Basiswissen Brinkmann
Der Autor Rolf Dieter Brinkmann wäre in diesen Tagen 65 Jahre alt geworden. Anlass genug, den ersten Popliteraten Deutschland etwas genauer kennen zu lernen. Immerhin jährt sich in diesen Tagen auch sein Todestag: vor dreißig Jahren starb Brinkmann bei einem Autounfall in London.
1. Rolf Dieter Brinkmann wurde am 16.4.1940 in Vechta geboren, das zwischen Oldenburg und Osnabrück liegt. Ohne ihn würde die deutsche Literatur heute anders aussehen. Besonders eindrücklich beschreibt dies der Literaturwissenschaftler Ralf Bentz: Brinkmann sei verantwortlich für einen „Kahlschlag“ in der deutschen Literatur und dabei der „Mann an der Axt“ gewesen. Weiter: „Er hat für die deutschsprachige Literatur das getan, was die Sex Pistols für die Popmusik getan haben.“
2. Im revolutionären Jahr 1968 plädiert Brinkmann für eine Erneuerung des deutschen Literaturbetriebs: „Die Innerlichkeit, die sich überall ausdrückt, ist beschissen, Bürgerlichkeit, die in sich verrottet ist, feiert heftig schwitzende Urständ.“ Dagegen setzt er auf Untergrundliteratur und Kleinverlage, denn diesen bleibe es überlassen, „auf Grund ihrer relativen Unabhängigkeit etwas an Texten zu produzieren, in denen nicht mehr der alte Scheiß an Dichtung herumwabert.“
3. Mit seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla veröffentlicht Brinkmann unter dem Titel ACID. Neue amerikanische Szene eine Textsammlung amerikanischer Untergrundliteratur. Darin finden sich Texte von Leslie A. Fiedler, Marshall McLuhan, William S. Burroughs, Andy Warhol u.a. An seinen Verleger schreibt Brinkmann: „Es ist der Versuch, neue Perspektiven aus einem veränderten Kulturbewusstsein heraus zu schaffen. Ein Non-Stop-LSD-Trip alltäglichen Lebens.“
4. Besonders fasziniert Brinkmann die „vulgär-sexuelle Sprache“ der von ihm versammelten Autoren, die er auch in seinen eigenen Texten nutzt. In seinem Roman Keiner weiß mehr von 1968 heißt es z.B. „Die Titten. Die Fotze. Schamhaar. Schleimhäute. Weiche Wände. Nassklebrig. Es ist erstaunlich, wie weit man in so was mit zwei Fingern reinkommt, um darin herum zu rühren.“ Diese Passagen bringen Brinkmann eine Anklage vor Gericht ein, die dazu führt, dass dem Buch eine Selbstverpflichtungserklärung beigelegt wird: Nur Menschen, die älter als achtzehn Jahre sind und sich verpflichten, das Buch nicht an Jüngere weiter zu leiten, dürfen es erwerben. Auch wenn die damals provokanten Stellen heute eher als langweilig erscheinen…
5. …oder als sexistisch. Der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb nennt den Text einen „männlichen Vorgang“: Ein schwaches männliches Ich baue sich in den Poptexten wieder auf, in dem es sich über den weiblichen Körper erhebt und daran wieder aufbaut. Ähnliche Verfahren lassen sich auch in der heutigen Popliteratur wiederfinden, sei es in den Mainstream-Texten eines Stuckrad-Barre (Soloalbum) oder der Untergrundliteratur des Social Beat und seiner Nachfolger.
6. Rold Dieter Brinkmann ging es vor allem um Provokation. Im November 1968 festigt er seine Distanz zum Establishment auf einem Autorentreffen in Berlin. Dort faucht er den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki an: „Wenn das Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich sie jetzt niederstrecken.“ Reich-Ranicki ist ein Überlebender des Warschauer Ghettos. Auf diese Weise macht sich Brinkmann zu einem Außenseiter des Literaturbetriebs.
