28.06.2005 - 21:04 Uhr

0 0 Über Twitter weiterempfehlen

Das blaue Heft

Text: KleinOrangenmaedchen

Mein Herz geht immer schneller. Meine Hände werden immer kälter. Ich kann nicht mehr gerade schreiben, meine Hand zittert vor sich hin. Unglaublich, wie beeinflussbar diese Symptome von meinen Gedanken sind.

Ich sitze im Deutschunterricht. Auf dem Pult liegt ein dicker Stapel blauer Hefte. Der Lehrer geht auf und ab. Sein Mund klappt auf und zu. Wortschwalle dringen heraus, in die stickige Luft, die nach dem Geruch von einer lebendigen Schulklasse, Kreide und Papier riecht. Meine Ohren sind zu. Kein Wort nehme ich auf. Ich schaue auf meine Uhr, um laut aufzuseufzen. Minuten kommen mir wie Stunden vor. Dann endlich, bewegen sich die blauen Hefte zu den aufgeregten Schülern. Der eine lacht, die andere öffnet es ängstlich und blättert durch die Seiten. Mein Heft liegt vor mir. So blau. Na, komm schon, spricht es mich an. Seite für Seite tauchen Erinnerungen in meinem Kopf auf. An diese letzte Stunde vor ein paar Monaten. Jedes Mal das Gleiche. Fast am Ende, kribbelt es noch einmal unter meiner Haut. Da ist ja gar nicht so viel rot, bei dem Vertretungslehrer. Bei unserer eigentlichen Deutschlehrerin sah man auf den ersten Blick nur rot. Doch da steht es, bräunlich auf weiß: Sehr gut (1-). Es läuft mir ein angenehmer Schauer über den Rücken. Ich falle meiner Freundin in den Arm und genieße diese kurzen Sekunden, die nicht lang genug sein können. Doch dann, als ich später im Bus sitze, komme ich ´mal wieder ins Grübeln. Was ist das schon – eine alberne Note? Eigentlich so richtig unwichtig. Das ist die Möglichkeit für die vielen fiesen Gedanken und Fragen, in mir, in meinem Kopf, in dem vor ein paar Minuten noch Physikformeln und Biogesetze hin und her rasten, einen kleinen Kampf auszutragen. Über Gott und die Welt mache ich mir plötzlich Sorgen. Draußen scheint die Sonne, im Bus kichern die Kinder fröhlich um die Wette, in meine Ohren dringt meine Lieblingsmusik, und doch bin ich in einer anderen Welt. Mal hier, mal dort. Alles erscheint mir wichtig, nur meine Deutscharbeit in meinem Rucksack, ist plötzlich nur noch ein blödes blaues Heft, fast voll geschrieben, in einer Schrift, die von Seite zu Seite unordentlicher wird. Ich steige aus dem Bus aus, fühle mich, als hätte ich geschlafen. Meine Freundin weckt mich auf, doch keiner sagt, du hast nur schlecht geträumt. Sie hat nichts bemerkt. Wollte nichts bemerken. Hat mit anderen gelacht. Zu Hause sitze ich beim Essen und plötzlich taucht diese Spannung wieder auf. Ich esse schneller, draußen liegt mein blaues Heft, mit meiner Bestätigung, dass ich das kann, was ich so gerne mache. Ich lächle meine Mutter an, möchtest du ´mal was sehen? Plötzlich bin ich froh. Richtig glücklich. Ich setze mich auf die Couch und blättere das Heft von vorne bis hinten durch. Ich werde es niemals wegwerfen, denn das ist kein ödes Heft, das sind meine Träume.


Neue Texte zum Label 'Alltag':
Textoptionen
Mehr Texte von
KleinOrangenmaedchen
Mehr Texte zum Label
Alltag
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
0 Kommentare

speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

KleinOrangenmaedchen offline

KleinOrangenmae…

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

//her mind, was a very big house, we got lost there for hours until august fell//