Homöopathische Dosen
Zwischen den Exzessen, die heute institutionalisiert zum Alltag gehören, ist es irgendwie furchtbar wichtig, den Rest des Lebens nur in geringen Mengen zu sich zu nehmen, damit man das von Feng Shui gepredigte innere Gleichgewicht behält.Öfter mal kleine Häppchen machen satt. Spartanische Drapierung von Speiselchen im Luxus-Restaurant. Und in der Zeitschrift für die Frau von heute steht auch: „Lieber öfter mal was kleines Leichtes als die große Ladung am Abend“. Light-Versionen von Schokoriegeln, die dann genauso schmecken, nur zweigeteilt wurden anstatt ein großer Schokoklopps zu sein und von jedem Produkt auch noch mal die Mini-Version. Die Wohnungseinrichtung gleicht dann auch Museumssälen, man nimmt nur noch das nötigste und persönliche Gegenstände oder Papierkram werden gleich einsortiert, zerschreddert oder sammeln sich gar nicht erst an. Ein Bett, einen Schreibtisch, ein paar Platten, mehr braucht der Mini-Light-Dosen-Exzess-Mensch in der Großstadt nicht. Man staucht die Dinge auf´s Nötigste zusammen, um mehr Platz für die eigene Entfaltung zu haben. Fotos hat man Festplatten, die sehen schick aus und stauben nicht ein. Und wenn man sich richtig gut macht, kommt man als „tolles Wohnbeipiel“ auch in die Zeitung der Frau von heute. Und „Liebe“ in homöopathischen Dosen soll wirken. Die Umsetzung dieser Empfehlung zeigt verschiedene Ausläufer. Die einen trauen sich nicht ans große Gefühl, die nehmen sich hier und da jemanden mit, das macht satt und hinterher muss man nicht kotzen, weil es einen vielleicht überfordert oder zuviel war. Die Mitbringsel des Abends machen sich ganz gut in den riesigen Räumen ohne Charakter und hinterlassen auch keine blöden Spuren am Morgen. Die schiebt man dann in die Straßenbahn und gut is. Die anderen schieben sich vielleicht auf zwei verschiedene Kontinente und halten so den Ball flach. Kommunikation im Sparpaket, bis man sich dann doch den großen Anschluss legen lässt. Immer gerade soviel, dass man nicht sagen kann, man hat genug davon. Wir schlucken nicht mehr die großen Betäubungskapseln, wir nehmen die kleinen Kügelchen. Alle zwei Stunden zwei unter die Zunge, das wirkt dann nach ein paar Wochen sogar. Die Zeit bis dahin redet man sich ein, dass es klappt. Irgendwann glaubt man daran. Dann geht´s eventuell auch von allein.
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31.10.2005 - 10:58 Uhr
louis82