02.09.2005 - 13:16 Uhr

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(Emma und Jonas) Wortwand Wundbrand

Text: emosozialprodukt

Es klirrt und scheppert und wütet innen und außen, als er die Scheibe zerschlägt, als sich das Glas zwischen die Rillen der Pflastersteine legt.

Das Taschentuch als neuen Zellstoff, schnell rot und röter gefärbt, schnell eins geworden mit den Schnitten in der blassen Haut. Er schaut nicht hinunter, er legt den Arm nur ab, weil es schmerzt. Weil er schon vorher wusste, dass es schmerzt. Weil eine Taubheit zwischen ihnen lag von Anfang an, die man nicht Taubheit nennen kann. Weil Stille nicht immer Ruhe ist und man im Vakuum noch schneller fällt. Es klirrt und scheppert und ihre Augen reißt sie auf, als er die Scheibe zerschlägt und ein bisschen Glas auf ihre Schuhe wirft damit. Stößt sie beim Zurückweichen in der Schrecksekunde unsanft gegen das Auto hinter sich und die Alarmanlage brüllt eine Explosion in die Nacht. Das Herz rennt um die Wette mit ihm die Treppen hinunter. Die Haustür stößt er auf, unsanft und mit dem falschen Arm und sie steht noch da, das Fiepen des Autos ohrenbetäubend wie alles, wie die Worte von eben aus dem Hörer. Es knackt unter seinen Schuhen, überall Glas unter leisem Laternenlicht. Sie weint nicht, er atmet laut. Und irgendwo fährt Polizei oder Krankenwagen, irgendwo eine Straßenbahn, hier vor der Nase die große Sirene, das kleine verwirrte Schauspiel zweier Clowns. (Dir nicht gehören, dir niemals gehört haben und jetzt alles von mir weisen, ich habe Angst, Angst, Angst vor dir, weil deine Augen so groß und starr sind, weil ich nicht dachte, dass du Scheiben zerschlägst, wenn ich dir sage, was eh alles wussten, dass du nicht meine Leidenschaft bist, schau mich nicht, schau mich nicht so an, du wusstest es auch, geh wieder hoch, geh schlafen, lass mich nach Hause gehen) Kleine Schritte macht er in kleinem Kreis, im Takt des Lärms und des Atmens und dabei noch das Knacken der Scherben unter den Schuhen, während sie einer Katze nachsieht, die aus dem Hof gerannt kommt. Von rechts nach links, Glück bringt´s. Von links nach rechts, bringt´s schlechts. Im Geiste hat sie wieder das Klassenzimmer vor Augen, erstes Schuljahr und wie man ihr anhand der Daumen erklärte, welche Richtung wie heißt. In der Fahrschule noch hatte sie Probleme, seitdem trägt sie den Ring am linken Daumen. Den braucht man nicht oft. (Sadistische Kuh oder hilfloses Kind, du sprichst wie das eine und schaust wie das andere, alles wussten es und ich als Blindgänger, warum gehst du nicht oder küsst mich nicht, steh nicht so da, sondern sieh mich an und wiederhol alle diese Worte von eben, all das noch einmal und hab einmal Mut, mir selber in die Fresse zu schlagen und nicht immer von fern, nicht immer mit Sicherheitsabstand) Er geht davon. Keine Kreise mehr, nicht auf die Linien treten, da liegt das Glas, denkt er sich, da kann man hineinfallen, kommt noch dazu. Wie immer und ständig, wenn man denkt, das geht gar nicht, das ist nicht tief, darin ertrinkst du nicht. Dann kommt jemand auf dumme Ideen und schnürt dir die Füße zusammen und schon liegst du da mit dem Kopf in der Pfütze und musst noch lachen, während du ersäufst, weil dein Bild von der Logik der Welt sich umgekehrt hat mal soeben und noch im Röcheln und Spucken siehst du sie und wie sie nur zuschaut, denkt er. Und geht. Während sie aufatmet, weil sie meint, das sei es jetzt gewesen, jetzt hat er es verstanden, jetzt ist es vorbei und gut so. Wohin er geht, weiß sie nicht und nicht einmal, ob es ihr egal ist. In den Rillen zwischen den Pflastersteinen liegt das Glas noch anderthalb Wochen.


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3 Kommentare

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Rockmaedchen
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Mag ich Mag ich nicht

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02.09.2005 - 14:20 Uhr
Rockmaedchen

/// Jetzt sind wir still, nur zur Ruhe kommen wir nicht... -

schrieb ich und nicke beim Lesen Deiner Worte und nächste Woche schreibe ich, weil Du mich inspirierst mit Deinen Worten.

ZElTL0S
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Mag ich Mag ich nicht

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03.09.2005 - 23:11 Uhr
ZElTL0S

immer wieder lesenswert *

El_Brosiatschi
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.09.2005 - 23:07 Uhr
El_Brosiatschi

Die Texte aus deiner Emma-Reihe gefallen mir auch der Schreibstil - die Absätze mit den Gedanken -echt gut.
(und sogar Physikalisch korrekt: "...und man im Vakuum noch schneller fällt.") ;-)

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