(Emma & Jonas) Tangenten
Text: emosozialprodukt
„Es ist doch alles vorbei“, sagt Emma und fasst den Hals der Flasche wieder fester, die zwischen Armbeuge und Schlüsselbein klemmt. Sie schaut das Mädchen an, sieht ihr direkt in die stark geschminkten Augen, sieht die Träne im Augenwinkel, bemerkt auch die zitternden Lippen. Und dem Gegenüber fehlen die Worte, es dreht sich unsicher, aber schnell auf dem Absatz um und flieht in die andere Ecke des Raumes. Zu Jonas.
Die Flasche an die Lippen, die Gedanken eher am Boden. (Ihr seid alle nicht von dieser Welt, ihr könnt mir nichts, ihr seid nicht einmal da). Und Emma legt den Kopf an die Wand und wartet auf ein Lied, das sie tanzen macht. Das sie zu mehr bringt als einem leisen Nicken. Sie dreht sich nicht um. Es ist doch alles vorbei. Sie könnte sehen, wie Jonas dem Mädchen in ihren Mantel hilft und ihr die Tür aufhält, den Hut unachtsam aufgesetzt und nun schief auf dem Kopf. Wie sein Gesicht. Es würde ihr nicht entgehen, dass er Emma noch einmal ansieht. Ein bisschen länger als aus Versehen.
Er wird wiederkommen, das weiß sie. Und es macht den ganzen Abend noch ein Stück lächerlicher. Sie knickt die Knie und schließt die Augen, es macht keinen Unterschied. Obwohl sie ihn heut zum ersten Mal tanzen sah. Vielleicht nächste Woche, vielleicht in einem Monat wird es wieder ein Hallo sein und irgendwann die Frage, wie es denn geht und aus der Antwort wird dann ein Gespräch und aus dem Gespräch ein ganzer Abend und vielleicht ein Morgen dazu. Dann bekommt er wieder diese traurigen Augen und weiß, dass es das war. Und wenn er sein schlechtes Gewissen bekommt, dreht er die Rollen um. Um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, diesem Zwischenraum. Und weil nicht sie es ist, die nicht loslassen kann. Sondern er.
Jonas fasst eine Hand auf dem Weg nach Hause. Jonas küsst einen Bauch in seinem Bett. Jonas schaut in ein schlafendes Gesicht und erkennt es nicht. Die meisten haben einen Mund, eine Nase und zwei Augen. Vielleicht hier und da die Fähigkeit, ihn aufzufangen. Ihm ein gutes Gefühl zu geben und dass er nicht friert in der Nacht. Das Gesicht neben ihm kennt seine Laken seit ein paar Jahren schon. Und seine Schatten unter den Augen. Da legt es die Hand drüber, wenn es hell wird, und baut ihn sich zurecht. Er ist nicht so, wie es sich ihn denkt. Und Emma hat immer noch sein Buch.
Allein zieht sie sich den Mantel an und den Schal fest, aus der Tür stolpert sie, es blieb nicht bei diesem einen Bier. Die Beine sind dann immer schwerer als normal, ihr sieht man das nicht an. Sie geht nicht schlafen jetzt, sie vergisst die Nacht, lebt darüber hinweg, als hätte es sie nicht gegeben (das hat sie von ihm, er liebte die frühen Morgen) und fährt am Vormittag mit der Straßenbahn an einem Haus vorbei. Im zweiten Stock sind die Vorhänge zugezogen. Jonas schläft noch. Und sie lässt den Glauben an Kontinuität mit der Zeitung auf dem Sitz liegen, als sie aussteigt und lieber läuft. „Es ist also wirklich vorbei“.
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03.01.2006 - 12:12 Uhr
El_Brosiatschi
Auch wenn du das schon oft gehört hast, Du schreibts wirklich gut. Vielleicht freut es dich trotzdem es nochmal zu hören.
Aussderdem wäre es doch eine Schande, wenn dieser Text unkommentiert bleibt.