimat. Heute ist es ein „junges Nachrichtenmagazin“. Heute ist es kalt, beliebig, wie viele andere da draußen. Heute ist es nicht mehr Orientierung, sondern Durcheinander. Nicht mehr Sammelplatz, sondern Blog. Natürlich haben sie sich nach dem Relaunch bemüht, die schlimmsten Fehler auszumerzen. Das kann und muss man anerkennen. Viel Arbeit steckt in diesem Projekt. Noch immer wird umprogrammiert, geändert, erneuert. Viel Arbeit, aber kein Herzblut. Wo geht es also hin? Vermutlich nirgends. Jetzt2.de ist der Light-Ableger der SZ. Die Abo-Beschaffungsmaschine als einzige Daseinsberechtigung. Das jetzt-Magazin gewann Dutzende Preise für Layout und Inhalt. Jetzt.de gewann den Lead Award. Jetzt2 gewinnt 20 neue Abonnenten. So ändern sich die Zeiten. Aber was will man auch erwarten von einem Verlag, der sich selbst immer mehr in Beliebigkeit verzettelt? Der jetzt die 4. Buchreihe herausgibt. Blickt da noch jemand durch? Die erste Reihe war eine Sensation. Heute weiß niemand mehr, was gerade aktuell ist. Der SV arbeitet wie RTL: Jede gute Idee wird so lange gemolken bis sie tot ist. Und so wird es wohl auch jetzt2 ergehen. Wenn das hier scheitert – also nicht genügend Klicks auf sueddeutsche.de generiert, nicht genügend Abos abwirft, wird es irgendwann eingestellt. www.sz-light.de oder www.kinder-sz.de; so sollte diese Seite konsequenterweise heute heißen. Denn mit Jetzt hat sie nichts mehr zu tun. Dies ist ein Blog wie jeder Andere. Eine buntgewordene Katastrophe. Der SV sollte die Rechte am Namen Jetzt abgeben. Das wäre nur ehrlich. Sie werden es nicht tun. So wie sie es schon 2002 nicht tun wollten. Denn sie wissen genau, was dieser Name wert ist. Selbst wenn der Inhalt nichts mehr damit zu tun hat. Für das Magazin sind wir auf die Straße gegangen. Die Abschaffung von jetzt.de hat uns laut aufheulen lassen. Aber wenn dieses Kunstprojekt stirbt, wer wird ihm nur eine Träne nachweinen? Ich nicht.


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natalika
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 14:59 Uhr
natalika

punkt!

achja, scheisse, gibt es auch nicht mehr, punkte.....

lachender_dritter
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:05 Uhr
lachender_dritter

Danke Herr K. Auch dafür, dass die Kritik am neuen jetzt.de nicht verstummt und dem Eindruck entgegen gewirkt wird, die User würden das neue jetzt.de doch mögen.

Am Erschreckendsten finde ich bei all dem, dass die Redaktion den so weitverbreiteten Unmut so hartnäckig ignoriert, oder nicht ernst nimmt. Sie haben scheinbar den Draht zu den Usern verloren, oder wir sind ihnen egal geworden.

puster
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:06 Uhr
puster

sehr gute analyse.

die labels, respektive: ihre dynamische darstellung, sorgt für eine erste hierarchisierung. die ist aber zur orientierung wenig nützlich, da die wahre informationsflut dahinter lauert.
die kategorien erweisen sich dagegen als völlig sinnfrei, da die dort geposteten beiträge oft nichts mit der kategorie zu tun haben.
kurz:
man sucht sich nen wolf, wenn man irgendeinen text finden möchte. nach einer gruppe von texten, die inhaltlich/thematisch zusammenhängen zu suchen ist die reinste sysiphusarbeit. wer hat dazu schon lust.

den wegfall der foren kann man nicht laut genug beklagen und ich hoffe, daß das gerücht, sie würden im januar wieder eingerichtet werden, stimmt.

jetzt.de war was besonderes. jetzt2.de ist es - noch - nicht.

slavetothedetails
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09.01.2006 - 15:19 Uhr
slavetothedetails

das unterschreibe ich voll und ganz.

natalika
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:28 Uhr
natalika

die foren kommen angeblich zurück.... aber was ist dann mit so tollen rubriken wie "in-echt" (alle berichte sind weg!) oder das "jetzt-original"...? und wieso gibt es kein ticker-archiv, nicht mal als nostalgiker-ecke.....

match2u
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:36 Uhr
match2u

sehr schön formuliert und zusammengefasst.
lesenswertpunkt im geiste *

MeinekleineSchwesterheisstHedi
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:42 Uhr
MeinekleineSchwesterh…

Soll ich dir sagen, lieber Herr K., was die jetzt-Redaktion gerade macht? - Sie holt sich auf deinen Blog, auf deinen Labeleintrag (oder wie auch immer diese Scheiße hier heißt) kräftig einen runter und denkt sich:"Geil, schon wieder so ein Choleriker, der sich wegen uns so aufregt!"

Schade find ich nur, daß in spätestens drei Minueten deinen Kommentar (der auf den Punkt trifft, was 500.000 ehemalige user denken) keiner mehr lesen wird, weil dann wieder geraten wird, um welchen Film, Schlager oder sonst was es sich bei Bild xy handelt!

jetzt.de ist tot!!!

Herr_K
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:43 Uhr
Herr_K

Eines noch, das im Text wohl nicht so ganz rauskommt: Ich bin mir sicher, die Redaktion hat nicht in böser Absicht gehandelt. Sie wollten es wirklich gut machen - hat nur leider nicht geklappt.

MeinekleineSchwesterheisstHedi
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:43 Uhr
MeinekleineSchwesterh…

Und das Tolle ist, daß ich diesen Kommentar mal wieder zweimal schreiben, da ich seit dem relaunch alle zwei Minuten automatisch ausgeloogt werde oder mich erst gar nicht einloggen kann - Danke!

phili
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2006 - 15:46 Uhr
phili

;-) Punkt

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Herr_K offline

Herr_K

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.