7. Die Studentenbewegung ist Brinkmann ein Gräuel, so dass er in der Kölner Universität an einer Aktionslesung teilnimmt, deren Motto „Die Endlösung der Studentenfrage steht bevor!“ lautet. Dass mit diesem Titel zugleich die von den Nationalsozialisten als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnete Shoa verharmlost wird, interessiert Brinkmann nicht.
8. Mehr interessiert ihn die Bewusstseinserweiterung seiner Leserschaft durch kulturelle Produkte und Drogen. „ACID“, so erklärte er, „heißt Säure. Gleichzeitig ist das Wort ein Synonym für LSD. Also der Titel kann in jeder Hinsicht wörtlich genommen werden.“ Brinkmann selbst nimmt zur damaligen Zeit weniger an Drogenexperimenten teil. Rygulla und er trinken gerne Rotwein, da hört es aber schon auf.
9.
Sein letztes großes Werk ist die Materialsammlung Rom, Blicke, die seinen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom ab Oktober 1972 dokumentiert. In diesem Band hat sich Brinkmann als Ziel gesetzt, mit „dem Großen Schrott der Abendländischen Geschichte“ abzurechnen.
Dabei ringt Brinkmann um sich selbst und seine Sprache. Er schreibt: „Wrruummmm, Autos! Ampeln! Fassaden! Idiotisches Gehupe! Idioten! Menschen! Gar nicht zu fassen!: Scheiße!: (kann ich nicht mehr mich ausdrücken?)“.
10. Verzweifelt landet Brinkmann schließlich in London. Am Morgen des 23. April 1975 will er von einer Kneipe in die gegenüberliegende wechseln, die Shakespeare´s Day And Night heißt. Welch ein Ziel für einen Autor! Die Zivilisation kommt ihm erneut, diesmal in Form eines Autos, in die Quere. Wrruummmm. Fahrerflucht. Standfoto. Rolf Dieter Brinkmann wurde 35 Jahre alt.
Thomas Ernst ist Autor des Buchs Popliteratur. Derzeit ist er gemeinsam mit seinem Namensvetter, der Bundesliga-Torwart beim 1.FC Kaiserslautern ist, auf einer gemeinsamen Lesereise
in Deutschland unterwegs.
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Interessant ist auch der Umgang mit Rolf Dieter Brinkmann in Vechta, seinem Heimatort. Dort ist er immer noch verpöhnt, Vechtaer Buchhändlerinnen antworten auf die Frage nach seinen Büchern mit "So einen schmutzigen Schund führen wir hier nicht." Gabs mal eine schöne Dokumentation im NDR darüber.
Naja, wer weiß vielleicht ist ja ein Auswahlthema in meinem Abitur an Montag ja Brinkmann. Schaun mer mal.
23.04.2005 - 11:19 Uhr
cohiba
Überraschend, daß an keinem anderen Tag gleich so viele Literaturnobelpreisträger geboren sind: von Vladimir Nabokov über de Cervantes bis hin zu Halldor Laxness. Aber das nur nebenbei, denn welcher aufgeklärte Dichter glaubt schon an die Macht der Sterne?
Für mich hat Brinkmann jenen Parlandoton in der Lyrik "erfunden", der nicht nur das Ende der gereimten "Hochdichtung" einläutete, sondern auch eine Spur von sensiblen Alltagsempfindungen in Sprache umsetzte.
Leider ist Brinkmann das nicht wirklich bewußt gewesen; wie alle, die an einer Zeitgrenze arbeiten, ahnte er das grundlegend Neue, ohne es schon tatsächlich analysieren zu können.
An seinem Todestag verdient er jedenfalls auch zu Wort zu kommen:
"Einer jener klassischen
schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon
ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer
dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe
ein Wunder: für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment
Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,
die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich
schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten
dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.
(aus R.D. Brinkmann: "Westwärts 1& 2. Gedichte",
Reinbek 1975)
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22.04.2005 - 14:37 Uhr
rockerking