12.11.2004 - 17:51 Uhr

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Im Spiegel zu sehen

Text: Punkratz

Die Metaphern des Politikers auf der knisternden Scheibe klingen hohl und leer, noch leerer als der müde Beifall des Publikums.

Das Gesicht, dass ihr aus dem golden verzierten Rahmen entgegen blickt sieht aus, als gehöre es einem Wesen, das nicht mehr von dieser Welt sein könnte. Ihre Hautfarbe passt dich dem heruntergetropftem Wachs auf dem gusseisernen Kerzenständer an und in ihren Augen liegt so viel Erschöpfung, dass ein Schichtarbeiter wochenlang damit auskommen könnte. "Unser Erfolg kam wie in einem Streitwagen und ich wähle diesen Vergleich aus der Zeit der alten Römer nicht etwa zufällig..." Sie hebt das Glas und betrachtet interessiert die kleinen Schlieren, die die Spülmaschine mit ihrer unsanften Behandlung hinterlassen hat. Das Licht der Kerze wird zwischen Spiegel und Glas hin und her jongliert. Die monotone Stimme aus ihrem eigenen Mund macht endlich Schluss mit den verworrenen Zukunftsbildern ihres Wunschdenkens. Der Politiker verbeugt sich. Sie winkt ihm zu. Zieht die Mundwinkel spöttisch nach oben. Der Spiegel wirft ihre Grimasse zurück und sie erschrickt. "Das bist nicht du," sagt eine Stimme, die sie nicht hört. Die Stimme dreht sich wieder und löst sich in der kalten Luft der Fensterritze auf. Sie zieht die Schultern nach oben, lauscht auf das Miauen der Katze draußen auf der Straße. Ihre Zehen nehmen langsam aber sicher die Temperatur von Eiswürfeln an. Ihr Finger malt Kreise auf den Tisch, mit dem Wasser, das über den Glasrand geschwappt ist, als sie es eingeschenkt hat. Der Spiegel hält ihr ihre Einsamkeit gnadenlos vor die Augen. Sie zuckt die Schultern und sieht in die andere Richtung, wo das Porzellan leise im Schrank zittert, weil sich der Lastwagenfahrer, der vorbeifährt nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält. Ein Journalist fragt den Politiker nach seinen nächsten Plänen. "Erst einmal nach hause zu meiner Familie". Der Spiegel fängt wieder ihren Blick. Ihre Hand sucht das Glas und findet es. Ihre Zunge spürt den letzten Schluck. Das Glas fällt in einem vollendeten Bogen und trifft den Spiegel genau zwischen ihren müden leeren Augen. Die Scherben die zu Boden fallen glitzern im Kerzenlicht. Der Spiegel hat einen Sprung schräg über ihrer Nase. Sie lächelt. Lässt alles stehen und liegen. Zieht sich an und geht


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