Herbstblätter - eine Liebesgeschichte???
Weißt du, manchmal denke ich, ich bin wie ein Blatt, dass einen Gebirgsbach hinunter gespült wird.Das manchmal an einem Stein aneckt oder sogar kurz hängen bleibt. Das von der Strömung mitgerissen und herumgewirbelt wird. Und du bist auch eines. Manchmal treibst du direkt neben mir dahin und manchmal bist du so weit weg, dass ich dich nur noch ganz undeutlich erkennen kann. Früher mal kannte ich den Bach noch nicht, da war ich noch ein Blatt von vielen an einem Weidenbaum am Ufer. Es ging mir gut da und ich musste mir kaum irgendwelche Sorgen machen. Manchmal ist das eine oder andere Blatt vorbeigekommen, vielleicht sogar eine Zeit lang am Ufer hängen geblieben, aber nichts hat mich dazu gebracht unsicher zu sein oder unzufrieden. Bis zu dem Moment, in dem du gekommen bist. In dem Moment bin ich gefallen. Mein Blatt ist auch gefallen, als deines vorbeigekommen ist. Es hat sich vom Baum fallen lassen, direkt zu dir in die Strömung. Dein Blatt ist so ganz anders als meines. Meines ist ein kleines dünnes Weidenblatt, aber fest und es hält einiges aus. Deins ist viel größer und sieht viel stärker aus, aber manchmal glaub ich, dass das vielleicht nur täuscht. Was genau du bist, das weiß ich nicht, nur, dass du ganz anders bist. Und trotzdem ist mein Blatt gefallen. Zu dir. Von da an sind wir beide immer weiter in Richtung Tal geschnellt. Und es hat nicht lange gedauert, da haben wir uns ineinander verfangen, obwohl wir so unterschiedlich sind. So unterschiedlich groß, so unterschiedlich schnell und obwohl unsere Geschichte so verschieden ist. Du bist schon lange in diesem Bach unterwegs. Ich kannte immer nur meinen Baum und die, die daran vorbeikamen. Aber dann kamst ja du. Und in dem Moment in dem wir uns das erste Mal berührt haben wusste ich, dass wir uns ineinander verfangen würden. Und es war ja dann auch so. Aber dann mussten wir uns wieder ein bisschen voneinander lösen, weil eine Welle uns in unterschiedliche Richtungen zog. Aber wir waren immer noch nicht fern voneinander. Bis ein paar Tage später die Stromschnelle kam. Die hat uns auseinander gerissen. Aber ich bin nicht auf sie zugetrieben, du hast uns zu ihr hingelenkt, du musstest auf der Welle reiten, die sich an diesem Stein gebrochen hat. Und jetzt trudeln wir so weit entfernt voneinander weiter, dass ich dich kaum noch sehe, nur manchmal, wenn eine Welle dich ein bisschen in meine Nähe wirft. Mein Blatt würde deinem so gerne wieder näher kommen und dein Blatt meinem vielleicht auch, aber die Strömung ist so stark, dass wir nicht dagegen ankommen. Sie reißt uns immer weiter mit und das einzige, was wir tun können im Moment ist aufpassen, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren. Aber dann ist ja auch noch dieses dritte Blatt. Früher hat es einmal zu dir gehört, vielleicht stammt ihr ja vom selben Baum, vielleicht seid ihr euch ähnlicher, als wir es sind. Das dritte Blatt will dich nicht mehr haben, es sucht sich seinen Weg ganz unabhängig von dir, aber du kannst es nicht hinter dir lassen und wenn es etwas zurückfällt, dann suchst du dir Halt an einem Stein oder an der Uferböschung, damit du auf das dritte Blatt warten kannst. Vielleicht musst du einfach noch ein bisschen weiter treiben und dich mitreißen lassen, vielleicht bleibt das dritte Blatt dann irgendwann an der Uferböschung hängen und du verlierst es aus den Augen, weil du vielleicht gar nicht mehr darauf achtest. Es treibt schon viel länger mit dir, es war ja schon da, bevor ich von meinem Baum gefallen bin, in dem Moment, als du vorbeigekommen bist. Und egal wie es ist. Ich würde jeden Tag wieder fallen wollen.
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