Wie ein Engel
Ganz langsam beugte er sich zu ihr hinab, war ihr plötzlich ganz nah. Wie Honig fiel ihr glänzendes Haar über ihre Schultern und umrahmte ein Gesicht aus Mandeln und Erdbeermund, leicht verziert mit einigen Sommersprossen.. Ein verträumtes Lächeln auf den Lippen glich sie mit ihren geschlossenen Augen einem Engel. Er betrachtete sie eine lange Zeit. Eine Frau von solcher Schönheit war ihm noch nie zuvor begegnet. Er dachte an seine Frau, seine Kinder. Doch in seinem Kopf tauchten nur Bilder von seinem Haus auf. Ihm fiel ein, dass sie am Abend zu einer Cocktailparty eingeladen waren. Für die Kinder hatten sie extra einen Babysitter bestellt. Seine Frau hatte ihn noch am Morgen gebeten, für sie zu entscheiden, in welchem Kleid sie ihn später begleiten sollte. Auch sie war schön, keine Frage. Sie hatte trotz der drei Kinder ihre gute Figur behalten und mit ihrem Lachen schaffte sie es immer noch, jeden Mann zu verzaubern. Doch… Er blickte wieder zu der Frau vor seinen Augen. Mit seinem rechten Finger fuhr er über ihre Lippen. So sanft. So zart. Wie er sich danach sehnte, diese Lippen zu küssen. Und jede einzelne Sommersprosse. Ihre Haut schillerte golden, als die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommertages ihn durch die Fenster hindurch beobachteten. Er dachte an das Meer und das Glücksgefühl, dass er immer wieder empfand, wenn er in der Bretagne am Strand entlanglief und die Sonne verträumte Bilder in leuchtenden Farben auf den blaugrünen Ozean malte. Er merkte gar nicht, wie lange er dort stand mit geschlossenen Augen und eine vertraute Melodie aus Kindestagen summte. Seine Hand streichelte die zarte und von der Sonne gewärmte Haut der Schönheit vor ihm. Wie schön das Leben doch war, dachte er. Plötzlich öffnete er die Augen und begann langsam, die pastellfarbene Bluse der Frau aufzuknöpfen. Mit jedem neu geöffneten Kopf wurde er angespannter. Er versuchte, sich an die eigene Hochzeitsnacht in Venedig zu erinnern und die viele Liebe zu seiner Frau, die ihn damals kaum einen vernünftigen Gedanken fassen ließ. Nun war er beim letzten Knopf angelangt. Ganz behutsam zog er ihr den leichten Stoff an den Schultern herunter. Er musste sich beherrschen. Seine Arbeit tun. Er schaute auf die Uhr und wurde ganz unruhig, als ihm einfiel, dass die Party schon in zwei Stunden beginnen würde. Wieder in der Realität angekommen, von den grellen Lichtstrahlen der Lampe über seinem Kopf geblendet, griff er zu dem Skalpell auf dem Tischchen neben ihm und beugte sich abermals ganz dicht über den makellosen Frauenkörper. Sie war in ihrem Wohnzimmersessel eingeschlafen, wie ein Engel, hatte er von dem Polizisten gehört, der vor einer Stunde bei ihm gewesen war. Doch im Waschbecken im Bad lagen etliche Packungen bunter Pillen, geöffnet und geleert. Der Abschiedsbrief flatterte im Septemberwind, der durch die Balkontür zog. Ihre Augen waren geschlossen, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen. Als er das Skalpell ansetzte, kullerte ihm eine dicke Träne über die unrasierte Wange.
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das ist dir ja mal nen clou gelungen :D
sehenswerter text.








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03.09.2005 - 16:25 Uhr
the_man_who_would_be_…
sehr unerwartetes ende
sehr schön...