Heimkehr
Sie stieg aus dem Zug. Hinein in die Erinnerung. Im Bahnhof roch es stark nach Alkohol und zu vielen Menschen. Eigentlich mochte sie Bahnhöfe.Man konnte gleichzeitig unheimlich glückliche und unglückliche Menschen beobachten. Die einen hielten den anderen nach einer langen Zeit endlich wieder in den Armen, die anderen winkten sich mit Tränen in den Augen zum Abschied zu. Als Kind hatte sie nach der Schule oft noch ein paar Minuten auf einer Bank gesessen und das Geschehen betrachtet. Ihre Tasche war nicht schwer. Sie hatte beschlossen, für diese Reise nicht viel Gepäck mitzunehmen. Sie war sich sicher, sie würde später genug Erinnerungen mit sich zu schleppen haben. Als sie auf die Straße trat, atmete sie erst einmal tief ein und aus. Es kam ihr vor, als könne sie nach etlichen Jahren endlich wieder frei atmen. Es regnete leise aber in dicken Tropfen. Es regnete immer in dieser Stadt. Kaum einer ging mehr ohne Schirm aus dem Haus. Doch sie lächelte insgeheim über diese Menschen, denn sie liebte den Regen und konnte sich schon als Kind nichts Schöneres vorstellen, als mit bunten Gummistiefeln auf der Straße zu tanzen und die Regentropfen mit ihrer Zunge aufzufangen. Das hatte ihre Mutter immer zur Weißglut gebracht, erinnerte sie sich mit lächelnden Augen. Langsam durchquerte sie Straße für Straße, musste gar nicht denken, ihre Füße lenkten sie wie von alleine in die richtige Richtung. Sie sah den Park, in dem sie früher immer ihren kleinen Hund ausgeführt hatte, den alten Kiosk, in dem ihr Paul, der Besitzer, früher immer Schokolade zugesteckt hatte, ihre ehemalige Schule und den Schulhof, auf dem sie immer alleine herumgestanden hatte. Es kam ihr vor, als hätte sich nicht viel verändert. Seit Jahren war sie nicht mehr hier gewesen, doch in ihrem Kopf spielten die gleichen Gedanken mit ihr, wie vor langer Zeit, als sie noch klein war und am liebsten mit Steinen und Schnecken spielte. Nun kam sie ihrem Elternhaus immer näher. Als Kind war ihr die Strecke nie so lange vorgekommen, aber damals hatte sie die Gegend auch selten o stark studiert. Bewohner ihres Viertels kamen ihr entgegen und guckten sie lange an. Sie sagten nichts und schauten nur. So wie es die Menschen gerne tun. Sie lächelte ihnen zu und grüßte. Doch sie blieben in ihrem Gespräch vertieft. Nur noch ein paar Meter, dann konnte sie schon das alte Klinkerhaus erkennen. Die weißen Sprossenfenster und der kleine Schornstein, bei dem sie früher immer gedacht hatte, der Weihnachtsmann würde durch ihn hindurch ins Wohnzimmer gelangen. Die Blumen sangen dasselbe Lied wie früher und die Vögel im Garten flogen die gleichen Runden. Sie setzte ihre Tasche auf den Boden und suchte ihren alten Schlüssel. Den hatte sie mitgenommen in ihr neues Leben. Er versprach ihr Sicherheit und gab ihr jederzeit die Möglichkeit, wieder in ihre Jugend zurückzukehren. Die Tür ging immer noch so schwer auf und es dauerte lange, bis sie endlich in den Flur treten konnte. Es roch nach Blumen und Leben. Die Schuhe standen so ordentlich wie immer in einer Reihe und ihre Eltern hatten sogar ihren kleinen bunten Kleiderhaken noch an der Wand. Sie lächelte lange. Dann betrat sie die Küche und biss auf ihre Lippe, als sie das alte benutzte Geschirr auf der Spüle liegen sah. Ein Geruch nach Pfannkuchen und Marmelade lag in der Luft. Sie traute sich nicht, die Fenster zu öffnen, als würde dann etwas in ihr verschwinden. Die Tür zu ihrem Zimmer war noch immer mit einem großen Schild so gestaltet, das sie sich deutlich von den anderen hervorhob. Sie hatte damals in großen und krakeligen Buchstaben „Bei Eintreten ohne Klopfen explodiert das Zimmer“ drauf geschrieben. Beinahe wollte sie klopfen, sie kam sich für einen Moment wie eine Fremde vor. Steckte diese Person immer noch in ihr, die damals in diesem Zimmer gelacht und geweint, gespielt und sich gelangweilt hatte? Das Zimmer war nicht groß. Heute kam es ihr noch viel kleiner vor als damals. Das Bett war noch bezogen mit blauer Bettwäsche passend zu der blauen Tapete. Es war überhaupt alles blau. Ihr alter Teddy schlief schon seit etlichen Jahren auf dem weichen Kopfkissen und hatte schon lange keine ihrer Tränen mehr aufgefangen. Sie setzte sich aufs Bett, nahm ihn an sich und begann wie damals zu weinen. Sie schluchzte und heulte und in ihren Tränen vermischten sich alle Erinnerungen in einem Meer, einem blauen und weiten Meer. Die Tränen kullerten ganz dick und verzweifelt über ihre Wangen, wussten nicht wohin. Sie schmeckte das Salz auf ihren Lippen und sah wie durch einen Schleier in die Gesichter auf den Postern an der Wand. Plötzlich stand sie auf, ging ganz nahe an eines heran und kratzte dem Popstar die Augen aus. Keiner sollte sie beobachten. Keiner von diesen oberflächlichen Papierfliegern. Es war nur noch ein kleines Poster übrig mit einem traurig guckenden Schauspieler drauf, als es in die Stille hinein läutete. Erschreckt wischte sie die Tränen aus ihrer Haut und setzte sich ein Lächeln ins Gesicht. Es läutete noch einmal, sie atmete tief ein und öffnete die Tür. Da standen Onkel und Tante. In Schwarz. Ihre Tante sagte mit belegter Stimme: „Ach Kleines, es tut mir so leid, dass du wegen diesen Umständen nach Hause kommen musstest. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte, ich habe dich sofort angerufen. Es tut mir ja so leid…“ Ihre Stimme zerbrach. Ihr Onkel versuchte, ganz ruhig zu klingen, so wie er es schon sein Leben lang versuchte: „ Komm Mädchen, die Beerdigung beginnt um 14 Uhr.“ Er nahm sie in den Arm und sie versuchte, sich geborgen zu fühlen. Doch sie fühlte nur Leere.
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01.10.2005 - 14:23 Uhr
john_doa
An meiner Tür hing ein kleines Holzschild "Disaster Area". Heute hängt es auf Reisen an meiner Hotelzimmertür. Aber das nur nebenbei.