27.02.2005 - 20:00 Uhr

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Go Santiago, Baby.

Text: meredith-haaf

5. 38: Warum bitte geht denn das Licht jetzt schon an? Draußen ist es dunkel und wir sind bestimmt noch nicht in Chile angekommen.

Seit 12 Stunden ist mein Bus jetzt in Richtung Santiago unterwegs und davon habe ich vielleicht drei geschlafen. Mein Gesicht ist klebrig, meine Laune mies. Jetzt beginnt Maximiliano, der Steward, auch noch, Süßigkeiten zu verteilen. Das darf doch nicht wahr sein. Ich mache die Augen wieder zu und versuche, diesen Morgen zu ignorieren. 5. 55: Der Versuch schlägt kläglich fehl. Maximiliano ist nämlich nicht nur unser Steward, er ist auch unser Chef. Er will, dass jetzt gefrühstückt wird und drückt mir einen Becher übersüßten Nescafé in die Hand. Gleichzeitig dröhnt zuckriger Latino-Popschmalz der übelsten Sorte in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Lautsprechern. Ich nippe am Kaffe und würde jetzt gerne jemanden verprügeln. 7. 05: Mendoza ist die letzte Stadt vor der argentinisch-chilenischen Grenze. „Wunderschön, da muss man hin!“, haben mir in Buenos Aires alle Leute gesagt. Wir machen zwar dort eine Pause, ich darf mir aber zu der Stadt immer noch keine Meinung bilden, dazu ist es immer noch zu dunkel. Der Busbahnhof ist jedenfalls nichts Besonderes: klein, dreckig und schlecht beleuchtet. Ich tue das, was man während einer Rast eben tut: Vertrete mir die Beine und ich rauche, um der Perversität des morgendlichen Zuckerrauschs noch eins drauf zu setzen, eine viel zu frühe Zigarette, nach der es mir auch nicht wirklich besser geht. 7. 45: Juhu! Ein Gespräch. Meine Sitznachbarin heißt Mariela und studiert – wie ich – Geschichte. Wir unterhalten uns fast eine Stunde lang über Buenos Aires, München und unser Studium. Irgendwann landen wir bei marxistsisches Geschichtstheorie. Aber für die Diskussion bin ich wirklich noch nicht lange genug wach und irgendwann nicke ich wieder ein. 9.00 Ich weiß nicht, ob es eine bayerische Gewohnheit ist, oder meine eigene Unerfahrenheit – aber wenn mir jemand sagt, dass ich in die Berge fahre, dann stelle ich mir die Alpen vor. Wir sind jetzt jedenfalls mitten in den Anden, und die haben wenig mit dem Gebirge meiner Heimat zu tun: Auf diesem sandigen Boden wächst kein bisschen Baum, dafür Kakteen und anderes aggressives Gestrüpp. Je höher wir hinauf fahren, desto tiefer hängen die Wolken und ich kann mich gar nicht satt sehen. 10.30: Der Grenzübergang heißt „Los Libertadores“ – die Befreier. Wir folgen dem Kommando Maximilianos in Reih und Glied an die verschiedenen Kontrollposten. Während ein französischer Passagier seinen Ärger mit der chilenischen Zollbehörde regeln geht, gucke ich auf die andere Seite. Der Himmel ist blau, die Berge gewaltig und mein chilenisches Abenteuer fängt anscheinend wirklich an. 11. 30: Endlich geht es weiter, eine ewige Serpentinenfahrt ins Tal hinab. Neben mir kreischt Mariela aufgeregt und schießt, wie alle anderen Passagiere auch, unzählige Fotos von der steilen Abfahrt. 12.30: Maximiliano legt „Ice Age“ in den DVD-Player des Buses; vor dem Fenster zieht wunderschöne Landschaft vorbei, kristallklare Flüsse und grüne Wälder und dahinter immer diese Felsenlandschaft. Ich kann mich weder für den Film noch für die Landschaft genug begeistern, um nicht schon wieder einzuschlafen. 14.30: Das soll Santiago sein? Das ist doch ein Dorf. Lauter kleine Strassen, flache Häuser und überhaupt nichts los. Oh je, wo bin ich hier gelandet. 15.15: Nach einer rasanten Taxifahrt mit einem nervös singenden Taxifahrer durch eine Stadt, die doch nicht so Dorf ist, bin ich in der Residencial Londres, meinem Hostel angekommen. Ein herrschaftliches altes Haus mit einem lieblichen Innenhof voller Pflanzen und einem tollen, wenn auch minikleinen Zimmer. Dusche und dann raus ins Gefecht! Ach, reisen ist doch großartig. 15.30 Oder vielleicht doch noch ein bisschen schlafen? 16.15: Ich irre planlos herum. Es gilt eine Stadt zu entdecken, aber ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll und diese Hitze verbietet es mir, einen einzigen Gedanken zu Ende zu denken. Also Rückzug in ein Café. Kaffee trinken und attraktiven Typen hinterher schauen geht eigentlich immer. 18.00: Zeit für a walk in the Park. Der Cerro Santa Lucia liegt auf einem Berg über der Innenstadt. Nachts nicht ungefährlich, sagt der Reiseführer. Ich weiß nicht mal, ob ich es hier tagsüber so gut finde. Hier tummeln sich nicht viele verliebte Pärchen – hier tummeln sich ausschließlich verliebte Pärchen. Jede einzelne Bank ist besetzt von knutschenden Verknallten. 19.00: Auf der Strasse quatschen mich zwei Studenten an. Sie sammeln Geld, um ihre Studiengebühren zu bezahlen. Außerdem geben sie mir noch tausend Tipps für Santiago, versuchen, ein bisschen Deutsch zu reden und sind ganz lustig. Als sie am Schluss fast 20 Dollar von mir haben wollen – „dir macht das nichts aus“ – gehen sie mir doch ziemlich auf die Nerven. Ich gebe ihnen vier. Woanders gibt’s auch Studiengebühren. 19.30 Ich laufe einer kleinen Buchhandlung über den Weg und gleich hinein. Der freundliche alte Besitzer empfiehlt mir ein Buch über chilenische Geschichte. 300 Seiten spanische Fachsprache – ich habe ein Projekt für die nächsten zwei Monate. 20.30 Das nächste Projekt ist ein Bier und ein Abendessen. Das nehme ich zu mir in der kleinen, durchgeknallten Bar „El Diablito“. Hier hängt James Dean neben einem silbernen Diskostiefel an der Wand; von der Decke baumeln ein Ochsgeweih und ein paar Kupferpfannen. Eventuell habe ich eine Lieblingskneipe. 22.00 Todmüde laufe ich zurück ins Hostel. Ich weiß immer noch nicht, ob es mir hier gefällt. Aber ich mache mir große Hoffnungen. Open your heart, Santiago de Chile.


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