Von gestrigen Feiern
Ich habe es mir gut getrunken. Als erstes musste ich meinen Bruder und seine Frau und seine zwei Kinder und dreißigtausend Geschenke abholen und Czes sagte: "Du fährst aber doof!" und Moinsen sabberte meine Jacke voll und Peter war überschwänglich und sagte: "Happy Christmukkah!" und knutschte mir einen feuchten Kuss neben den Mund und zupfte meine Krawatte zurecht (die nicht zurecht gezupft werden sollte, Stil ist Stil) und entschuldigte sich auf dem Weg zu unseren Eltern fünfmal dafür, dass sein Auto kaputt war. Meine Schwester saß neben meiner Mutter in der Küche und sah traurig aus. Es stellte sich heraus, dass sich einer ihrer Freunde zwei Wochen vorher umgebracht hatte. Sie sah mich mit einem hilflosen Lächeln an und sagte: "Jetzt verstehe ich, wie sich das anfühlt." und ich nahm sie in den Arm und sagte: "Ich wünschte, du müsstest es nicht verstehen." und dann weinten wir beide ein bißchen, was wir nicht mehr zusammen getan haben, seit ich sechs war und sie mit einem Stuhl gehauen hatte, was ihr genauso wehgetan hatte wie meiner Hand, die ich dabei gegen die Wand geschlagen hatte. Mein kleiner Bruder war betrunken von einer halben Flasche Met und singsangte Sachen sie "Christmukkah, yeah! Wann gehen wir trinken? Jetzt?" und mein Vater steckte irgendwann den Wuschelkopf meines Bruders unter den eiskalten Wasserhahn in der Küche, woraufhin er etwas ernüchterte. Dann gab es Essen und Wein und alle Nüchternheit war dahin. Bescherung wurde auf die nächsten Tage verteilt, Christmukkah, und Tradition ist eben Tradition. Also durften wir nach dem Essen schon in die heimische Kneipe verschwinden. Die Kinder wurden bei Oma und Opa gelassen und Mira sagte: "Sei brav, Ronja, sonst gibt es nie wieder Nutellabrote zum Frühstück!" und Falk flüsterte Ronja zu: "Keine Angst, dein Papa gibt dir schon welche. Das verraten wir Mami aber nicht." Dirk fiel über den Gartenzaun und Linda-Marie verlor irgendwo am Friedhof ihren rechten Handschuh. In der Kneipe gab es Unmengen von Menschen, die höchstens sechzehn waren und Dirk riss sich eine Ersatzbefriedigung nach der anderen mit dem Satz: "Hey, ich bin Leadsinger in einer strokesartigen Band." auf. Drei Mädchen mit schlechten Smokey-Eyes fielen für seine Masche und eine zog sich auf seinem Schoß halb aus, bis Mira lächelnd daraufhinwieß, dass es dafür doch etwas zu kühl sei. Ich fand Freunde, die ich Familie vorzug, weil ich sie seltener sehe. Und dann sah ich ihn und er lächelte und sagte: "Frohes Fest." und drückte sein Bierflasche zaghaft gegen meine und ging. Ich wollte seine schwarzen, lockigen, zu einem Zopf gebundenen Haare aus seinem verfluchten, schlauen Schädel reißen, zog es dann aber doch vor noch mehr zu trinken, immer mehr. Bis ich meiner Schwester in die Arme fiel und ihr sagte, dass ich manchmal wünschte, andere meiner Freunde wären gestorben und ob es ihr so ginge. Sie sagte: "Scheiße Arne, du bist besoffen." und ich sagte: "Ja, aber nüchterner als Dirki." und Dirk trennte seine Lippen vom Hals des Mädchens auf seinem Schoß und sagte: "Fickisch, 'rne!" und das sollte "Fick dich, Arne!" heißen. Ich stand auf und kaufte Sambuca mit Kaffeebohnen drin und trank sie mit meiner Schwester und meiner Schwägerin und meinem Schwager und sah ihn aus den Augenwinkeln mit Magdalena reden und ärgerte mich, weil ich mit ihr reden wollte und nicht konnte, weil er es tat. Thomas stand plötzlich neben mir und sagte: "Es tut mir leid, dass ihr beide hier seid. Ich wollte mit ihm in die Stadt, aber er sagte, dass alle hier sind. Und ich glaube, er wollte dich doch ein bichen sehen." und ich machte ein ganz seltsames Grunzgeräusch und trank noch einen Sambuca und sagte: "Ich dachte, er fährt nach Bethlehem oder was für Scheiße verfickte Christen an Weihnachten so machen." und Thomas lachte und sagte: "Das erste Mal, dass du das Judentum positiv mit deiner Person verbindest." und er kaufte mir ein Bier. Dann kotzte ich ich in die Randbepflanzung der Fußgängerzone und traf Enricos Rucksack, der daneben lag, und Enrico sagte: "Alter, bin ich froh, wenn du dich nach Schottland verpisst! Sylvester würde ich mit dir nicht überstehen!" Falk hielt mich auf dem Nachhauseweg davon ab meine Jacke anzuzündend und mich in der Außenmühle zu ertränken und irgendwann drückte er mich in mein Bett und sagte: "Steh bloß nicht wieder auf oder Mira gibt dir zum Frühstück keine Zauberfleks mehr!" und ich lachte und sagte: "Ich kann mir selber Frühstück machen!" und er sagte: "Nicht bei dem Kater, den du morgen haben wirst!" und er ging zur Tür und machte das Licht aus und im Türrahmen, dunkle Silhuetten gegen das grelle Licht aus dem Flur, standen er und Peter und sagten leise, wie zu einem Kind, das sie nicht wecken wollen: "Happy Christmukkah."- Bald ist Christmukkah 22.12.2011
- Happy Christmas, you arse! 26.12.2009
- Happy belated Hannukkah, Arne! 28.12.2006
- Hey, lass es sein, du Pisskopp! 24.12.2006
- Happy Christmukkah, dear Arne! 22.12.2006
und: loslassen. ignore alien orders!
da fühl ich mich mit meiner familienweihnachtsfeier gleich noch spießiger als schon normalerweise.
vielen dank dir
und gute besserung








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25.12.2005 - 21:46 Uhr
fatman